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Wundertrank Knochenbrühe : Vergesst Gojibeeren!

Was man für die vermeintliche Gesundheit nicht alles tut: zum Beispiel Knochenbrühe statt Kaffee trinken. Bild: EVAN SUNG/The New York Times/Red

Der moderne Großstädter trinkt Knochenbrühe. Die soll unser Immunsystem stärken und schöne Haut zaubern.

          Immer, wenn Popeye magische Kräfte brauchte, öffnete er eine Büchse Spinat, verschlang das Gemüse, und prompt wuchsen ihm gigantische Muskeln. Spinat war Popeyes Superfood. Müsste man dem Matrosen ein neues, zeitgemäßeres Wunderlebensmittel andichten, wäre es wohl die Knochenbrühe. Ja, Knochenbrühe (oder bone broth), aber keine ordinäre, kurz und lieblos gekochte, sondern ein mit Ingwer, Thymian, Sellerie, Karotten und allem Möglichen sonst verfeinerter Trunk aus Bio-Knochen von Weiderindern oder glücklichen, freilaufenden Hühnern.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Zubereitungszeit sollte bei mindestens 18 Stunden liegen, dann entfaltet die Brühe ihre wundersamen Kräfte. Knochenbrühe, so das Marketingversprechen, stärkt Knochen und Gewebe, ist eine großartige Mineralstoffquelle, wirkt positiv auf das Immunsystem, kurbelt die Verdauung an und zaubert schöne Haut sowie schöne Haare. Und schöne Nägel.

          Knochenbrühe, die von innen glättet

          Hierzulande vertreibt die in Amerika zum Trendfood avancierte Brühe zum Beispiel der Online-Shop Jarmino, auf dessen Homepage es heißt: "Unsere Hühnerknochenbrühe Boost ist ein wahres Kraftpaket." Neben ihrer lindernden Wirkung bei Erkältung und grippalen Infekten sei die Knochenbrühe ein Schönheitselixier, auf das Hollywoodstars wie Salma Hayek, Gwyneth Paltrow oder Shailene Woodley schwörten. Jarmino geht sogar noch weiter und empfiehlt: "Vergessen Sie Botox!"

          Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass das Trinken von Knochenbrühe bestimmte, für Falten verantwortliche Gesichtsmuskeln lähmt, sondern die Haut ganz natürlich von innen glättet, was freilich Unsinn ist. 350 Milliliter der Knochenbrühe Huhn Boost kosten übrigens 4,99 Euro. Bone Brox aus Berlin hingegen verkauft ausschließlich Brühe aus Rinderknochen. Im Sechserpakt (je 250 Milliliter) kostet die Bio-Knochenbrühe 23,70 Euro.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

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          Ebenso wie Chia-Samen oder Goji-Beeren profitiert die Knochenbrühe davon, dass Lebensmittel heutzutage nicht einfach Lebensmittel sind, sondern gleichzeitig Lifestyle-Statements. Man ist, was man isst - oder eben trinkt.

          Nostalgische und minimalistische Verpackungen

          Indem Marketingexperten auf den gesunden Lebensstil vermeintlicher Ernährungsgurus wie der Schauspielerin Gwyneth Paltrow, die immerhin mal einen Oscar gewonnen hat, verweisen, machen sie sich den "Halo Effekt" zunutze. Halo stammt aus dem Englischen und lässt sich mit Heiligenschein übersetzen. Dieser Überstrahlungseffekt irgendwelcher Prominenter blendet mitunter gehörig, verzerrt den Blick auf die Realität und suggeriert, dass die Werbeträger über fachliche Kompetenzen verfügen, die sie in der Regel gar nicht haben. Dass auch die Produktverpackung eine große Rolle spielt, versteht sich von selbst.

          Je minimalistischer, desto besser. Im offenen Küchenregal macht sich eine Knochenbrühe von Bone Brox besser als eine Dose Ravioli. So oberflächlich das auch klingen mag, in Zeiten der Trophy Kitchen ist dieser Aspekt nicht unerheblich. Auffallend häufig ziehen Unternehmen die Nostalgie-Karte. Bei Bone Brox heißt es: "Ein uraltes, indianisches Sprichwort besagt: ,Eine gute Brühe lässt die Toten auferstehen.' Wir wollen keine Toten heraufbeschwören, aber wir wollen eine vergessene Tradition aus Omas Zeit in die Moderne bringen." Großmütter ziehen eigentlich immer.

          Kein Unterschied zwischen Brühe und Steak

          Wie gesund ist die Knochenbrühe nun tatsächlich? Dass sie kein Wundermittel ist, ganz egal, wie lange sie auf dem Herd vor sich hin köchelt, liegt auf der Hand. Der Ernährungswissenschaftler Bernhard Watzl vom Max Rubner-Institut in Karlsruhe brachte es in einem Interview auf den Punkt. Die Brühe sei "ein traditionelles, gutes Lebensmittel". Nicht mehr und nicht weniger. Und die Stärkung der Knochen? "Die Vorstellung, dass Kollagen aus den Tierknochen herausgekocht wird und über die Suppe direkt in die Knochen des Menschen wandert und diese stärkt, ist ganz sicher zu einfach."

          Dafür sei unser Stoffwechsel schlicht zu kompliziert. Und das Kollagen? "Ob man nun Brühe trinkt oder ein Steak isst, dürfte dabei auch keinen großen Unterschied machen, der Stoff steckt in jedem tierischen Gewebe." Dem Hipster ist das egal und die Marketingexperten lachen sich derweil ins Fäustchen. Das Trendgetränk Knochenbrühe wird wohl nicht so schnell wieder vom Markt verschwinden.

          Quelle: F.A.Z. Woche

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