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Veröffentlicht: 31.01.2016, 08:15 Uhr

Weltküche Brot von der Welt


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Stimmung schon fast weihnachtlich

Los geht's mit den Vorspeisen: Baba Ghanoush, ein Auberginenmus, und der Gurken-Minze-Salat „Salatit Khiyar“. Dazu gibt es arabisches Pitabrot. Während die ganzen Auberginen im Ofen rösten, von denen man später leicht die verbrannte Haut abziehen kann, schnippeln die Gäste Gurken, Kräuter und Zwiebeln klein und bereiten schon einmal die Fleischbällchen für das Hauptgericht vor. Ahmed erklärt, dass beide Salate in Ägypten eine typische Grillbeilage sind; nebenbei gibt er Teilnehmer Oliver Starthilfe beim richtigen Zwiebelschneiden. Die Gewürze und Kräuter, so erklärt er, stammen fast alle aus dem türkischen Supermarkt. Allmählich weicht der Renovierungsgeruch dem von Kreuzkümmel, Kardamom und Knoblauch. Die Stimmung ist schon fast weihnachtlich mit dem Kerzenlicht und dem festlichen Tisch. Dafür, dass unbekannte Menschen aus unterschiedlichen Kul turen aufeinandertreffen, geht es recht familiär zu.

Kochen mit "Food Fellows" - Um die Küche mit Migrationshintergrund kennenzulernen kocht der Ägypter Ahmed mit deutschen Gästen in Berlin-Schöneberg.. © Julia Zimmermann Vergrößern Pitabrot ganz ungewohnt.

Ahmed bereitet noch das Brot zu. Wer Pitabrot als pappige Beilage kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Der Hobbykoch hat die Fladen in der Mitte zerteilt, anschließend gerollt und mehrere Rollen davon in Frischhaltefolie zehn Minuten in Form gepresst, bevor er sie in kleine Ringe schneidet und mit etwas Olivenöl und einer guten Prise Sumak (einem roten Pulver, das schmeckt wie säuerliches Salz) im Ofen röstet. Die Brotchips werden mit den beiden Dips am Tisch serviert. Zeit, sich noch besser kennenzulernen. Und Zeit, dass Ahmed ein wenig von sich erzählt.

Ahmed ist in Kairo aufgewachsen und hat dort Jura studiert. Später arbeitete er als Sales Manager. Eigentlich führte er ein gutes Leben in Ägypten. Wären da nicht die archaischen Gewohnheitsrechte. Ahmed drohte wegen eines Streits über ein Stück Land die Blutrache. Er erhielt von einer anderen Familie, „Salafisten“, wie er sagt, Todesdrohungen. Auch seine Frau und seine Kinder waren davon betroffen. Also suchte er die Flucht. Über ein Touristenvisum landete er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern vor zwei Jahren in Dortmund. Er konnte kein Wort Deutsch, hatte dort auch keine Verwandten. Mittlerweile wohnt er mit seiner Familie in einer kleinen Wohnung in Berlin, auch Nachwuchs gibt es. Durch „Über den Tellerrand“ hat er auch einen Job gefunden: eine Teil zeitstelle in einer Taxi-Zentrale. Weil ihm die Büroarbeit jedoch zu langweilig ist, sucht er den Ausgleich über das Kochen. „Am glücklichsten“, sagt er, „macht es mich, wenn man mein Essen lobt.“

Nachtisch in Ägypten eigentlich ein Frühstück

Doch die Gespräche über das Essen sind nun erst einmal verstummt. Statt ihn weiter nach den Zutaten zu fragen, richten sich die Fragen der Gäste nun an seine Erfahrungen in Deutschland. Als Ahmed von rechtsradikalen Beschimpfungen berichtet und erzählt, dass er sich in Deutschland nicht mehr so sicher fühlt wie vor zwei Jahren, dreht sich das Thema schnell um die Pegida-Demonstrationen. Katrin und Danuta, zwei Berlinerinnen Anfang dreißig, sichern Ahmed zu, dass auch sie solche Demonstrationen verurteilen. Alle anderen Gäste pflichten ihnen bei. Nach den Vorspeisen werden Zukunftsvisionen zur Einwanderungswelle formuliert. Aus dem beschaulichen Kochkurs am Sonntagabend ist nun eine politische Debattierrunde wie im Fernsehen geworden.

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Darüber wird der Hauptgang fast vergessen. Zum Glück sind die Fleischbällchen schon im Ofen. Fehlen nur noch die Beilagen, ägyptischer Reis mit kleinen Nudeln und Bohnen in Tomatensoße. Aber der ist schnell gemacht. Während die Hälfte der Kochkursteilnehmer Ahmed dabei interessiert zusieht, diskutiert die andere Hälfte am Esstisch weiter. Kurz darauf sitzen alle wieder beisammen und tauschen sich weiter aus. Auch Notizzettel mit Kontakten und Tipps gehen umher. „So entspannt und freundschaftlich wie heute war es bislang noch nicht“, freut sich Lisa.

Nahtlos geht es mit dem Nachtisch weiter. Es ist schließlich schon nach 22 Uhr. Morgen müssen die meisten wieder arbeiten. Wie passend, dass der Nachtisch in Ägypten eigentlich ein Frühstück ist: gekochter Hafer mit Milch, Zucker und Zimt. Schmeckt wie Milchreis. Und spätestens danach sind alle satt. Nur die Lust aufs Reden ist geblieben.

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