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Veröffentlicht: 03.03.2014, 14:33 Uhr

Grüne Smoothies Die pürierten Vitaminbomben

Säfte, die zu mehr als der Hälfte aus Gemüse bestehen, sind ein Lifestyle-Trend, wie gemacht für den mobilen Menschen. Sind grüne Smoothies der bessere Salat oder nur eine moderne Form des Lebertrans?

von Philipp Woldin
© Patrick Slesiona Grün - und deswegen auch gesund?

Zuerst schmeckt man die Gurke, dann drängt der Apfel nach vorne, hinten im Gaumen kitzeln Petersilie und Koriander. Erster Gedanke: Gemüsesuppe küsst alten Obstbaum. Der „Hulk“ ist ein gesunder Smoothie für Einsteiger, eine grün-bräunliche Masse, die ein sanftes Prickeln hinterlässt. Der Mix aus Spinat, Apfel und Gurke schmeckt nicht penetrant gesund wie erwartet, vielleicht, weil der Apfelgeschmack dominiert.

Jeder kennt süße Smoothies, Breigetränke aus püriertem Obst, die in den Einkaufszentren dieser Republik verkauft werden. Grüne Smoothies sind die gesunde Variante. Sie bestehen nur zu knapp der Hälfte aus Obst. Dazu kommt viel Pflanzengrün: Spinat, Blattsalat, Möhrenstauden, Knollensellerie oder Petersilie. Die Zutaten gibt man, komplett mit Kernen und Schale, in den Mixer und zerhäckselt und püriert sie. Heraus kommt ein zäher Flüssigbrei, der vor Vitaminen und Pflanzenstoffen strotzt.

Werner Carlos Kesslers Leben kreist seit 14 Monaten um den gesunden Brei. Eigentlich ist Kessler gelernter Gesundheitscoach und malochte jahrelang in einer Werbeagentur. Er arbeitete oft bis spät nachts, fühlte sich ausgebrannt und zog irgendwann die Reißleine. Ein Freund, der lange in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, schlug ihm vor: „Probier doch mal grüne Smoothies.“ Sie trafen sich, der Freund karrte Wildkräuter heran, Brennnessel, Löwenzahn, Vogelmiere, und mischte alles mit Obst. „Bevor ich den ersten Schluck getrunken habe, gruselte es mich“, sagt Kessler. Der Geschmack haute ihn um. Da war etwas, was ihm sonst beim Essen fehlte.

Kessler kaufte sich einen leistungsstärkeren Mixer und trank vier Wochen lang Smoothies. Er fühlte sich fitter und stellte automatisch seine Ernährung um. Mehr Äpfel und Karotten, weniger Fleisch. Dann machte Kessler seine Leidenschaft zum Beruf. Er kümmert sich seit vergangenem Jahr um Website und Marketing der Firma Grüne Smoothies. Das Start-up bietet alles rund um die flüssige Gesundheit - Mixer, Ratgeber und Rezepte. Die Seite startete als loses Netzwerk rund um die Säfte, heute klicken monatlich rund 100.000 User auf die Website.

Smoothies scheinen der Traum jeder Marketingabteilung zu sein. Aber sind sie wirklich gesund? Professor Bernhard Watzl sorgt sich hauptberuflich um das Wohlbefinden der Deutschen; er arbeitet am Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, in Karlsruhe. Watzl sagt: „Wer seine fünf Portionen Obst oder Gemüse am Tag isst, braucht eigentlich keine gesunden Smoothies.“ Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn die Deutschen sollten 400 Gramm Gemüse am Tag verzehren, essen aber durchschnittlich kümmerliche 124. „Wenn Smoothies dazu führen, dass Menschen mehr Gemüse essen, ist das gut“, sagt Watzl.

Im normalen Gemüse und damit auch in den Smoothies stecken Elemente wie Chlorophyll und Carotine, dazu kommen Vitamin C und Ballaststoffe. Diese Stoffe wirken sich positiv aus, besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Sie senken zudem das Risiko, an Krebs zu erkranken. Durch manche Ratgeber geistert das Gerücht, dass die Oxalsäure aus den Pflanzenzellen schädlich für die Nieren sein könnte. Alles Unsinn, sagt Watzl: „Bei normalem Genuss sind Smoothies völlig unbedenklich.“

Das Getränk ist also gesund und mit seiner Mischung aus Nachhaltigkeit, Lifestyle plus einem Spritzer Landlust ein Produkt, das wie für den Zeitgeist maßgeschneidert wirkt. „Der grüne Smoothie passt in unsere mobile, gesundheitsorientierte Zeit“, sagt Food-Trendforscherin Hanni Rützler. Das Getränk ist schnell gemacht, hat eine spannende Konsistenz und schmeckt exotisch frisch. „Die Leute sehnen sich nach Frische und Naturnähe und finden es sympathisch, dass die ganze Frucht - zum Teil mit Kernen und Schalen - verarbeitet werden“, so Rützler.

Der nächste Versuch, diesmal ein Getränk mit mehr Gemüse und weniger Obst. Dieser Smoothie sei noch gesünder, hatte der Verkäufer im Rohkostladen gesagt. War das eine Drohung? Der Smoothie nennt sich „Nutrient Powerhouse“, darin sind Apfel, Brokkoli, Spinat, Sellerie, Gurke, Limette und Ingwer. Der Brei schimmert grün im Trinkbecher, obenauf liegt ein Hauch von weißem Schaum. Er schmeckt noch satter, noch dickflüssiger als der Hulk - mehr eine Mahlzeit als ein Getränk. Er riecht nach Erde, die Limette sticht heraus. An den Geschmack muss man sich gewöhnen, klar. Aber erstaunlicherweise gelingt einem das.

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