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Statt Braten: Kunstwerke aus Essen

Statt Braten

Von HANNAH BETHKE, Fotos von MARTIN ROLLER

12. Dezember 2016 · Weihnachtsessen sind ein langweiliges Ritual. Wir probieren neue optische Reize für ein achtgängiges Festmenü. Guten Appetit!

Mit Essen spielt man nicht.“ Diesen Satz bekamen wir als Kinder oft zu hören – vielleicht allzu oft, denn manch einer geht im Erwachsenenalter plötzlich mit Freuden dem nach, was in der Kindheit verboten war: einem entgrenzten kulinarischen Spieltrieb. Hier wird mit Essen Schabernack getrieben, als gäbe es kein Morgen. Aus Äpfeln werden Eulen, aus Spiegeleiern Blumen, aus Tomaten und Lauch ein Fahrrad, und auf fast jedem Teller, der food-art-gerecht drapiert wird, zeigt sich ein Gesicht: Wurstscheiben mit zwei Mozzarella- Augen und Möhrennase, Toast mit Apfelmund, Paprika mit Blaubeer-Ohren und Gurken-Brille.

Sind das Spätfolgen erzieherischer Repression, die nun in ihr Gegenteil verkehrt wird? Man weiß es nicht. Klar ist nur: In diesen Sphären oralinspirierter Kreativität ist alles möglich und alles erlaubt – „Spaghettigitarren“, „Elektrogurken“ oder „Bockflöten“.

So betitelt der Künstler Martin Roller seine Kunstwerke, die auf diesen Seiten zu sehen sind. Der Grafikdesigner und Illustrator aus Berlin betrachtet seine Arbeit aus verschiedenen Perspektiven. Handwerker, Bildhauer, Maler, Fotograf: Er ist alles zugleich. Seine bildhauerische Tätigkeit zeigt sich in der Orange, die er zum „Orangenglobus“ verarbeitet hat. Auch der „Apfelburger“ zeugt von handwerklichem Raffinement; einen Apfel muss man schließlich erst einmal burgergerecht schneiden.

Nichts für Vegetarier sind das Bild von rohem Fleisch auf Panade-Teller („Paniertes“) und der „Fleischkuchen“, dessen Präsentation auf großmütterlichem Geschirr die Sache erst so richtig appetitlich macht. Musikfreunde kommen beim Betrachten der „Bockflöte“ auf ihre Kosten, Heimwerker werden mit den „Elektrogurken“ bedient. Und der „Puzzlekuchen“ wird Liebhaber von Pfannkuchen erfreuen und erst recht die Freunde eines gediegenen Geduldsspiels.

Der kulinarische Genuss geht auf diesen Bildern über den Tellerrand hinaus – bis hinein in ethische Debatten. Denn bei allen Arbeiten handelt es sich natürlich um reale Objekte, die Roller aufwendig inszeniert und fotografiert. Kein 3D-Programm, keine Fotomontage half bei diesem Festtagsmenü. Es sind echte Lebensmittel, die aus künstlerischer Absicht zweckentfremdet werden. Wollen wir das? Das ist die Frage, die der Künstler an all unsere Ernährungsgewohnheiten stellt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 09.12.2016 18:27 Uhr