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Wohnen wie in den Sixties : Tautes Heim

  • -Aktualisiert am

Zeitreise in die klassische Moderne: In einem kleinen Eckhaus in der Berliner Hufeisensiedlung wird sie möglich Bild: Ben Buschfeld

Es gibt Wohnungen, die können die Zeit zurückdrehen. Drei Berliner Beispiele versetzen Besucher in die Sechziger, in die Ära des Neuen Bauens oder in die DDR-Platte.

          Ein schmaler Pfad aus Betonplatten, daneben zwei Sauerkirsch- und drei Zierapfelbäumchen, drumherum eine blühende Wildrosenhecke. All das erinnert an Urgroßmutters Garten. Wie er war oder auch wie man ihn sich gewünscht hätte. Allerdings liegt dieser Garten in Berlin, gehört zu einem Reihenendhäuschen von Bruno Tauts Hufeisensiedlung, die gemeinsam mit fünf anderen Wohnsiedlungen der Berliner Moderne zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

          Dass die 200 Quadratmeter Grün so idyllisch wirken, ist kein Zufall, sondern pure Berechnung. Genauso hat der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge 1929 die Bepflanzung vorgesehen, und zwar allein in diesem Bauabschnitt für weit mehr als 200 Gärten. Festgelegt wurden nicht nur Art und Zahl sondern auch der Platz der Bäume in den Mietergärten, sodass längs der Häuserzeilen richtige Obstbaumreihen entstanden. Heute wächst dort, was den Bewohnern gefällt, oder was robust genug war, zu überdauern.

          Nicht so bei „Tautes Heim“, wie Katrin Lesser und Ben Buschfeld ihr Liebhaberprojekt nennen. Sie haben fast alles in den Urzustand zurückversetzt, sowohl im Haus als auch ums Haus herum. Schon die Gartenpforte führt in die Ära der Zwanziger und Dreißiger.

          Den Wandschmuck gehäkelt

          Vor drei Jahren besichtigte das Paar dieses nur 65 Quadratmeter große Häuschen. Sie wohnten damals selbst schon in der denkmalgeschützten Siedlung - und waren baff. Hier war ja fast alles noch wie zu Anfang: Alle Türen, alle Fenster, alle Griffe waren erhalten. Die Treppe samt Geländer intakt. Sogar zwei von drei Kachelöfen am Platz. „Wenn das jetzt jemand kauft, der alles rausreißt, das wäre eine Katastrophe.“ Das war den beiden klar.

          Die Küche ist der Nachbau eines erhaltenen Originals aus der Berliner Hufeisensiedlung Bilderstrecke
          Die Küche ist der Nachbau eines erhaltenen Originals aus der Berliner Hufeisensiedlung :

          Sie setzten alles in Bewegung, um das Zeitdokument erwerben zu können. Dann renovierten oder, besser: restaurierten sie zwei Jahre lang. Baudenkmalfachleute schabten an Türen, Rahmen, Wänden und Geländer Schicht für Schicht ab, um herauszufinden, welche Farbe der Anstrich 1929 hatte. Lichtschalter und Heizkörper kauften sie als Reeditionen, die Ausstattung beim Trödler, auf dem Flohmarkt oder über Ebay. Für die Kücheneinrichtung vermaß man eine baugleiche Musterküche aus einer anderen Siedlung und ließ sie vom Tischler nachbauen. Innenraumfotos gab es keine, so suchten sie alle noch vorhandenen Mieterjournale von damals zusammen, in denen Einrichtungstipps im Geiste Bruno Tauts und des „Neuen Wohnen“ gegeben wurden, und empfanden die Möblierung nach. Die neuen Eigentümer entwarfen ein Ehe-Klappbett, färbten Bettwäsche in der Wandfarbe und gingen so weit, den Sinnspruch „Tautes Heim, Glück allein“ als Wandschmuck zu häkeln. „So stecken hier die Liebe und die Arbeit im Detail“, fasst es die Hausherrin zusammen.

          Der Trend zum Echten

          Dabei waren sie mit der Sache thematisch schon vertraut: Katrin Lesser ist Landschaftsarchitektin mit Schwerpunkt Denkmalschutz, erstellte für die Behörden Gutachten zu den Gärten der Siedlung. Ben Buschfeld hat eine für alle Bewohner zugängliche Datenbank mit Planungsdetails aufgebaut. Und sie haben einen Verein der Freunde der Hufeisensiedlung mitinitiiert. „Tautes Heim“ ist nun ihr ganz persönlicher Beitrag zum Denkmalschutz - quasi Architekturgeschichte zum Anfassen. Sie vermieten es als Ferienhaus für architekturinteressierte Berlinbesucher, die mal in einem echten Taut wohnen wollen, und hoffen, dass sie so allmählich ihre Investition in die Vergangenheit refinanziern können. „Bruno Taut hat vier der sechs Weltkulturerbesiedlungen in Berlin gestaltet, und es gibt kein originales Haus oder Wohnung, kein Museum, nichts“, sagt Katrin Lesser, deren Urgroßvater persönlich mit Bruno Taut zusammengearbeitet hatte, mit ihm die Gartenstadt Falkenberg entwarf. Anerkennung von sehr hoher Stelle hat das engagierte Paar für seine historische Bleibe bekommen: Es erhielt im Juni den Denkmalpflegepreis Europa Nostra Award.

          Trautes Heim, Glück allein. Ist es denn nur das Interesse für Architekturepochen, das die Gäste begeistert? Zurück in Bauhaus-Zeiten, zur klassischen Moderne? Ganz fachlich und sachlich? Vermutlich kaum. Da ist doch viel mehr Emotion im Spiel. Und Sehnsucht.

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