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„Superfood“ Kokosnuss : Paradieskugel

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Erinnerungen an die Urlaubszeit, Exotik, Jahrmarkt und Adventsgefühle – all das ist in der Kokosnuss versammelt. Bild: Picture-Alliance

Die Kokosnuss fristete hierzulande lange ein Schattendasein. Warum nur wird sie auf einmal hip?

          Sie steht für eine ferne Welt. Palmen, Sonnenbrille, Abschalten. Wer sie knackt und genießt, der erlebt Entspannung im Hier und Jetzt. Das Problem beginnt aber schon beim Knacken: Hammer, Beil oder Säge? Alles schon mal ausprobiert. Nun ja, lassen wir das, es gibt die Frucht ja bereits geöffnet: in Raffaello oder Bounty, Makronen oder Kokosschnitzen. Da steckt sie drin. Allerdings, wenn man an die grünen, jungen Kokosnüsse auf den Philippinen denkt, dann eigentlich eher doch nicht. Die herrliche Vielfalt, die die Frucht wirklich bieten kann, ist in Deutschland bisher auf der Strecke geblieben. Alles, was bisher auf dem Markt war, war entweder zuckersüß oder staubtrocken. Na gut, noch ein paar Kokosmilchkonserven. Das war’s dann aber schon.

          Seit Kurzem ist allerdings etwas anders. Kommt man in einen Supermarkt, einen Naturkostladen oder ein Asien-Geschäft, dann ist die Kokospalette breiter, als sie es je war: Kokosmus für eine Scheibe Brot am Abend. Oder Kaffee mit Kokoswasser, eine Spielerei, aber egal. Denn all diese Lebensmittel erinnern viel mehr an den nussigen, frischen Geschmack und die saftige, etwas glitschige Konsistenz der Kokosnuss. Endlich. Ich warte praktisch seit meinem fünften Lebensjahr darauf, dass diese Vielfalt, die ich vom Urlaub auf den Philippinen kenne, hier ankommt. Die Philippinen sind die Heimat meines Vaters und stehen als Kokos-Produktionsland auf Platz zwei. Woher kommt plötzlich dieses Glück, diese vielen unterschiedlichen Produkte hier in Deutschland zu finden?

          Die Nuss weckt Erinnerungen an die Urlaubszeit

          Die Frucht ist mit vielen Emotionen behaftet, darum muss man auf ihre Vergangenheit schauen, ein wenig Kokos-Psychologie betreiben. Der Stuttgarter Schausteller und Besitzer von „Hawaii-Früchte“, Gilbert Nielsen, ist einer der wenigen, die auf Jahrmärkten noch bewässerte Kokosschnitze verkaufen. Mit seinen fröhlich-bunten Früchtewagen voller Liebesäpfel, Schokospieße und eben Kokosschnitzen ist er seit Mitte der 1990er Jahre unterwegs. Er verkauft auf Düsseldorfs „Größter Kirmes am Rhein“, auf dem Bad Homburger Laternenfest, dem Cannstatter Wasen in Stuttgart oder auch dem Bremer Freimarkt.

          Am Strand von Copacabana trinkt man schon lange Kokoswasser. Jetzt ist die Frucht auch anderswo immer angesagter,

          Auf die Frage, warum seine Kunden Kokosnuss kaufen, sagt er, dass die Schnitze erfrischend seien. „Gerade in den 1990ern hat es die Kunden an ihren Italien-Urlaub erinnert“, sagt er. Seine Kunden hätten ihm von italienischen Stränden erzählt, von den Liegestühlen in der Sonne – und den Verkäufern mit ihren Plastikschüsseln. „Cocco Bello!“, hätten sie gerufen und Kokosschnitze verkauft. Diese Erinnerung, glaubt Nielsen, sollte hier wieder aufleben. „Wir haben damals eine Art Vorführung gemacht, es war eine kleine Sensation“, erzählt er und beschreibt, wie sie die braunen Nüsse hinter Plexiglas mit einem Beil in Schnitze gehauen haben. Heute ist die Vorführung Geschichte, aber die Schnitze sind noch da. Über ihnen ein kleiner Wassersprenkler, neben ihnen Schokobananen mit Kokosraspeln. Die würden übrigens sehr gut laufen, sagt Nielsen.

          Erinnerungen an die Urlaubszeit, Exotik, Jahrmarkt, Kokosnuss. Dort knüpft auch der Kulturwissenschaftler Markus Schreckhaas von der Uni Regensburg an. Er ist bei Esskult aktiv, einem Verein von Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaftlern, die sich mit Ernährungsverhalten beschäftigen. Und er weiß, warum sich die neuen Kokosprodukte, im Gegensatz zu anderen kurzlebigen Trends, so gut auf dem Markt halten: „Deutsche verbinden den Geschmack Kokos mit einem schönen Erlebnis: mit der Kirmes oder Mess’ und mit dem Advent – Weihnachtsplätzchen mit Kokosraspel.“ Das Glück aus der Keksdose und der Jahrmarktsbude sei im Gedächtnis positiv abgespeichert, und das lasse uns nicht nur einmal zu Kokoswasser und Co. greifen.

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