http://www.faz.net/-hs0-8y77g

Kolumne Geschmackssache : Eng vorbei am Untergang des Abendlandes

Aus den Trauben mal etwas anderes machen? Schönleber macht sich im Keller die Welt, wie sie ihm gefällt. Bild: dpa

Das Rheingau galt lange als Bastion des Konservativismus. Doch die Festungsmauern bröckeln, weil Jungwinzer wie Max Schönleber vom Weingut Allendorf Kellerrevolutionen anzetteln.

          Ein junger Winzer wird ins warme Nest gelegt und könnte sich dort einen schönen Lenz machen. Sein Refugium Sorgenfrei ist das größte familiengeführte Weingut in einem der ruhmreichsten deutschen Weinbaugebiete, das 75 Hektar bester Lagen vom Assmannshäuser Höllenberg über das Rüdesheimer Roseneck bis zum Winkeler Jesuitengarten bewirtschaftet, Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter ist, eine halbe Million Flaschen im Jahr produziert, seine Gewächse bis nach China und Japan exportiert, eine eigene Vinothek in Rüdesheim und ein Weinlokal im berühmten Brentanohaus in Oestrich-Winkel betreibt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Früher gingen dort Goethe und Beethoven ein und aus, heute wird in der einstigen Sommerfrische der Familie Brentano Rheingauer Winzergulasch nach dem Rezept der Ururoma unseres jungen Weinbauern serviert. Es läuft also wie am Schnürchen für ihn. Und trotzdem kappt er eines Tages die Leine in die Vergangenheit, weil er spürt, dass Tradition nicht nur eine Verpflichtung ist, sondern auch eine Fessel sein kann.

          Nach dem Weinbau-Studium in die Heimat zurückgekehrt

          Max Schönleber ist ein freundlicher Mann von dreißig Jahren, der eher an einen idealen Schwiegersohn als an einen Revolutionär erinnert und in dessen Biographie sich auch sonst keine Hinweise auf geistige Unruhe oder unstetes Leben finden.

          Er studierte Weinbau an der Hochschule von Geisenheim, die kaum zwei Kilometer vom elterlichen Weingut Allendorf entfernt liegt, und zog nach seinem Abschluss 2012 nicht in die weite Welt hinaus, um bei fremden Winzern auf fernen Kontinenten sein Wissen zu vertiefen, sondern kehrte sofort nach Hause zurück. „Ich konnte es gar nicht abwarten“, sagt er fast entschuldigend, weil er sah, was getan werden musste, um nicht von der Tradition erstickt zu werden.

          Kaum Experimente im Rheingau

          Die Weine der Familien Allendorf und Schönleber seien zu uniform gewesen, sagt der Jungwinzer, zu austauschbar, Gefälligkeitsgewächse ohne ausgeprägten Charakter, gekeltert nach den Gesetzen des unseligen Oechsle-Fetischismus, bei dem allein um das goldene Kalb des Zuckergehalts getanzt wird. Es war der übliche Rheingauer Standard-Riesling mit viel Frucht und Frische, der im Edelstahltank statt im Holzfass ausgebaut und jung getrunken wurde, weil er ohnehin kaum Reifepotential hatte.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Und das Weingut Allendorf war bei weitem nicht das einzige, das sich mit solchen Weinen zufriedengab. Denn der Ruhm des Namens Rheingau überstrahlte zuverlässig jede vinifikatorische Bequemlichkeit, der Konservativismus seiner Winzer machte aus Kellermeistern Gralshüter, das Konkurrenzdenken zermürbte allen Gemeinschaftssinn, und Konrad Adenauers Wahlkampfslogan „Keine Experimente“ schallte wie ein Mantra durch die Rebzeilen zwischen Rhein und Taunus.

          Schönleber macht alles anders

          Diese Zeiten seien glücklicherweise vorbei, sagt Max Schönleber. Seine Generation rede miteinander, und mache fast alles anders als die Väter, was nicht immer in schönster Harmonie geschehe. Das glaubt man gerne, denn Schönleber macht sich im Keller die Welt, wie sie ihm gefällt. Er hat Alkohol und Zucker reduziert, Triebzahl und Ernteertrag minimiert – bei den Großen Gewächsen sind es nur noch 3500 Liter pro Hektar – und die Maischestandzeiten verlängert, damit mehr Phenole in den Wein kommen und ihm Körper und Charakter geben können.

          Ideal für einen lauen Sommerabend: Der Goethewein aus dem Weingut Allendorf.
          Ideal für einen lauen Sommerabend: Der Goethewein aus dem Weingut Allendorf. : Bild: Oliver Sebel

          Er schwört auf Spontanvergärung, gibt seinen Weinen Muße zum Reifen, füllt erst im Mai oder Juni ab, kann deswegen fast vollständig auf Schönungsmittel verzichten und steckt selbst Ortsweine ins Holzfass. Seinen Hochzeitswein aus der Ernte des Weinbergs, den er von seinen Eltern zur Trauung geschenkt bekam, lässt er in Fässern aus Kirschholz reifen, dessen große Poren den Gasaustausch erleichtern und so für ein besonders weiches und harmonisches Resultat sorgen – bestimmt kein schlechtes Omen für eine gute Ehe. Und die Mäharbeiten im Weinberg übernehmen bretonische Zwergschafe, die klein genug sind, um unter den Weinstöcken hindurchlaufen zu können, und groß genug, um die unteren, überflüssigen Blätter der Rebzeilen abzufressen.

          Das Zukunftsversprechen liegt in den Fässern

          Die Mühe lohnt sich, und Experimente führen doch nicht zwangsläufig zum Untergang des Abendlandes, das allerdings auch nicht im Alleingang von Max Schönleber gerettet wird. Sein Roter Riesling ist ein wilder Bursche mit knackiger Säure und ungestümem Temperament, der aber auch etwas unentschieden bleibt. Sein Goethewein hingegen ist das genaue Gegenteil: ein Riesling aus dem Wingert am Brentanohaus mit dem Konterfei des Dichterfürsten auf dem Etikett, der mit seinem süffigen Charakter niemandem das Leben schwermacht – der ideale Konsenswein für einen lauen Sommerabend auf der Brentanoterrasse.

          Später am Abend könnte man dort auf die Sekte aus dem Haus Allendorf umschwenken, den Raffinesse Rosé von 2014 zum Beispiel, einem überraschend voluminösen Schaumwein mit lebendiger Perlage, der auch nach zehn Minuten gar nicht daran denkt, sich aus Gaumen und Nase zu verabschieden. Das Große Riesling-Gewächs aus dem Jesuitengarten von 2015 gibt hingegen Rätsel auf: ein sperriger, säurevernarrter Wein, der nicht mit sich selbst im Reinen zu sein scheint. Jungwildwinzer wie Max Schönleber keltern eben manchmal eher „Werther“ als „Westöstlichen Diwan“. Doch dann verblüfft er mit dem Großen Gewächs vom Roseneck, einem Riesling von 2015, der herrlich harmonisch und ausbalanciert ist, ein Reifezeugnis, bei dem sich Säure und Würze ohne jede Präpotenz in das große Ganze einfügen – ein Alterswerk ist das, keine Jugendsünde, ein Zukunftsversprechen und vielleicht sogar eine Art Rheingauer Vergangenheitsbewältigung.

          Weingut Allendorf, Kirchstraße 69, 65375 Oestrich-Winkel, Telefon: 06723/91850, www.allendorf.de.

          Weitere Themen

          Ohne ist das neue mit Video-Seite öffnen

          Alkoholfreie Drinks : Ohne ist das neue mit

          Als Menübegleitung muss es nicht immer Wein und Wasser sein: eine neue Generation von Drinks aus Kräutern, Hölzern und Früchten bietet raffinierte Geschmackserlebnisse ganz ohne Alkohol.

          Herkunft entscheidet

          Deutscher Wein : Herkunft entscheidet

          Es mag wie eine kleine Formalität klingen. Doch die Durchführungsverordnung der EU zur geschützten Ursprungsbezeichnung läutet für den deutschen Wein ein neues Zeitalter an. Wie schmeckt der Unterschied?

          Schwierige Suche in schrägen Häusern Video-Seite öffnen

          Taiwan nach dem Erdbeben : Schwierige Suche in schrägen Häusern

          Vor drei Tagen hat es ein Erdbeben der Stärke 6,4 auf Taiwan gegeben. Die Suche nach Überlebenden in den Trümmern gestaltet sich als schwer: ein Gebäude stürzte teilweise um und liegt nun im 45-Grad-Winkel. Rettungskräfte suchen trotzdem im Inneren nach Verletzten.

          Dreimal Picasso

          Londoner Auktionen : Dreimal Picasso

          In den Londoner Frühjahrsauktionen stehen gleich bei allen drei großen Auktionshäusern Gemälde aus der Hand Pablo Picassos an der Spitze.

          Topmeldungen

          Amokläufe : Trump regt Bewaffnung von Lehrern an

          Der Präsident sieht in der Bewaffnung von Schulpersonal ein geeignetes Mittel gegen Amokläufe. Auf Angreifer müsse zurückgeschossen werden können, sagte er zu Überlebenden des jüngsten Massakers.
          Der Prototyp Hyperloop One

          Mit dem Hyperloop : Von Washington nach New York – in 29 Minuten?

          Tesla-Chef Elon Musk lässt jetzt buddeln: Für ein futuristisches Verkehrskonzept darf der Visionär jetzt testweise in Amerikas Hauptstadt bohren. Es geht um nicht weniger als eine Revolution.

          Syrischer Krieg : Spielball der Großmächte

          Syrien versinkt seit Jahren in Krieg und Gewalt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das liegt auch an den vielen verschiedenen Beteiligten und Interessen. Ein Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.