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Das besondere Restaurant (11) : Der große Kick

  • Aktualisiert am

Bild: Wonge Bergmann

Im „Casino Zollverein“ in Essen realisiert Spitzenkoch Bernd Stollenwerk eine neuartige Mischung aus Finesse und Bodenständigkeit. Ambiente und Umgebung zählen zu den spektakulärsten Industriearchitekturen Deutschlands.

          Das „Casino Zollverein“ hat eine Menge zu bieten. Zuerst einmal steht man staunend vor dem beeindruckenden, rötlich-braunen und sehr großen Ensemble der „Zeche Zollverein“, die seit 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Dann geht es in eine ehemalige Maschinenhalle mit riesigen alten Betonpfeilern, Röhren und Armaturen, in die man ein großes, wahrlich spektakulär aussehendes, modernes Restaurant eingepasst hat. Kulinarisch bemüht ist man hier schon seit einigen Jahren, und es ist ein besonderes Erlebnis, in diesem Ambiente zu essen.

          Den ganz großen Kick bekam das Ganze aber erst mit der Übernahme der Küche durch Sternekoch Bernd Stollenwerk zu Beginn des Jahres. Seitdem gibt es hier ein Angebot, bei dem mit viel Augenmaß und Professionalität populäre Gerichte, regionale Grundlagen, Bio-Elemente und viel Know-how aus der Spitzenküche verknüpft werden. Da beginnt das Essen zum Beispiel mit Kleinigkeiten wie einem Sardinensandwich, bei dem Gourmets wegen der schieren Qualität sofort zusammenzucken dürften.

          Ungewöhnliches Drumherum: Förderturm der „Zeche Zollverein“
          Ungewöhnliches Drumherum: Förderturm der „Zeche Zollverein“ : Bild: Wonge Bergmann

          Serviert werden Pulpo mit Wachtel oder eine Thunfischvariation, bei der ein Radieschencarpaccio und ein asiatischer Gemüsesalat sowohl Erdung als auch einen Hauch Exotik bringen. Ob bei der prächtigen Kalbsbrust mit Frühlingslauch, Lauchpüree, Palffyknödeln und Morcheln oder dem Rinderfilet mit geschmorten Salatherzen, wunderbar traditionellen Maultaschen vom Ochsenschwanz und Pfefferschaum oder dem Loup de Mer mit schwarzem Olivenöl: Alles schmeckt entspannt und gut, eben mit dem Augenmaß eines Kochs gemacht, der sein Fach wirklich versteht.

          Neu sind im „Casino Zollverein“ Gerichte, bei denen Gemüse und Kräuter aus dem eigenen Garten kommen; der hat die Größe von zwei Fußballfeldern (ein echtes Ruhrgebietsmaß). Hier sollen große Teile der Gemüse selbst erzeugt werden, ergänzt durch seltene Kräuter und andere essbare Pflanzen. Aktuell bietet Stollenwerk zum Beispiel ein Rindercarpaccio mit einer Art Kräuterwiese inklusive Wildblumen und Himbeervinaigrette an. Die Gäste sind fasziniert, und Stollenwerk scheint mit der neuen Aufgabe regelrecht aufzublühen.

          Der Teller

          Schweinebauch und Garnele, Bohnencassoulet, grünes Bohnenpüree, BBQ-Sauce: Mit diesem Gericht verbindet Stollenwerk all das, was seine Küche im „Casino Zollverein“ so besonders macht. Auf der einen Seite ist es eindeutig das Werk eines Spitzenkochs, der von der Produktbehandlung bis zur Komposition mit Detailgenauigkeit glänzt. Auf der anderen Seite ist es die Adaption eines typisch regionalen Essens, nämlich der Kombination von Bohne und Speck. Die Bohnen kamen früher im Ruhrgebiet aus der Unzahl von kleinen Gärten (oder aus dem Einmachglas), und der preiswerte Speck war ein echtes Grundnahrungsmittel. Und dann kommt ein ehemaliger Sternekoch und bringt mit der Garnele eine ungewöhnliche Ergänzung. Funktioniert das? Ja, sogar hervorragend.

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          Das besondere Restaurant (11) : Der große Kick

          Koch und Haus

          Bernd Stollenwerk, 47, hat etwas getan, das bei vielen Freunden der guten Küche großes Interesse hervorruft. Er hat seinen Posten im prestigeträchtigen Restaurant des Golfclubs „Gut Lärchenhof“ in Pulheim bei Köln nebst Michelin-Stern und hohen Bewertungen in anderen Führern verlassen und sich in den Ruhrpott begeben.

          Begonnen hat seine Karriere als Jungkoch im „Victorian“ nahe der Düsseldorfer Königsallee. Dann ging er nach Köln, wo er zum Beispiel als Chef im „Ambiance am Dom“ 1993 zum ersten Mal einen Stern bekam. Richtig berühmt wurde er aber erst im Restaurant der von Golf-Legende Jack Nicklaus entworfenen Anlage, wo er neben dem Gourmetrestaurant auch ein Bistro versorgte. „Ich brauchte einfach einmal einen Wechsel“, sagt der Mountainbike- und Motorrad-Fan über die Entscheidung nach fünfzehn Jahren Pulheim.

          Dynamisch auf dem Grat unterwegs: Koch Bernd Stollenwerk
          Dynamisch auf dem Grat unterwegs: Koch Bernd Stollenwerk : Bild: Wonge Bergmann

          Im „Casino Zollverein“ kann man nun bestaunen, was passiert, wenn ein Spitzenkoch in ein populäres Restaurant wechselt, das mit seiner lebhaften Atmosphäre so gar nichts von einem Gourmet-Tempel hat. Stollenwerk weiß, dass er die Gäste nicht überfordern darf, und überzeugt mit einer gelungenen Gratwanderung zwischen Bodenständigkeit und Finesse.

          Das alles spielt sich in einer der beeindruckendsten Restaurant-Umgebungen Deutschlands ab. Die „Zeche Zollverein“ gab es von 1847 bis 1986. Nach ihrer Stilllegung wurde sie vom Land gekauft und unter Denkmalschutz gestellt. Heute beherbergt der ab 1927 im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute Komplex unter anderem auch das „Design-Zentrum NRW“ und seit 2009 auch das „Ruhrmuseum“. Abends gibt es hier eine phantastische Beleuchtung, und wer zwischen den Gebäuden herumläuft, könnte auf die Idee kommen, dass man hier Passagen von Fritz Langs „Metropolis“ hätte drehen können.

          Nur die Fakten

          Casino Zollverein
          Gelsenkirchener Straße 181
          45309 Essen.
          Telefon 0201/ 830 240
          www.casino-zollverein.de

          Küche von Dienstag bis Sonntag 11.30 bis 14.30 Uhr und 18 bis 22.30 Uhr

          Vorspeisen 7,50 bis 15,50 Euro, Hauptgerichte 16 bis 29 Euro. Business-Lunch 19,50 Euro. Sonntags Lunchbuffet 24,50 Euro

          Der Restaurantschlüssel (von max. 10)

          Essen
          Produktqualität 7
          Handwerkliche Qualität 8
          Komposition & Struktur 7
          Kreativität 7

          Performance
          Zuverlässigkeit 7
          Service 6
          Preis-Leistungs-Verhältnis 8

          Wein
          Angebot 5
          Beratung 7

          Quelle: F.A.S.

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