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Andrea Illy im Interview : „Ein Espresso ist eine spirituelle Erfahrung“

Kaffee ist sein Leben: Andrea Illy, Geschäftsführer von Illycaffè Bild: Wolfgang Eilmes

Andrea Illy führt ein Kaffee-Imperium, von Milchkaffee und Cappuccino will er aber nichts wissen – ihm geht es um den Espresso als Lebenselexier. Ein Gespräch über Kaffee-Traditionen, den Kapsel-Trend und das Glück, das ein guter Espresso bedeutet.

          Signore Illy, viele Baristas in Italien schauen komisch, wenn man um 17 Uhr einen Macchiato bestellt.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dann sind sie sehr provinziell.

          Ach so, und wir dachten, die Deutschen, die eine solche Bestellung aufgeben, seien provinziell.

          Jeder ist ein bisschen provinziell. Aber jetzt frage ich Sie: Geben Sie Milch oder Zucker in den Wein, in einen guten Bordeaux?

          Nein.

          Also, warum geben Sie es in den Kaffee?

          Weil es passt. Und mit ein bisschen Milch ist Kaffee besser für den Magen.

          Gut. Natürlich können Sie etwas in den Kaffee geben und es genießen. Aber dann erleben Sie nicht die Quintessenz des Kaffees. Wenn Sie einen guten Espresso trinken, dann ist das eine spirituelle Erfahrung.

          Und das ganz ohne Alkohol.

          Ja. Er ist gut für Psyche, Körper und Seele. Kaffee berührt auf überwältigende Art alle drei Sphären. Die alten Griechen beschreiben Glück als „eudaimonia“, eine physische Freude mit intellektueller Erleuchtung, eine Inspiration, die geteilt wird.

          Deshalb muss man Espresso in Gesellschaft trinken?

          Genau. Es gibt kein Produkt, das besser dafür geeignet ist. Kaffee enthält 1000 Aromen. Er verschafft ein angenehm samtiges Gefühl im Mund. Er hat keine negativen Auswirkungen auf den Körper, er hat keine Kalorien und ist sogar gesund. Das Dopamin versetzt einen in einen guten Zustand, der kreativ macht. Jeder Espresso ist eine geistige Inspiration.

          Na gut. Aber warum trinken nun die Italiener keinen Milchkaffee am Nachmittag?

          Die Italiener sind keine großen Milchtrinker.

          In Südeuropa leiden auch viel mehr Menschen unter Laktose-Intoleranz.

          Ja. Die Italiener sind auch keine großen Biertrinker, sie haben andere Konsumgewohnheiten. Das ist anthropologisch bedingt und hat wohl auch mit der sehr alten Tradition der italienischen Küche zu tun. Unter anderem wegen der biologischen Vielfalt im Land haben wir andere Rezepte und einen anderen Geschmack entwickelt.

          Cappuccino und Milchkaffee sind nichts für Andrea Illy. Ihm geht es um das Elixier.
          Cappuccino und Milchkaffee sind nichts für Andrea Illy. Ihm geht es um das Elixier. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Man trinkt bei Ihnen schon sehr lange Kaffee.

          Ja, seit dem 17. Jahrhundert, also schon so lange wie in Wien, dem anderen großen Ort der Kaffeekultur in Westeuropa. Die Wiener Kultur dreht sich mehr um den Kaffee als Heißgetränk, mit oder ohne Milch: Kaffee, Cappuccino, Sahne. In Italien ging es immer um das Elixier, das ist etwas ganz anderes.

          Was soll da der Unterschied sein?

          Ein Filterkaffee ist ein Getränk, ein Espresso ist ein Heiltrank. In den romanischen Ländern Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und sogar in Brasilien trinken die Menschen Kaffee eher auf diese Weise.

          Wie ist das mit den Vereinigten Staaten?

          In den Vereinigten Staaten gibt es Kaffee oft als Heißgetränk, als Filterkaffee, American Coffee oder espressobasierte Drinks mit viel Milch. In Riesen-Größen. Und es gibt wenige Kaffee-Connaisseure. Nur ungefähr ein Prozent der Amerikaner trinkt Espresso pur.

          Da müssen Sie noch Aufbauarbeit leisten.

          Ja, der Markt, der zweitgrößte für uns nach Italien, ist sehr interessant. Wir sind dort seit 35 Jahren. Die Kunden können dort nun auch in unser „espressamente illy“ kommen, das wir gerade in San Francisco eröffnet haben. Wir lieben diesen Markt, weil es dort viele Liebhaber gibt - und viele, die mehr über Kaffee wissen wollen.

          Sie müssen also erst einmal die Leute bilden, bevor Sie ihnen Kaffee verkaufen.

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