http://www.faz.net/-hs0-73njn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.10.2012, 17:53 Uhr

Neue Studie zur Alkoholsucht Abhängige sterben 20 Jahre früher

Mit einer Studie wollen Forscher aus Greifswald eine neue Debatte über Alkoholprävention auslösen. Demnach sterben Süchtige Jahrzehnte früher als andere Menschen. Vor allem Frauen sind gefährdet.

© dpa „Keiner der verstorbenen Alkoholabhängigen hatte das durchschnittliche Lebensalter von 82 Jahren für Frauen und 77 Jahren für Männer erreicht“, sagt der Epidemiologe Ulrich John.

Alkoholabhängige haben eine um 20 Jahre geringere Lebenserwartung als Menschen, die nie alkoholabhängig waren. Das geht aus einer Langzeitstudie von Greifswalder und Lübecker Wissenschaftlern über den Verlauf von Alkoholkonsum und Tabakrauchen hervor. Demnach starben Frauen, die alkoholabhängig waren, durchschnittlich mit 60 Jahren, Männer mit 58 Jahren.

„Keiner der verstorbenen Alkoholabhängigen hatte das durchschnittliche Lebensalter von 82 Jahren für Frauen und 77 Jahren für Männer erreicht“, sagte der Leiter der Studie, der Greifswalder Epidemiologe Ulrich John. „Uns hat überrascht, dass die Alkoholabhängigkeit im Vergleich zum Rauchen besonders stark zu einer Lebenszeitverkürzung beizutragen scheint.“ Besonders viele durch das Rauchen bedingte Krebserkrankungen führten oft erst später - im Alter von deutlich über 60 Jahren - zum Tode.

Die Ergebnisse der von den Forschern als repräsentativ eingestuften Studie erscheinen im Januar in der US-Fachzeitschrift „Alcoholism: Clinical & Experimental Research“ (ACER). Die Experten hatten bereits im Jahr 1996 die Gesundheitsdaten von 4070 Menschen gesammelt und ausgewertet. Dabei handelte es sich um Einwohner Lübecks und 46 umliegender Gemeinden, die über die Einwohnermeldeämter zufällig ausgewählt wurden. Von ihnen waren 153 als alkoholabhängig diagnostiziert worden. Davon konnten wiederum 149 Personen (119 Männer und 30 Frauen) über 14 Jahre beobachtet werden.

Frauen sollten weniger Alkohol konsumieren

Verglichen mit der jeweils gleichaltrigen Normalbevölkerung war die Sterberate von Alkoholikerinnen um das 4,6-fache erhöht, von männlichen Alkoholikern um das 1,9-fache. Woran die Betroffenen genau starben, wurde nicht untersucht. „Wir gehen aber davon aus, dass die Alkoholabhängigkeit die dominierende Erkrankung war“, sagte John.

Erstaunt waren die Forscher über die großen geschlechtsspezifischen Unterschiede. „Frauen scheinen schneller und stärker mit Erkrankungen auf Alkoholkonsum zu reagieren, als Männer“, sagte John. Warum die Unterschiede in der Sterberate so groß sind, konnten die Forscher bislang nicht erklären. Die geringere Körpermasse sei allein kein ausreichendes Argument.

Mehr zum Thema

„Frauen müssen beherzigen, dass sie deutlich weniger Alkohol konsumieren dürfen als Männer“, ziehen die Forscher ihre Schlüsse. Der international anerkannte Richtwert liegt bei einer maximalen Tagesmenge von 12 Gramm für Frauen (ein Achtelliter Wein oder ein Viertelliter Bier) und 24 Gramm (ein Viertelliter Wein oder ein halber Liter Bier) für Männer.

Den Ergebnissen zufolge hat zudem eine Alkoholtherapie keine positive Auswirkung auf die Lebenserwartung. Knapp 23 Prozent der 149 Alkoholabhängigen hatten im Laufe der 14 Jahre eine mehrmonatige Entwöhnungstherapie absolviert, weitere 6,7 Prozent lediglich eine Entgiftung. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass diejenigen, die in einer Entwöhnungsbehandlung waren, keine größeren Überlebenszeiten gegenüber denen hatten, die nie eine Therapie absolviert hatten“, sagte John.

„Deutschland ist ein Hochkonsumland“

Die Sozialmediziner ziehen daraus den Schluss, dass die Therapieangebote überarbeitet werden müssen. „Die Therapien setzen in Deutschland zu spät an, wenn die Betroffenen bereits an einer Vielzahl alkoholbedingter Störungen leiden“, kritisierte John. Der Wissenschaftler forderte zudem eine neue Debatte über Alkoholprävention. Wirksame Instrumente wären eine Preiserhöhung, ein Verkaufsverbot an Tankstellen sowie ein striktes Alkoholverbot am Steuer. „Deutschland ist ein Hochkonsumland. Die deutsche Gesellschaft ist viel zu alkoholkonsumorientiert.“

Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben rund 9,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren in Deutschland Alkoholprobleme. Das heißt: Sie trinken in gesundheitlich riskanten Mengen. Etwa 1,3 Millionen von ihnen sind den Angaben zufolge alkoholabhängig. Häufige Folgen von Alkoholmissbrauch sind Schädigungen des Gehirns und der Leber sowie Herzmuskel- und Krebserkrankungen.

Nach internationalen Standards gilt als alkoholabhängig, wer drei der folgenden Kriterien mindestens einen Monat lang erfüllt: starkes, unwiderstehliches Verlangen nach Alkohol, verminderte Kontrollfähigkeit auf Menge und Dauer des Alkoholkonsums, körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern, Gewohnheitseffekt (um die gewünschte Wirkung zu erreichen, sind zunehmend größere Mengen notwendig), zunehmende Einengung der Interessen auf den Alkoholkonsum und anhaltender Alkoholkonsum trotz Erkrankungen.

Quelle: DPA

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gendermedizin Eine Frage des Geschlechts

In der Medizin hat sich die Genderdebatte erledigt. Männlich tickt anders als weiblich. Für Diagnose und Therapie vieler Krankheiten hat das weitreichende Folgen. Mehr Von Miray Caliskan

19.08.2016, 16:50 Uhr | Wissen
Bevölkerungsentwicklung Immer mehr Menschen im Iran sind unfruchtbar

Der Iran kämpft mit einem Problem - bei Männern sinkt die Spermienqualität, bei Frauen setzt die Menopause oft zu früh ein. Wer das Geld hat, lässt sich künstlich befruchten - doch in dem konservativen Land bringt das ganz eigene Probleme mit sich. Mehr

20.08.2016, 16:00 Uhr | Gesellschaft
Umfrage in Berlin Viele Flüchtlinge bejahen rechtspopulistische Einstellungen

Eine neue Studie gibt interessante Einblicke in die Weltbilder von Flüchtlingen: Eine große Mehrheit befürwortet demnach Demokratie und Meinungsfreiheit. Zugleich wünschen sie sich aber einen starken Führer - und ähneln damit AfD-Wählern. Mehr

15.08.2016, 15:26 Uhr | Politik
Der reine (Rinder-)Wahnsinn Traditionelles Ochsenrennen in Bayern

Im bayerischen Dorf Münsing hat zum sechsten Mal das traditionelle Ochsenrennen stattgefunden. 19 Männer und Frauen reiten auf Ochsen eine Rennstrecke entlang. Wer am schnellsten mit seinem Ochsen durchs Ziel kommt, hat gewonnen – ein sehr bayerischer Sport. Mehr

29.08.2016, 07:48 Uhr | Gesellschaft
Stammzellentransplantationen Ein Neustart für das Nervensystem

Multiple Sklerose führt manchmal aussichtslos zu Behinderungen. In solchen Fällen könnte die Transplantation intakter Stammzellen bald helfen. Bisher ist jedoch Vorsicht angebracht. Mehr Von Nicola von Lutterotti

21.08.2016, 09:00 Uhr | Wissen