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Veröffentlicht: 17.06.2016, 11:42 Uhr

Geschmackssache Rotblonde Königin im Rotweinwunderland

Die Ahr ist das eigenwilligste aller deutschen Weinbaugebiete. Das liegt auch am erstaunlichen Selbstbewusstsein von Jungwinzerinnen wie Julia Bertram.

von
© Oliver Sebel Mit Wein um die Welt: Die Weinkönigin und Ahrtaler Winzerin Julia Bertram war 255 Tage auf Weltreise, um deutschen Wein zu bewerben.

Der Knittelvers des Grauens dröhnt den Winzern noch immer in den Ohren, und er geht so: „Wenn du an der Ahr warst und weißt, dass du an der Ahr warst, warst du nicht an der Ahr.“ Mit dieser Schlachthymne fielen jahrzehntelang Kegelclubs aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet im Sonderzugrollkommando über das kleine Tal her, soffen sich mit süßer Rotweinbrause in die Besinnungslosigkeit und grölten im Quetschkommodenchor. Doch eines Tages Ende der achtziger Jahre hatte der Weingott in seiner Güte und Gier nach guten Tropfen ein Einsehen und sandte den Heiligen Geist der Erkenntnis ins Ahrtal. Er sollte Wunder wirken.

Jakob Strobel y Serra Folgen:

Die Winzer kamen zur Besinnung und zählten nach: Gerade einmal fünfhundert Hektar Rebfläche haben sie, die ein lächerliches halbes Prozent des deutschen Weinbaus repräsentiert und sich ausschließlich auf steile oder steilste Lagen verteilt. Deswegen ist die Ahr die einzige Weinbauregion Deutschlands, in der sämtliche Trauben von Hand gelesen werden müssen. Und da dieses Tal zu allem Überfluss auch noch ideale klimatische und geologische Bedingungen für den Weinbau besitzt, war es grotesker Irrwitz, ausgerechnet hier billige Massenware zu keltern. Was dann geschah, hätte sich keine Märchenfee schöner ausmalen können. Heute ist die Ahr die renommierteste deutsche Rotweinregion, deren große Gewächse bei Blindverkostungen regelmäßig die gesamte Weinwelt einschließlich der berühmten Brüder aus dem Burgund übertrumpfen.

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Julia Bertram ist das Glückskind dieses Märchens. Sie stammt aus einer Winzerfamilie in fünfter Generation, hat in Geisenheim Weinbau und Önologie studiert, bewirtschaftet zurzeit zweieinhalb Hektar in besten Lagen, lässt im Keller gerade ihren ersten kompletten Jahrgang von siebentausend Flaschen reifen, obwohl sie noch lange keine dreißig ist, und sitzt uns jetzt im Familienweingut in Dernau gegenüber, um die vinologischen Privilegien ihrer Heimat zu preisen.

Exzellenter Spätburgunder dank exponierter Lage

Die Ahr, eine Art Mosel en miniature, aber viel wilder und ursprünglicher als ihre große Schwester im Süden, schenkt den Winzern durch die Fließrichtung von West nach Ost lauter exponierte Südhanglagen am nördlichen Ufer, speichert durch die Enge des Tals die Wärme des Tages und wird dank der umliegenden Mittelgebirge von Hagelschlag und anderen Winzeralbträumen verschont. Nur deswegen ist es möglich, am 51. Breitengrad noch exzellente Rotweine zu keltern, Spätburgunder vor allem, die Leib- und Seelentraube der Ahr. Er wächst - im Gegensatz zur restlichen Weinwelt - meist auf Schiefer, der dieser kapriziösen Sorte viel Mineralität, leichte Salznoten und eine ideale Säurestruktur gibt. Doch genauso wichtig wie die Geologie ist die Mentalität der Menschen, die dafür sorgt, dass die Weine nahezu flächendeckend gut sind.

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