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Fastfood aus dem Labor

Mit falschem Blut und viel Geschmack will ein Start-up Fleischesser vom veganen Burger überzeugen – und so die Welt retten.

Schön saftig und total vegan: der „Impossible Burger“

Text: ANNE PHILIPPI
Fotos: IMPOSSIBLE FOODS

14.09.2017 · Wer in Los Angeles bei „Trader Joes“ oder „Whole Foods“ etwas zu essen kauft, trifft auf eine hypergesunde, fleischlose Welt. Eine Welt aus Negationen. Fleischloser Hühnchensalat oder Sojatruthahn statt Pute, Seitan-Bolognese statt Rinderbröckchen. Das falsche Fleisch schmeckt mal nach Holz, mal nach nasser Katze – oder nach nichts. Daher sieht man in Kalifornien manchmal gesundheitsbewusste Menschen sehr schuldbewusst in einen echten Burger beißen, denn ein bisschen Geschmack muss sein. Trotzdem, der fortschrittlich essende Mensch will natürlich jede Fleischform, jedes tote Tier vermeiden.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Patrick Brown, Gründer der Firma Impossible Foods in Redwood City, unweit von San Francisco, will für die Fleischlosen die Welt verändern und ihnen das Leben erleichtern: Er schuf 2016 den ersten veganen „bleeding“ Burger, einen Burger mit blutlosem Blut – getreu den Gesetzen der Negation. Selbst hartgesottene Essenskritiker verfielen beim Biss in den Burger bereits in eine Fake-blood- und Bratensafttrance, lobten den Geschmack und priesen das „köstliche“ falsche Fett. Die Testesserin von „Buzzfeed“ behauptete, sie fühle sich Stunden später noch „high“ von der Erfahrung, in dieses neue falsche Fleisch gebissen zu haben.

David Chang, Chef des New Yorker Avantgarde-Restaurants „Momofuku Nishi“, inszenierte die Premiere für den „Impossible Burger“. Es wurde ein Riesenspektakel. Das „Wall Street Journal“ streamte live, die „New York Times“ rückte an, nur George Motz, Amerikas bekannter Burger-Experte, der in seinem Leben bereits 14 000 Hamburger verzehrt haben will, zeigte sich ein wenig enttäuscht: Er habe vom Pflanzenburger erstmalig nach einem Burgeressen „nicht gerülpst“. Das mögen vielleicht nicht alle als Nachteil sehen.

Firmengründer Patrick Brown, preisgekrönter Biochemiker mit Lehrauftrag in Stanford, bevor er Impossible Foods gründete, fokussierte sich mit großer Kraft auf die Erzeugung von Pawlowschen Reflexen beim normalen Burgerliebhaber.

Patrick Brown in seinem Labor

Das Thema Blut war für ihn der Schlüssel. Der perfekte vegane Fleischersatz aus Weizen, Kartoffelproteinen und Kokosöl war das eine. Aber für das echte Burgergefühl fehlte noch etwas, das geschmackliche und optische i-Tüpfelchen – der Blutersatz.

Er schuf seine „geheime Soße“. Brown nutzte dabei die Tatsache, dass ein wesentlicher Bestandteil des Hämoglobins, das sogenannte Häm, in einer evolutionsbiologisch nah verwandten Form (Leghämoglobin) auch in Pflanzen vorkommt, etwa in Soja. Fertig war der Tesla unter den Hamburgern, denn so, wie elektrische Autos alte Benzinschleudern ersetzen, träumt Brown von „Happy Meals“ bei McDonald’s mit Pflanzenfleisch und Sojablut. Wie es heißt, hat die Kette tatsächlich schon Interesse signalisiert. Die Sache ist mehr als nur ein Spleen, es riecht nach Big Business, alle sehen eine neue, große Industrie am Horizont entstehen: Die sogenannte „alt meat“- Welt (steht für „alternative meat“) zieht berühmte Investoren aus dem Silicon Valley an, selbst Bill Gates hat schon in Impossible Foods investiert. Erfinder Brown: „Hier schätzen es die Leute, wenn man etwas unfassbar ambitioniertes versucht. Hier gibt es eine hohe Toleranz für zunächst absurde Dinge, für Risikofreude.“ Die Zahlen geben ihm recht: Seit 2011 hat Impossible Foods 250 Millionen Dollar Investmentkapital eingefahren. Impossible Foods beliefert derzeit acht Restaurants in New York und Kalifornien, darunter Spitzenlokalitäten wie das „Momofuku Nishi“ in New York oder das „Jardinière“ in San Francisco mit seinem Fleischersatz, eine neue Produktionsstätte an der Westküste soll bald den begehrten Ersatzstoff für Hunderte weitere Restaurants liefern.

Der rote Ersatzstoff und Weizenproteine fürs Ersatzfleisch
Sieht aus und schmeckt wie Blut, ist aber pflanzlich

Die Obsession von Patrick Brown zahlt sich aus. Man hat mittlerweile den Eindruck, der Meister des Rindfleischersatzes wird schon von einem Schwarm Venture Kapitalisten verfolgt, sobald er sein Büro in Redwood City auch nur zur Mittagspause verlässt. Google bot ihm nach dem „Impossible Burger“ 300 Millionen Dollar, doch Brown blieb stur, beim Rindfleisch will er nicht stehenbleiben. Außerdem steckt in der „Impossible Burger“-Idee sein ganzes Leben. Seit 1970 isst er vegetarisch, seit 2004 vegan, und seit 2009 kann Brown an nichts anderes mehr denken als an unechtes Fleisch.

Damals verschwand der Biochemiker für 18 Monate von der Universität Stanford in ein Sabbatical, danach, 2011, gründetet er Impossible Foods. Sein Lebensziel: alle Lebensmittel, deren Massenproduktion die Umwelt zerstört, im Labor neu erfinden. Brown ist weniger ein Gesundheitsfanatiker, seine Motivation ist eine andere, sie ist universeller und größenwahnsinniger. Denn, so die Überlegung, mit der Abschaffung von Fleisch als Massennahrung würden nicht nur Millionen Tiere gerettet, sondern große Mengen chemischen Düngers würden nicht mehr gebraucht, Cholesterinprobleme sich in Luft auflösen. Davon will Brown keine Veganer überzeugen, sondern blutliebende Fleischfans, die in Amerika die Mehrheit stellen. Der häusliche Grill ist in den Vereinigten Staaten immer noch heilig.

Hightech-Messgerät für die perfekte Ess-Illusion

In Sachen Vermeidung von Energie und Resourcenverschwendung ist der „Impossible Burger“ laut Erzeuger schwer zu toppen: Zu seiner Herstellung brauche man im Vergleich zur Produktion des echten Gegenstücks 95 Prozent weniger landwirtschaftliche Nutzfläche und 75 Prozent weniger Wasser, es gebe fast 90 Prozent weniger Emissionen, die zum Treibhauseffekt führen.


Impossible Foods ist ein kalifornisches Start-up, das mit seinem „blutigen“ veganen Burger Aufsehen erregt und schon mehr als 250 Millionen Dollar Kapital eingesammelt hat. Auch Bill Gates hat hier investiert.
MAX MUSTERMENSCH

Doch kürzlich geriet Brown wegen seiner Soßengeheimformel erstmals unter Beschuss. Das Sojablut fiel bei den Behörden durch. Impossible Foods hatte von der FDA – der Food and Drug Administration – verlangt, diese solle bestätigen, dass die Soja-Innovation als sicher gelten könne. Doch die FDA verweigerte diese Feststellung. Das Sojaleghämoglobin sei noch nie von Menschen verzehrt worden, vielleicht handle es sich um ein Allergen, auf das Menschen ungünstig reagierten. Rachel Konrad, Pressefrau von Impossible Foods, wehrte sich per Pressemitteilung. „Einen der wichtigsten Bestandtteile des ,Impossible Burger‘ – das Häm – findet man in jedem lebenden Organismus“, erklärte sie.

Die Firma kann ihre Produkte nach amerikanischem Recht trotzdem weiterhin verkaufen, denn die Behörde konstatierte nicht, dass die verwendeten Stoffe unsicher seien. Wie immer der Streit ausgeht, Patrick Brown ist schon einen oder mehrere Schritte weiter. Er bastelt bereits an Speck, Wurst, Käse und Fisch. Natürlich rein aus Pflanzen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 12.10.2017 13:05 Uhr