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Veröffentlicht: 21.07.2014, 14:24 Uhr

Verschwendung von Lebensmitteln In Dresden gibt’s zu viele Ananas

Der Franzose Baptiste Dubanchet radelt quer durch Europa und isst nur das, was andere weggeworfen haben. Hungern muss er dabei nicht – im Gegenteil.

von Frank Seibert
© Baptiste Dubanchet Überfluss: „Ich war total überrascht, wie gut es funktioniert hat.“

Als sich Baptiste Dubanchet am 15. April in Paris auf sein Rad setzte, hatte er alles eingepackt, was man für eine große Tour braucht: Schlafsack, Taschenlampe, Helm, Handschuhe, ja sogar ein Solarladegerät. Nur eines hatte er nicht dabei: Proviant. Es war aber kein Versehen, sondern pure Absicht – es war das Konzept seiner Reise.

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Der 25-jährige Franzose – sportlich, kurze dunkle Haare, Vollbart – wollte einen spannenden Versuch wagen: Auf der ganzen Fahrt, quer durch Europa, wollte er nichts einkaufen, sondern sich nur von dem ernähren, was Supermärkte, Restaurants und Bäckereien eigentlich wegwerfen wollen. Mit seinem Projekt „La faim du monde“ (Der Hunger der Welt) will er beweisen, wie verschwenderisch wir Europäer leben und wie viele Lebensmittel jeden Tag in die Tonne geworfen werden, obwohl sie noch genießbar sind. Anfangs waren 3.000 Kilometer geplant, daraus wurden 4000. Seine Radtour führte Dubanchet durch Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Deutschland. Mit einem Abstecher über Tschechien radelte er schließlich Anfang Juli nach Warschau.

Ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung

In der EU fallen jährlich pro Kopf ungefähr 180 Kilogramm Lebensmittelabfälle an; der Großteil davon wäre noch essbar. Nach einer Studie der Europäischen Kommission gehen ein Drittel der weltweit erzeugten Lebensmittel verloren oder werden weggeworfen, bevor sie konsumiert werden. Angesichts dieser Zahlen will die EU bis 2020 die Lebensmittelverschwendung in Europa halbieren. Doch wo beginnen? Über 40 Prozent der Abfälle produzieren die privaten Haushalte. Und wer im Restaurant oder in Großküchen isst, muss damit rechnen, dass dort fast die Hälfte der Speisen im Müll landet. Das hat kürzlich das Umweltbundesamt bekanntgegeben.

Gegen solche Zahlen muss man ein Zeichen setzen, fand Dubanchet. Nach seinem Uni-Abschluss in nachhaltiger Entwicklung war er einige Monate durch Lateinamerika und Asien gereist. Dort sah er viele Menschen, die nicht genug zu essen hatten; aus Europa kannte er das nicht. Und so kam der Mann aus Bourges auf die Idee, sich über zehn Wochen nur von Weggeworfenem zu ernähren. Dubanchet ist ein freundlicher Mensch, offen und reflektiert. Wenn das Gespräch nach einem Witz wieder auf das Thema Verschwendung von Lebensmitteln zurückkommt, dann wird er schnell ernst. Aus seiner Stimme ist herauszuhören, wie wichtig es ihm ist, dass die Menschen ein Bewusstsein für das Problem entwickeln. Er bleibt aber immer ruhig und sachlich, so wütend er ist.

30225178 © Baptiste Dubanchet Vergrößern Als Baptiste Dubanchet losfuhr, war eine Tour von 3000 Kilometern geplant – es wurden 4000

Containern und Couchsurfing

Vor seiner Reise habe er nie Essen aus der Mülltonne von Supermärkten gefischt, erzählt Dubanchet. „Ich wusste so gut wie nichts übers Containern.“ Eigentlich, so findet er, sei das Mülltauchen – betrieben von Bedürftigen, aber auch von Konsumverweigerern und politischen Aktivisten, die eine Botschaft haben – keine nachhaltige Lösung für das Verschwendungsproblem. Es habe sich zwar gut geeignet, um zu beweisen, welche Massen an Essen unnötig weggeworfen werden – aber sinnvoller sei es, zu vermeiden, dass das Essen überhaupt in einer Tonne lande.

Während seiner Tour fand er über die Plattform „couchsurfing.org“, auf der weltweit hilfsbereite Menschen einen Schlafplatz anbieten, Unterschlupf sowie Kontakt zu Einheimischen, mit denen er auch manchmal gemeinsam auf die Suche nach Essbarem ging. Einladungen zum Dinner von seinen Gastgebern habe er aber strikt abgelehnt, sagt er. Fand sich keine Couch, zeltete er einfach im Freien.

Um seinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, wollte Dubanchet die Strecke ausschließlich mit dem Rad meistern: „Das bringt mich auch in Kontakt mit der Natur und der Umgebung.“ Nachteil: Durch die anstrengenden und oft langen Wege verbrauchte er viel Energie. Deshalb waren sein erstes Ziel in einer neuen Stadt stets die Mülltonnen der örtlichen Supermärkte. „Vor meiner Tour hatte ich richtig Angst, dass ich hungern würde. Mental habe ich mich darauf vorbereitet, ohne etwas im Bauch zu haben weiterzuradeln“, erzählt er. „Dann war ich selbst total überrascht, wie gut das funktioniert hat.“

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