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Weinseminar Am Tag, als die Riesling Spätlese starb

Vom Trinken mit Laien: Kann es gelingen, einer Runde, die keine Ahnung von Wein hat, das Geheimnis des Genusses nahezubringen? Unser Weinkritiker Stuart Pigott wagt es. Das Protokoll eines feucht-lehrreichen Abends.

© Jan-Henrik Holst

Alles habe ich so vorbereitet wie von Stuart Pigott verordnet: Die Weinflaschen, ein gutes Dutzend, lagern vorschriftsgemäß im Kühlschrank (und was sonst drin ist, steht jetzt in der Küche herum). Der Tisch ist gedeckt, die Gläser sind gespült. Nur mit den vom Meister bestellten „Ausspeihgefäßen“, vulgo Spuckbechern, aus Plastik tue ich mich schwer. Schließlich hole ich die knallbunten Kinderbecher aus dem Playmobil-Funpark, die mit den Einhörnern und Piraten. Bloß nicht den Kindern erzählen, wofür wir sie benutzt haben.

Die Laien sind jetzt vollständig in meinem Wohnzimmer versammelt: meine beiden Kollegen und ich. Wir drei haben uns qualifiziert für diesen Abend, weil wir keinen Schimmer von Wein haben. Und hier kommt unser hochrangiger Gast, der das ändern soll, Weinkritiker seit 1984, F.A.S.-Kolumnist seit Bestehen der Zeitung, the one and only Stuart Pigott. Er bringt noch mehr Gläser mit und eine Flasche aus seinem Privatkeller, Riesling Spätlese. Ein paar Minuten soll sie im Gefrierfach liegen, sagt Pigott, er werde sie rechtzeitig herausholen. Und während er nun zu seinem Vortrag ansetzt, frage ich mich, wie jemand, der sein Berufsleben mit Weintrinken verbringt, so dünn sein kann. Fair ist das nicht.

Weinseminar / 5 © Jan-Henrik Holst Vergrößern

Pigott: Was ist der Unterschied zwischen Laien und Profis? Die meisten Laien meinen, meine Zunge funktioniert anders als ihre. Das ist totaler Quatsch. Der Unterschied ist, dass ich geübt bin. Wein ist in Deutschland ein Angstthema. Die Leute haben Angst, negativ aufzufallen durch falsche Aussagen. Aber es gibt keine falschen Aussagen beim Wein.

Kollege I: Das ist ja beruhigend.

Etwas zu trinken wär’ allmählich nicht schlecht. Vielleicht ein wenig Wein, ich hätt’ grad welchen da. Doch Pigott ist noch nicht fertig. Das, was wir Geschmack nennen, sagt er, sei zum großen Teil eine Wahrnehmung von Aromen durch den Geruchssinn. Außerdem spiele der Tastsinn, das sogenannte Mundgefühl, eine Rolle. Wir werden das nun proben. Jeder hat zwei Stücke Melone vor sich, von denen wir eines mit offener und eines mit zugehaltener Nase essen sollen. Wir greifen artig zum Besteck. Bei der Melone ist der Effekt nicht sehr groß, dafür reißt es hinterher der Pfirsich raus: Der schmeckt viel besser, wenn die Nase mitspielen darf. Der Geruchssinn funktioniere assoziativ-emotional, sagt Pigott: Denkt an Marcel Proust. Drunter macht er’s nicht.

Pigott: Das Zusammenspiel von der Wahrnehmung der Aromen und dem tatsächlichen Geschmack ist auch beim Wein wichtig. Wir konzentrieren uns heute auf den Weißwein. Aber erstmal machen wir eine Blindprobe, bei der ich mich blamiere.

Zwei schwarze Gläser, in beide kommt Wein der Marke Yellowtail, einer rot, einer weiß, beide gleich gekühlt. Mit verbundenen Augen soll Pigott bestimmen, welcher Wein rot ist und welcher weiß: „Wetten, dass..?“ in Wohnzimmerversion.

Pigott: Uiuiui. (Riecht wieder) Ui. Ich rate nur vom Geruch her, dass der Weißwein links ist und der Rotwein rechts. (Er probiert wieder) Weißwein hat mehr Säure als Rotwein.

Richtig. Aber war das jetzt wirklich so schwer? Als wir die Weine probieren, ebenfalls mit verbundenen Augen, kommt jeder von uns zum selben Ergebnis wie Pigott.

Kollege I: Ist das nun ein guter Wein?

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