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Aktualisiert: 29.01.2016, 18:22 Uhr

Insektennahrung Grille mit Dip gefällig?

Sie gelten als wahre Proteinbomben und könnten künftig eine Alternative zum Fleischkonsum bieten: Insekten. Doch lässt sich unser Ekel vor der krabbelnden Nahrung überwinden?

von Christine Dohler
© Reuters Leckerer Snack: Cupcake mit Mehlwürmern und Heuschrecke

Für die tägliche Dosis Proteine jagt Christine Stumpf in ihrem Garten. Dort fängt sie Grillen oder Heuschrecken. In ihrer Küche wirft sie die tierische Zutat dann zusammen mit Salz, Pfeffer, Öl in die Pfanne, und fertig ist die frische Mahlzeit. Die Krabbeltiere, erzählt sie, schmeckten fein nussig - und seien zudem gesünder als Schweine, Kühe oder Hühner: „Sie haben deutlich weniger Fett als Rindfleisch, aber ebenso viel Eiweiß. Dazu kommen noch Omega-3-Fettsäuren, Eisen und Zink, die oft ein Mangel bei Vegetariern sind“, sagt Stumpf. Letzteres ist für die Hamburgerin nicht unwichtig, denn Vegetarierin ist sie eigentlich auch, aus ethischen Gründen. Natürlich, so sagt sie, seien die Vielbeiner auch Tiere, die für unseren Speiseplan sterben müssen - aber sie habe beim Verzehr nicht so ein schlechtes Gewissen, weil deren Produktion die Ressourcen mehr schont als die von anderem Fleisch.

„Entomophagie“ - so heißt der Fachbegriff für „Insekten essen“. Klingt befremdlich - dabei soll das Phänomen gesellschaftsfähig werden, nicht nur wenn es nach Leuten wie Stumpf geht, die im Übrigen auch Gründerin des Internetportals „essenbeifreunden“ für gemeinsames Kochen ist. Die Welternährungsorganisation glaubt ebenfalls, dass Insekten in der Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Nahrungssicherung der Menschheit leisten werden. Die EU fördert Forschungsprojekte zu dem Thema.

Über sieben Milliarden Menschen können nicht regelmäßig Fleisch essen

Es sollte mittlerweile bekannt sein: Rund acht Milliarden Menschen können nicht regelmäßig Steak, Schnitzel und Fischstäbchen essen. Bleibt der Konsum so hoch wie derzeit, wird es schwer, alle Menschen mit tierischem Eiweiß zu versorgen. Dazu leidet die Umweltbilanz: Wälder werden für Weideflächen gerodet, Unmengen an Wasser werden für den Anbau von Futter verbraucht, und das Methan aus der Rinderverdauung heizt den Treibhauseffekt an.

To match feature VIETNAM-CRICKETS © Reuters Vergrößern Heuschrecken zum Mittagessen

Insekten sind weitaus unschädlicher, was die Ökobilanz betrifft. Massentierhaltung? Mehlwürmer und Käfer lieben es, wenn sie dicht auf dicht wuseln können. Außerdem gibt es sie eh in (viel zu) großer Zahl. Insekten sind die Tiere, die auf der Erde am häufigsten vorkommen. Wasserverbrauch? Die Produktion von einem Kilo Steak verschluckt etwa 15 000 Liter Wasser, die entsprechende Menge Insekten nur 15. Tötung? Man muss einfach die Temperatur absenken, und die Krabbeltiere sterben wenig leidvoll im Schlaf. Brutaler, aber ebenfalls effektiv: Sie bleiben, lebend eingefroren, im Kühlschrank bis zu einen Monat lang frisch. Und dass Kakerlaken überhaupt dieselben Emotionen wie eine Kuh haben, ist nicht bewiesen.

© Reuters, afp Alternative Ernährung: Mehlwürmer in der Küche züchten

Rund 1900 Insektenarten werden von uns bereits verzehrt

Diese Zahlen und Fakten klingen zwar gut, und die Versuche, unser Nahrungsspektrum zu erweitern, erscheinen nachvollziehbar. Aber spätestens jetzt werden einige Leute aufschreien: „Ihhh, Insekten sind eklig und werden doch höchstens von geldgierigen Prominenten im ,Dschungelcamp‘ als Mutprobe verspeist!“ Doch für rund zwei Milliarden Menschen auf der Welt stehen Insekten längst auf dem täglichen Speiseplan: Marinierte Maden und geröstete Raupen gelten vielerorts als Delikatessen.

Also: Schmecken sollen die Alleskönner auch noch. So werden in Südafrika Mopaneraupen verzehrt wie hier ein Würstchen, und Insekten standen auch schon im Gourmettempel „Noma“ in Kopenhagen auf der Karte - einem der besten Restaurants weltweit.

Rund 1900 Arten werden von Menschen verzehrt, darunter auch Wespen und Tausendfüßler. Topfavorit weltweit: Käfer und Heuschrecken. Selbst in Deutschland gab es mal Rezepte mit Krabbeleinlage: Maikäfersuppe. Dafür sollte man pro Person 30 Käfer ohne Flügel und Beine in Butter anbraten und in Brühe garen, dann durch ein Sieb passieren. Mittlerweile kursieren moderne Rezepte für „Mehlwurm-Burger“ im Netz, und es gibt immer neue Insekten-Kochbücher.

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