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Besuch auf einer Algen-Farm : Junges Gemüse

Abguss: Sind die Algen reif, wird das grüne Wasser aus den Röhren zentrifugiert. Der entstehende Schleim kommt in den Trockner. Bild: Patrick Slesiona

Algen sollen das Nahrungsmittel der Zukunft sein. Klingt gut, ist aber leider nicht so einfach. Jörg Ullmann ist Farmer für Mikroalgen – und verkauft diese bereits als Nahrungsergänzungsmittel.

          Wenn dieser Tag ein Teil der Weltrettung ist, dann ist er perfekt dafür. Jörg Ullmann tritt an die Luft und atmet prüfend ein: mild. Der Herbst hat die Landschaft schon grau gefärbt, aber noch zeigt das Thermometer entspannte 15 Grad. „Jetzt geht es uns wie allen Landwirten“, sagt Ullmann. „Wir gucken jeden Tag in den Himmel und fragen uns: Wie lange noch? Wann müssen wir ernten?“ Ullmann geht vorbei an dem Kohlenstoffdioxid-Tank, tritt ins Gewächshaus und steht zwischen Glasröhren, die links und rechts zu haushohen Wänden aufgestapelt sind. Noch ist Zeit bis zur letzten Ernte für dieses Jahr, ein paar Tage, vielleicht sogar Wochen.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ullmann ist Farmer, aber kein gewöhnlicher. Er baut Algen an, genauer: Mikroalgen. Sie sind kleiner als eine menschliche Blutzelle und mit bloßem Auge nur wahrzunehmen, wenn sie zu Häufchen von puderzuckriger Konsistenz aufgeschichtet werden. Chlorella heißt die Alge, die in dem 500 Kilometer langen Röhrensystem heranwächst. Sie färbt das Wasser grün, wird hauptsächlich genährt von Kohlenstoffdioxid und stetig herumgejagt von einer Pumpe. „Hier kommt überall Licht rein, aber der Dreck bleibt draußen“, sagt Ullmann und fährt über die dünne Staubschicht auf einer seiner Glasröhren.

          Ullmann verkauft die Alge als Nahrungsergänzungsmittel, an Kosmetikhersteller und als Zusatzstoff für Smoothies. Chlorella ist Teil einer Verheißung, die noch weit darüber hinaus geht: Sie und ihre Geschwister sollen die wachsende Menschheit ernähren, das Klima retten, Volkskrankheiten ausrotten, Diesel ersetzen und sogar Kriege verhindern. Vom „Superstoff des 21. Jahrhunderts“ ist die Rede, vom „Nahrungsmittel der Zukunft“, vom „Superfood“ sowieso. Drunter macht's heute kaum noch ein angesagtes Lebensmittel. Deshalb überleben die meisten nur so lange als trendy, bis hippe Großstädter etwas Neues entdeckt haben.

          „Das ist eine großartige Chance“

          Für Ullmann steht fest: Der Alge wird das nicht passieren. Trotzdem geht es bei ihm auch eine Nummer kleiner. Ullman sagt oft, dass etwas „ein kleiner Knaller“ sei, aber meist spricht dann der Biologe in ihm, und er meint irgendeine Besonderheit der Algen. Zum Beispiel die, dass jedes zweite Sauerstoffmolekül in unserer Atemluft von einer Alge produziert wird. Geht es um die Weltrettungs-Idee, seufzt Ullmann. „Wenn in Kolumbien unterernährte Kinder überleben, weil sie jeden Tag Algenpulver essen, ist das eine großartige Chance“, sagt er. „Aber die Amerikaner sprechen dann immer gleich davon, dass das Kriege verhindern kann.“ Ullmann fängt lieber vor seiner eigenen Haustür an. Dort liegen Straßen, so gerade, als wären Seile über die Landschaft gespannt. Ullmanns Algenfarm steht im 10.000-Einwohner-Ort Klötze in Sachsen-Anhalt, in einem von nur vier Bundesländern, die zu mehr als 60 Prozent aus Feldern, Wiesen und Bauernhöfen bestehen. Mais wird angebaut, Weizen und Roggen. Zwischen fünf und acht Tonnen Essbares wirft ein deutsches Getreidefeld pro Hektar im Jahr ab. „Wir schaffen 30.000 bis 50.000 Tonnen Biomasse im Jahr“, sagt Ullmann. 1,2 Hektar groß ist sein Gewächshaus – pro Hektar entstehen demnach mindestens 25.000 Tonnen Algen im Jahr.

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