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Kolumne Geschmackssache : Schunkeln mit der heiligen Hildegard

Im „Rüdesheimer Schloss“ ist es, als sei der Heilige Geist des guten Geschmacks in den Abgrund des Schreckens und der Finsternis gefahren. Bild: Oliver Sebel

Die Drosselgasse in Rüdesheim ist das irdische Himmelreich froher Zechkumpane. Doch sie ist noch mehr – dank eines erstaunlichen Lokals, das Rambazamba mit kulinarischer Hochkultur verbindet.

          Die Schunkelhölle der urdeutschen Gemütlichkeit ist 140 Meter lang, nur ein paar Ellen breit und ein Ort der fröhlichen Verdammnis für all jene, die sich ihre Lebensfreude mit Wilhelm Busch zusammenreimen: „Das Trinkgefäß, sobald es leer, macht keine rechte Freude mehr.“ Drosselgasse heißt dieses Inferno des Frohsinns im Herzen von Rüdesheim voller altdeutscher Fachwerkhäuser mit Erkern und Türmchen, in die Reliefs schwer angeschlagener, lauthals grölender Zecher samt ihrem dreifaltigen Glaubensbekenntnis „Wein, Weib und Gesang“ geschnitzt sind. Fast immer ist das Gässchen vollgestopft mit rheinromantisch angeheiterten Schnapsdrosseln aus aller Welt, vom Ruhrgebiets-Kegelverein bis zur überseeischen Expressreisegruppe, folgerichtig durchgängig viersprachig in Deutsch, Englisch, Japanisch und Chinesisch beschildert und insofern gelebte Völkerverständigung auf engstem Raum.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ein halbes Dutzend Souvenirgeschäfte bietet deutsche Qualitätsandenken feil, Kuckucksuhren, Zinnteller, Nussknacker, Hexenhüte und speziell für das asiatische Publikum auch putzige Wasserbüffelkarren mit Reissäcken. Man kann sich Unterhosen mit gut sichtbaren Sinnsprüchen wie „Achtung: Viagra-Test“ und „Ich bin an allem schuld“ kaufen oder aber, wenn einem der Verstand nach Feinsinnigerem steht, Holzschildchen mit Lebensklugheiten solcher Natur: „Der Kopf tut weh, die Füße stinken, jetzt müssen wir ein Bierchen trinken.“ Oder, noch galanter: „Gerstensaft und stramme Weiber sind die schönsten Zeitvertreiber.“

          Gerstensaft fließt auch in den Lokalen der Drosselgasse reichlich, obwohl die Weinberge des Rheingaus direkt hinter Rüdesheim die Hänge hinaufklettern. Dazu wird vorzugsweise Schnitzel in allen Zigeuner-Jäger-Rahm-Variationen gereicht, während man den namenlosen Wein gerne halbtrocken oder lieblich genießt. Obligatorisch in allen Lokalen sind Musikkapellen, die deutsches und internationales Schlagerliedgut zum Mitsingen darbieten, „Ein Prosit auf die Gemütlichkeit“ so ausdauernd wie ein Trommelfeuer von der Westfront erschallen lassen und dann als Höhepunkt der Veranstaltung zur Polonaise durch den Gastraum bitten.

          Und wenn man schon alle Hoffnung fahrenlassen hat, wenn man schon fast am Ende der Drosselgasse angelangt ist, geschieht plötzlich ein Wunder. Es ist, als sei der Heilige Geist des guten Geschmacks in diesen Abgrund des Schreckens und der Finsternis gefahren, wie einst die Pfingstflammen auf das göttliche Jerusalem niedergingen, um ihm das Licht des Genusses zu schenken. Denn dann steht man vor dem „Rüdesheimer Schloss“.

          Rheingauer Gebück statt panierter Tiefkühlscheußlichkeiten

          Es ist allerdings gar kein Schloss, sondern eine ehemalige Zehntscheune der Mainzer Kurfürsten, die irgendwann in ein drosselgassentypisches Amüsierlokal umgewidmet wurde und sich bei dieser Gelegenheit seinen etwas hochtrabenden Namen gab. Auch hier, im Hause der Winzer- und Wirtsfamilie Breuer, sitzt man in einer altdeutschen Musterkulisse mit Butzenscheiben und Schnitzwerk, auch hier spielt eine Vier-Mann-Combo aus Bulgarien Gutelaunemusik am laufenden Band, und selbst hier marschiert die Gästeschar im Polonaise-Ententanz durchs Lokal.

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