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Veröffentlicht: 04.01.2013, 16:34 Uhr

Kartoffel-Rezepte Wir können auch anders, Mr. Evans

Ein Korrespondent der BBC wird in Berlin zum Essen eingeladen – und zeiht die Deutschen danach der kulinarischen Sparsamkeit, weil man ihm Kartoffeln vorgesetzt hat. Das verlangt nach einer nationalen Antwort, Rezepte inklusive.

von Ursula Heinzelmann
© Frank Röth Geschmackliche Unbedarftheit keineswegs: Kartoffeln sind ein Quell kulinarischer Vielfalt.

Stephan Evans, für die BBC in Berlin stationiert, sieht im Land überall dieselbe Genügsamkeit am Werk: „Die Deutschen machen ihre Geldbeutel ungern auf. Sie sind sparsam am Esstisch - und im Finanzministerium.“ Im Internetauftritt des Senders berichtete er kürzlich, er sei privat zum Abendessen eingeladen worden – und seine deutschen Gastgeber hätten ihm gekochte Kartoffeln, gekochtes Gemüse und gekochten Schinken vorgesetzt. Sein Entsetzen im Angesicht des Mahls ähnelte nahezu slapstickhaft den Klischees, die in Deutschland nach wie vor über die englische Küche herrschen.

Der britische Kollege führte die Kargheit zunächst auf die kulinarische Unbedarftheit der Ostberliner zurück, zitierte das legendäre „Titanic“-Cover mit „Zonen-Gaby“ und ihrer „ersten Banane“, er rief die Trümmerfrauen ins Gedächtnis, versicherte dann aber, seine Gastgeber seien ja Wessis gewesen, und es habe sich also um einen Fall von grundlegender deutscher Sparsamkeit gehandelt.

Bis heute sieht die britische Boulevardpresse oft „the Huns“ im Anmarsch, wenn es um Deutschland geht. Bis heute sind aber auch die kulinarischen Gewohnheiten älterer Generationen in Großbritannien nicht nur von der frühen und weitreichenden Industrialisierung der Nahrungsmittelbranche, sondern auch der kriegsbedingten Lebensmittelrationierung geprägt, die dort zum Teil später aufgehoben wurde als hierzulande.

Doch natürlich hat auf der Insel wie hier längst frischer Wind Einzug in die Küchen gehalten. Leider erwähnte der BBC-Mann nicht, wann ihn diese traumatische Erfahrung ereilte. Denn so sehr Hunnen traditionell Kartoffeln auch mögen, essen wir doch immer weniger von ihnen, ganze 60 Kilogramm im Jahr sind es noch jährlich, Tendenz abnehmend. Könnte es sich um ein besonders regional ausgerichtetes Mahl überzeugter Locavores gehandelt haben? Denn natürlich sind Kartoffeln ein Quell kulinarischer Vielfalt, die wir hier gern als Anregung im Rahmen europäischer Verständigung in Erinnerung bringen.

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Luxus-Kartoffeln, ganz schlicht

Die Edelversion von Pommes frites und Backkartoffeln; je geschmacksintensiver die Kartoffeln (ja, da gibt es Unterschiede!), desto köstlicher das Ergebnis.

Luxus I: In Schmalz gebacken

Bamberger Hörnchen (als Beilage etwa 200 g pro Person) waschen, bürsten und trocknen, je nach Stärke der Länge halbieren oder vierteln. Bei niedriger Hitze in Enten-, Gänse- oder Schweineschmalz knapp weich köcheln; die Kartoffeln sollten darin förmlich schwimmen, wie beim Frittieren. Mit einer Schaumkelle herausnehmen, die Hitze hochschalten, bis das Schmalz 190°C erreicht hat. Dann die Kartoffeln portionsweise in zwei bis drei Minuten knusprig und goldbraun backen. Gut abtropfen lassen, salzen, sofort essen.

Luxus II: Mit Kräuterbutter in Pergament gegart

Möglichst kleine Kartoffeln (als Beilage etwa 200 g pro Person) waschen und bürsten, trocknen. Mit einigen Scheibchen Kräuterbutter in Pergament- oder Backpapier zu Päckchen verpacken und auf dem Blech im Ofen bei 160°C 40 Minuten garen.

Kartoffelsalat mit Gurken in Olivenöl-Senfcrème

Schmeckt natürlich zu Würstchen, lässt sich aber durch den Frischekick der Gurken auch gut mit überbackenem Ziegenkäse, gebratenem Schweinebauch oder pochiertem Fisch kombinieren.

Für vier Portionen 800 g kleine festkochende Kartoffeln waschen, bürsten und in der Schale gerade weich kochen, abgießen. Eine kleine Salatgurke schälen, entkernen und in dicke schräge Scheiben schneiden. 1 EL scharfen Senf mit 1 TL Weißweinessig glattrühren, dann etwa 4 EL Olivenöl wie in eine Mayonnaise nach und nach einrühren. Mit Salz, schwarzem Pfeffer und einer Prise Zucker kräftig abschmecken. Die Gurken mit reichlich gehacktem Dill mit der Senfcrème mischen, dann die etwas abgekühlten Kartoffeln in dicke Scheiben schneiden und unmittelbar vor dem Servieren vorsichtig unterheben.

Mit Blutwurst und Sauerkraut gefüllte Kartoffeln, Senfsauce

Ziemlich edel anmutende Vorspeise mit dennoch äußerst bodenständigen Ingredienzen, die sich gut vorbereiten lässt.

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