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Kolumne Geschmackssache : Wallfahrt zum Wein

Umzingelt von Rheinhessen: Manchmal fühlen sich die Schwedhelm-Brüder wie Asterix und Obelix Bild: Oliver Sebel

Zwei Brüder, ein Ziel: Stephan und Georg Schwedhelm aus Zellertal in der Nordpfalz wollen nur solche Weine keltern, die so eigenwillig sind wie sie selbst.

          An diesem Mann zerschellen alle Klischees: Er war Angelsachse, mochte aber kein lauwarmes Bier mit Spülwassergeschmack, sondern trank lieber guten Wein. Er war also Brite, aber kein verbohrter Inselpatriot, sondern er verließ seine Heimat und kehrte nie wieder nach Hause zurück, weil es ihm in Kontinentaleuropa so gut gefiel. Er war gelernter Missionar, dachte aber gar nicht daran, bei unverbesserlichen Heiden den heldenhaften Märtyrertod zu sterben, sondern lebte lieber glücklich und zufrieden bei lustigen Kelten in einem schönen Tal hoch oben in der Pfalz.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Dafür lieben die Zellertaler ihren heiligen Philipp bis heute und erzählen seine Geschichte mit einem solchen Enthusiasmus, wie es die Brüder Stephan und Georg Schwedhelm für uns jetzt tun.

          Auf Pilgerschaft nach Rom sei der Mönch einst gegangen, habe dort den italienischen Wein schätzen gelernt und sich eines Tages mit ein paar Rebstöcken auf den Rückweg gemacht. Doch dann sei er im Zellertal hängengeblieben und habe es bis zu seinem Tod irgendwann in der Mitte des achten Jahrhunderts nie wieder verlassen. Damit sei ihr Heimattal nichts weniger als die Wiege des Pfälzer Weinbaus, schon im Jahr 708 sei der älteste Weingarten bepflanzt worden. Und der zweitwichtigste deutsche Wallfahrtsort nach Aachen sei Zellertal dank des frommen Philipp zeitweise auch gewesen.

          Umzingelt von Rheinhessen

          Angesichts von so viel aufrechtem Lokalpatriotismus nehmen wir das jetzt einfach mal so hin, sparen Nebensächlichkeiten wie die Römer oder Altötting aus und geben den Schwedhelms aus vollem Herzen recht: Zellertal ist tatsächlich ein einzigartiger, ein unvergleichlicher Weinort - und die Brüder, zwei schlanke, sportliche Kerle in den Dreißigern mit Schädeln wie Kanthölzer und Kinnen wie Rammböcke, sind ohne Zweifel die bemerkenswertesten Winzer weit und breit, zwei Querköpfe vor dem Herrn, die Weine ohne Rücksicht auf Verluste einzig und allein nach eigenem Geschmack machen.

          „Manchmal fühlen wir uns wie Asterix und Obelix“, sagen die beiden aber aus einem ganz anderen Grund. Denn sie sind als nördlichster Zipfel des Pfälzer Weinbaugebiets von Rheinhessen umzingelt wie einst das Dorf der unbeugsamen Gallier von den römischen Legionen. Auch ihre Weinberge haben klimatisch, topographisch, geologisch kaum etwas mit dem pfälzischen Mutterland gemein.

          Wie der Winzer, so der Wein

          Die Reben stehen auf massiven Kalksteinböden mit Toneinlagerungen, die Wurzeln müssen also schuften und ackern, bis sie sich durch den Stein zur Wasserquelle gebohrt oder sogar gesprengt haben. Außerdem liegen die Weingärten ungewöhnlich hoch, dreihundert Meter sind keine Seltenheit. Und sie werden ständig von einem kühlen Wind gekitzelt, was den Weingourmet freut, den Ästheten aber seufzen lässt, weil der deutsche Windräderwahn auf den Hügeln ringsum seine Marterpfähle gleich dutzendweise in die Erde gerammt hat.

          Wie der Herr, so der Hund, wie der Winzer, so der Wein. Dieser Gedanke schießt uns spontan durch den Kopf, als wir die Weine probieren. Ecken und Kanten haben diese Gewächse, nichts Gefälliges ist an ihnen, nichts Einschmeichelndes und schon gar nichts oberflächlich Austauschbares. Drahtig und geradlinig sind sie, mineralisch und säurebetont. Sie strotzen vor Salznoten und Kräuteraromen und verkleben den Mund nie mit bonbonhaftem Plüsch oder voluminösem Protz.

          Ihre Scheurebe ist ein glasklarer Wein ohne den typischen fauligen Hautgoût dieser Traube. Selbst der Riesling von der Spitzenlage Schwarzer Herrgott, die ihren Namen einem dunkel verwitterten Kalksteinkreuz verdankt und vom Verband der Deutschen Prädikatsweingüter als Große Lage klassifiziert ist, verzichtet auf jede Großmannssucht und bleibt ein schlankes, rankes Gewächs mit stählerner Säure und der Langlebigkeit eines Methusalems auf der Zunge.

          Das Weingut von Grund auf umgebaut

          Ein solcher Wein wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen im Hause Schwedhelm. Doch dann übernahmen die Brüder von den Eltern nicht ohne Generationengerumpel das Geschäft mit seinen siebzehn Hektar Rebfläche und stellten alles auf den Kopf.

          Sie reduzierten die Erträge und die Zahl der Rebsorten, verbannten alles Liebliche und Halbtrockene vom Hof, erhoben das Terroir zu ihrem neuen Glaubensbekenntnis, bauten eine Vinothek als minimalistischen Kubus mit riesigen Glasfronten und wurden so zu Pionieren im Zellertal, die allerdings bis heute eher einsame Propheten geblieben sind. Und sie stellten den Betrieb nach den Anforderungen des biologischen Landbaus um - ohne es auf den Etiketten kundzutun, was inzwischen aus Prinzip und aus Protest gegen die widersinnigen willkürlichen Regularien der Bio-Zertifizierungs-Lobby geschieht.

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          „Fenchelextrakt ist plötzlich verboten, obwohl es nichts Natürlicheres gibt“, echauffiert sich Stephan Schwedhelm, „und mit Natriumbicarbonat hatten wir die besten Resultate bei der Bekämpfung des Echten Mehltaus. Weil es aber zu billig ist, wurde es einfach auf die Rote Liste gesetzt. Jetzt ist nur noch das viel teurere Kaliumbicarbonat erlaubt. Wenn das keine Lobbyarbeit ist!“

          Im Weinberg wuchert das Unkraut

          Die Brüder gehen lieber ihren eigenen Weg auf dem Pfad der ökologischen Tugend. Ihre Vinothek haben sie mit Recycling-Zellulose gedämmt und mit Holzpaneelen verkleidet, die mit einem bestimmten Pilz bestrichen sind. Er simuliert die Verwitterung auf alpinen Almen und sorgt so für den natürlichsten Selbstschutz des Holzes. Und zwischen den Rebenzeilen lassen sie das Unkraut so fröhlich wuchern, dass die Nachbarswinzer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

          Doch das sei die beste Methode, überschüssiges Regenwasser zu absorbieren und so die Trauben vor dem Verfaulen zu schützen, sagen die Brüder und lächeln zufrieden unter ihren roten Haarschöpfen. Apropos: Die meisten rothaarigen Menschen leben in Großbritannien. Aber wir wollen jetzt - Klischee hin oder her - nicht anfangen, über die Keuschheit gewisser angelsächsischer Mönche und eventuelle Spätfolgen für die Vorfahren der Bewohner nordpfälzischer Weintäler zu spekulieren.

          Quelle: F.A.Z.

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