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Geschmackssache : Der Spitzenwinzer der Badischen Weinstraße

Burgunder wie Geistesverwandte ihrer Brüder aus der Mittelhaardt Bild: Oliver Sebel

Die Badische Weinstraße ist ein deutsches Anbaugebiet, um das man einen weiten Bogen machen könnte – gäbe es da nicht den Winzer Thomas Seeger.

          Die deutsche Kleinstaaterei ist unausrottbar. Einen territorialen Flickenteppich wie zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation haben wir zwar nicht mehr, doch sein Geist spukt im bundesrepublikanischen Föderalismus weiter und führt zu Bizarrerien am laufenden Band – zu Hochgeschwindigkeitszügen, die fast so oft halten wie Straßenbahnen, um ja keinen Kleinstadtoberbürgermeister zu verprellen, oder zu landesfürstlichen Regionalflughäfen, auf denen Maschinen ungefähr so oft landen wie Meteoriten, weil kein Mensch ein Weltluftdrehkreuz in Lübeck-Blankensee oder Kassel-Calden braucht. Den größten Schaden an dieser Kleingeistigkeit hat aber ein Weinbaugebiet genommen, das einmal eine schöne Prinzessin war und vor 45 Jahren von einer bösen Bürokratenfee in zwei Teile zerschnitten und so in ein doppeltes Aschenputtel verzaubert wurde.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Davon hat sich die Odenwälder Bergstraße bis heute nicht erholt. Ihr hessischer Teil ist zu klein für eine eigene Stimme und hat deswegen Zuflucht unter den Fittichen des übermächtigen Rheingaus gesucht. Und die ebenso winzige Badische Bergstraße wird niemals aus dem Schatten von Badens Weinaristokratie am Kaiserstuhl oder im Markgräflerland treten – auch wenn am Fuß des Odenwalds der Stern eines einsamen Weinguts so hell wie Pollux strahlt.

          „Sohn, du versündigst dich am Wein!“

          Thomas Seeger, der einzige VdP-Winzer an der gesamten Bergstraße, nimmt sein Stiefkindschicksal mit fatalistischer Gelassenheit, verweigert sich im Gegensatz zu seinen Kollegen aber jeder ambitionslosen Selbstgenügsamkeit, keltert stattdessen einen Spitzenjahrgang nach dem anderen und findet Trost – so er ihn überhaupt braucht – in der dreihundertjährigen Geschichte seines Weinguts. In der zwölften Generation führt er es mittlerweile und ist doch der erste Weinbauer aus dem Hause Seeger, der sich kategorisch der Qualität verpflichtet fühlt. Seine Vorfahren machten anständigen Wein, mehr aber auch nicht, und kümmerten sich lieber um die angeschlossene Wirtschaft, die es immer noch gibt und die von den Damen der Dynastie Seeger geführt wird.

          Thomas Seeger wollte ursprünglich gar kein Spitzenwinzer werden, sondern Medizin studieren, um dann die Dorfarztpraxis von Onkel Herbert zu übernehmen. Glücklicherweise war sein Notendurchschnitt zu schlecht und das Schicksal so gut, ihn in die Hände passionierter Weinbaulehrer zu geben. Er fing Feuer, studierte in Geisenheim, schrieb die erste Diplomarbeit Deutschlands über ökologischen Weinbau, übernahm den Familienbetrieb und legte sich erst einmal mit den Altvordern an. In Frankreich kaufte er für teuer Geld die besten Barriques und eine komplette Versektungsanlage. Und in den Weinbergen schnitt er zur Aromenintensivierung die Reben so stark zurück, dass Vater Seeger entsetzt ausrief: „Sohn, du versündigst dich am Wein!“ Es war indes mehr ein Glücks- als ein Sündenfall, der 2010 mit der Aufnahme in den Verband der deutschen Prädikatsweingüter seine Krönung fand.

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