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Toast Hawaii wird 60 : Treffen sich Toast, Schinken und Ananas

  • -Aktualisiert am

Südseetraum auf Backblech: Toast Hawaii, zubereitet und angerichtet von Tim Mälzer in seinem Hamburger Restaurant „Off Club“. Bild: Lucas Wahl

Er ist ein unverwüstlicher Botschafter aus der Frühzeit der Bundesrepublik, ein Stück Zeitgeschichte auf dem Teller: Der Toast Hawaii wird 60. Alle Versuche einer Aufwertung prallten an ihm ab.

          Oft will es scheinen, als ob die Kochkunst nichts anderes bezweckt als die Erinnerung an die Gegenwart. Weil die Garzeit ihre eigentliche Stunde ist, beobachtet sie den Augenblick sozusagen im Rückspiegel. Im Unterschied zu anderen kulturellen Leistungen schaffen es nur wenige ihrer Werke dank einer überwältigenden Präsenz, eine Ära zu vertreten, ja diese mit sich selbst bekannt zu machen. Der Toast Hawaii ist eines dieser seltenen Werke.

          Um anhaltend mit einem Zeitabschnitt identifiziert zu werden, dazu gehören Popularität und Prägnanz. Über beides verfügt die absichtsvolle Begegnung von Ananas und Käse auf einem Schinkenbrot in hohem Maße. Zudem steht noch, was selten ist, ein Erfinder bereit, Seiten im goldenen Buch der Alltagsgeschichte zu füllen. Vor sechzig Jahren führte der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod seinen handfesten Südseetraum in die Küche der jungen Bundesrepublik ein.

          Was dem Toast Hawaii jedoch endgültig historische Bedeutung verleihen sollte, ist nicht seine Sonderstellung oder gar Extravaganz, die sich der Einordnung in den Kanon bürgerlicher Speisen entzieht. Vielmehr ist er, so könnte man sagen, führender Repräsentant der atlantischen Küche in unserem Land.

          Dramatisches Potential: Fernsehkoch Clemens Wilmenrod Mitte der fünfziger Jahre

          Der Stellenwert des Toastbrots in der amerikanischen Außenpolitik

          Er trägt einen Namen, den sein Schöpfer vermutlich nicht lange suchen musste. Hawaii wird traditionell mit Ananas verbunden, weil dort die moderne Plantagenwirtschaft sowie die industrielle Verarbeitung der ursprünglich aus Südamerika stammenden Frucht begannen. In der Vorstellung der fünfziger Jahre stand der Name der Inselgruppe also mindestens ebenso für die damals noch begehrte Dosenware wie für pralle Exotik.

          In gewisser Hinsicht jedoch ist das feinporige Fundament des Gerichts sein kulturgeschichtlich interessantestes Element. Im Vorkriegsdeutschland war das bereits aufgeschnittene Toastbrot in der Tüte unbekannt und verbreitete sich dann in der Ära des Toast Hawaii. Wie Aaron Bobrow-Strain, Professor für Politologie am Whitman College in Washington, in seiner Sozialgeschichte des Weißbrots zeigt, revolutionierte es nicht nur die amerikanische Brotversorgung, sondern besaß sogar einen Stellenwert in der amerikanischen Außenpolitik jener Jahre. Durch die Verpackung hatten sich die Qualitätsmaßstäbe geändert: Da man Brot durch diese hindurch nicht riechen konnte, sondern nur noch drücken, wurde das Tastgefühl zum entscheidenden Sinn und Weichheit zum Qualitätsfaktor. Da sich weiches Brot aber nicht mehr schneiden lässt, wurde das maschinelle Schneiden eingeführt. Das in Scheiben geschnittene, verpackte Weißbrot hatte seine Form gefunden.

          Auch bei Tim Mälzer löst Toast Hawaii unwillkürlich Kindheitserinnerungen aus.

          Modisch und familiär, aber nicht exportfähig

          Dieses industriell produzierte Brot wurde zum Inbegriff des ernährungstechnischen Fortschritts: Es war hygienisch, überall verfügbar und galt als frisch. Dass wir das heute als Hohn empfinden, steht auf einem anderen Blatt. Lange bevor es für ernährungsphysiologisch wertlos, dann für ungesund erklärt wurde und schließlich zum White-Trash-Merkmal herabsank, war der Erfolg einer auf solchem Brot gegründeten Speise ein kleiner, aber in letzter Konsequenz doch wirkungsvoller Bestandteil nicht nur der Westbindung der Bundesrepublik, sondern ihrer Amerikanisierung. Kein Wunder also, dass sich der Toast Hawaii als nicht exportfähig erwies. Nachbarländer, die diese Way-of-life-Bewegung nicht mitmachten, nahmen die deutsch-amerikanische Freundschaftsgeste gar nicht erst zur Kenntnis. Umgekehrt wird hierzulande selten an die Abkunft vom französischen Croque Monsieur und vom englischen Sandwich erinnert.

          Wie die Currywurst war die Toastvariation implizit als Verbeugung vor den amerikanischen Besatzern und ihrer Versorgungsmacht gedacht. Obwohl man sie zur Nachschubküche zählen könnte (gewissermaßen als warme Speise zum Kalten Krieg), erhob sie sich zugleich zum Symbol des jungen Wirtschaftswunders. Denn anders als die Currywurst war sie von Anfang an ein zwar modisches, aber doch familiäres Gericht, dessen Verzehr ein festes Dach über dem Kopf voraussetzt und das im zugigen Draußen keinen Sinn ergibt.

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