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Mikrobrauereien : Das ist dein Bier

  • -Aktualisiert am

Philipp Brokamp (links) und Sven Gohdes schenken in ihrer Kneipe ausschließlich selbstgebrautes Bier aus. Bild: Andreas Pein

Ihre Braukessel sind Experimentierbecken: Immer mehr kleine Brauereien in Berlin setzen den Gästen individuelles Bier vor und wehren sich gegen die großen Brauereien des Landes. Meistens mit Erfolg.

          Im Schankraum, gleich neben der Theke, stehen zwei Kessel aus Edelstahl, die Anfänge der Hausbrauerei „Hops & Barley“ in Berlin-Friedrichshain. Mit der kleinen Brauanlage hat Philipp Brokamp begonnen. „Heute ist sie nur Deko“, sagt er. Bloß zwei- bis dreimal im Jahr nimmt der diplomierte Braumeister sie noch in Betrieb. Dann gibt er einen Braukurs. Gern würde er das häufiger tun, aber dafür bleibt keine Zeit. Die Bierherstellung für den täglichen Kneipenbetrieb ist aufwendig genug.

          Zwei bis drei Mal in der Woche wird gemaischt, geläutert und gekocht. Tausend Liter gehen wöchentlich über den Tresen. Am besten läuft das Pils. Doch auch Dunkles und Weizen werden gerne getrunken. Besonders stolz ist Brokamp auf seine saisonalen Spezialbiere. Zurzeit wird das „Cascade Amber Ale“ ausgeschenkt, ein naturtrübes Bier, zubereitet mit amerikanischem Hopfen. Eine besondere Malzsorte lasse es schimmern wie Bernstein, erklärt der Siebenunddreißigjährige. Er mag es, mit verschiedenen Malzen zu experimentieren. „Ich kann auch einfach mal 500 Liter machen - zum Ausprobieren.“ Das sei ein Vorteil gegenüber den Großen seiner Zunft. „Die müssen ja immer gleich Etiketten drucken.“

          Die „Affinität zum Endprodukt“ war immer schon da

          Zwischen den vielen Lädchen und Bars in Friedrichshain fällt das „Hops & Barley“ nicht auf. Draußen, auf dem Gehweg, weist nur eine kleine Tafel auf die Spezialität der Kneipe hin: „Selbstgebrautes Bier“. Drinnen merkt man: Für Berliner Verhältnisse ist nicht nur das Bier speziell. Auch die Gäste passen nicht zur hauptstädtischen Szene, kaum Künstler, eher Durchschnittstypen und Fußballfans mit einer Vorliebe fürs Rockige, ein paar Touristen. Im Hinterzimmer residiert ein Fanclub von Borussia Mönchengladbach. Zum Schmalzbrot gibt’s Knackwurst-Beilage.

          Seit 2008 wird an der Friedrichshainer Wühlischstraße gebraut. Dabei war der Anfang nicht gerade einfach. Die Brauerei warf nichts ab, weil sämtliche Einnahmen wieder investiert wurden. Gleich in der ersten Nacht wurde auch noch eingebrochen. Philipp Brokamp ließ sich nicht entmutigen. Mittlerweile ist sein Laden zu einer festen Größe in der Berliner Kleinbrauereien-Szene geworden. Die Stammkundschaft ist groß. Immer wieder begrüßt er an diesem Abend alte Bekannte, die hereinschlurfen und am hölzernen Tresen Platz nehmen. Dem gebürtigen Münsterländer gefällt sein Beruf. „Ich bin nicht auf Jobsuche“, sagt er mit einem Lächeln. Die „Affinität zum Endprodukt“ sei ohnehin schon immer vorhanden gewesen.

          Das Konzept geht jedenfalls auf - meint unter anderen eine junge Frau an der Theke. Zwar trinkt sie lieber Weinschorle als Bier, aber wenn sie eines trinke, „dann am ehesten hier“. Auch die Musikauswahl sagt ihr zu. Laufe in einer Kneipe „Pop-Scheiß“, gehe sie gleich wieder raus. Wohin die Reise in der „Microbrewery“ musikalisch geht, steckt schon im Namen: „Hops & Barley“ heißt nicht nur „Hopfen und Gerste“. Es ist auch der Titel eines Liedes der Punkband Leatherface.

          Das Kiez-Flair soll nicht verloren gehen

          Der Punkrock zählt zur Gründungsgeschichte der Kleinbrauerei. Ohne ihn gäbe es das Lokal vielleicht gar nicht. Denn über die Musik hat Philipp Brokamp seinen Geschäftspartner Sven Gohdes kennengelernt. Sie betreiben die Kneipe zusammen. „Ich mache die Kneipe, er macht das Bier“, sagt Gohdes. Der Fünfundvierzigjährige hatte vorher einen Plattenladen auf der anderen Straßenseite. „Da ist jetzt ein Modegeschäft drin“, sagt er verächtlich. Für ihn ein klarer Fall von Gentrifizierung. Er will die Kiez-Atmosphäre bewahren. Nur auf Touristen als Kundschaft zu setzen, hält der hagere, langhaarige Kneipier für falsch. „Dann geht das Flair verloren.“

          „Hops & Barley“ - Hopfen und Gerste: Der Name ist Programm in der Friedrichshainer Kneipe.
          „Hops & Barley“ - Hopfen und Gerste: Der Name ist Programm in der Friedrichshainer Kneipe. : Bild: Andreas Pein

          Mit ihrer Kleinbrauerei sind die beiden Männer in Berlin nicht die einzigen. Laut der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin gibt es in der Hauptstadt 16 Gasthausbrauereien. Sie alle eint der Anspruch, einen Kontrapunkt zu dem Einheitssud der großen Bierproduzenten im Lande zu setzen. Die Zahl experimentierfreudiger Jungbrauer scheint um so mehr zu wachsen, je größer die Konzentration im Biergewerbe ist. Schon heute dominieren nur fünf Gruppen die Hälfte des Weltmarkts. Auch an Berlin geht das nicht vorbei. So zählt die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei in Hohenschönhausen zur Radeberger-Gruppe im Oetker-Konzern. Anders als solche Riesen geben die Kleinen wenig auf den Geschmack der breiten Masse. Ihre Braukessel gleichen nicht selten Experimentierbecken. Weil sie Nischenanbieter sind, müssen sie nicht jeden zufriedenstellen.

          Das Verhältnis der Mikrobrauereien untereinander ist gut

          Der Trend kommt ausgerechnet aus den Vereinigten Staaten, auf die deutsche Biertrinker sonst nicht viel geben. Aber seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es dort schon viele „Microbreweries“. Die allermeisten dort registrierten Bierproduzenten sind kleine Klitschen.

          In Berlin ist das Verhältnis der Mikrobrauereien untereinander gut. „Wenn mal Malz fehlt, kann man sich gegenseitig aushelfen“, sagt Brokamp. Und so wanderten Malzsäcke aus dem „Scharlander“ in Friedrichshain oder dem „BrewBaker“ in Tiergarten ins „Hops & Barley“ - und umgekehrt. Nur im Bezirk Mitte, wo gleich fünf Kleinbrauereien gegen den Durst arbeiten, gibt es so etwas wie Konkurrenz.

          Ein einheitliches Geschäftsmodell gibt es nicht. Während manch ein Mikrobrauer sein Bier auch an die Gastronomie vertreibt, geht es im „Hops & Barley“ nur im eigenen Schankraum über die Theke. „Ab und zu verleihen wir mal eine Zapfanlage für eine Party und verkaufen ein oder zwei Fässer.“ Das sei aber die Ausnahme. Brokamp und Gohdes konzentrieren sich aufs Kerngeschäft. Dementsprechend ist auch die Schnapsauswahl übersichtlich. Den Obstler und den Bierbrand bekommt Brokamp von seinem Hopfenbauer am Bodensee. Beschränkung auf das Wesentliche könnte man ihr Konzept nennen. Das Wesentliche passt auf zwei eng bedruckte Seiten. Wer es lieber bunt mag, ist im „Hops & Barley“ deplaziert. Club-Mate steht jedenfalls nicht auf der Getränkekarte.

          Mikrobrauereien in Berlin

          Eine Übersicht der Berliner Brauereien finden Sie auf den Seiten der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin.

          Quelle: F.A.Z.

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