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Stuck für Stuck: Werkstattbesuch bei Christoph Antoni

© Michael Kretzer

Stuck für Stuck

Von ANNE-CHRISTIN SIEVERS

8.11.2016 · Rosen, Engel, elegante Leisten – Christoph Antoni fertigt aus Gips und Wasser eleganten Wand- und Deckenschmuck. Ein Werkstattbesuch.

Eine grandiose Altbauwohnung: hohe Decken, Echtholzparkett und natürlich – Stuck an Decken und Wänden. Ob mit Blättern und Blüten, Ornamenten oder Ranken, die Zierelemente aus Gips bringen herrschaftlichen Glanz in die Wohnung und sorgen obendrein für ein gutes Raumklima. Mieter legen deshalb für opulente Rosetten, Stuckleisten und Wandkonsolen beim Preis gern eine Schippe drauf.

Einer, der den Traum vom Stuck erfüllt, ist Christoph Antoni. Der Stuckateurmeister, Mitte 30, aus Bornheim bei Köln führt durch seine Werkstatt: Stuck in allen denkbaren Formen und Größen überwältigt das Auge. Vasen, Konsolen, waagerecht aus der Wand hervorragende Gesimse, Verzierungen für den Kamin, Säulen, Muscheln, Rosen, Engel. An der Wand hängt sogar das Konterfei eines Mopses, das Antoni für das Herrchen des geliebten Tieres angefertigt hat.

Gegründet hat den Betrieb der Senior Friedrich Antoni, der das Handwerk seit mehr als einem halben Jahrhundert betreibt. Er nahm seinen Sohn früh mit in die Werkstatt, schon mit drei Jahren goss dieser seine ersten Stücke. Nun ist der junge Rheinländer schon seit 20 Jahren im Geschäft und weiß: Gutes Timing und Gespür für das Material – darauf kommt es an, wenn man mit Stuck umgeht. Denn jeder Gips, der dem Stuck als Ausgangsmaterial dient, reagiert ein wenig anders. Und seine Konsistenz verändert sich ständig, während man ihn verarbeitet. „Von weich bis hart dauert es nur knapp eine halbe Stunde.“

© Michael Kretzer Kinderleicht? Der angerührte Gips wird in die Form gegossen. Ist das Material angehärtet, zieht der Stuckateur die Form ab.

Zuerst macht Antoni den Gips an. Dazu füllt er einen 20-Liter-Eimer gut zur Hälfte mit Wasser und lässt das Pulver hineinrieseln, das zu Boden sinkt. Der Gips wird nach und nach auf die Oberfläche gestreut, das dauert ein paar Minuten. So bekommt er die perfekte Konsistenz, sagt Antoni: „Würde ich ihn einfach reinkippen, wäre der Gips am Ende ganz knotig.“ Es kommt so viel Gips in den Eimer, bis nur noch etwas Wasser darüber steht und die weißen Inseln verschwunden sind – ein Zeichen, dass der Gips sich vollgesogen hat. Dann wird die Masse langsam durchgeschlagen, bis sie aussieht wie Sahne. Wie viel Gips man braucht, hat der Stuckateurmeister mittlerweile im Gefühl. Als Faustregel gilt: zwei Teile Gips, ein Teil Wasser.

Seit Menschengedenken dient Gips als Baumaterial. Der Werkstoff wurde schon in der Jungsteinzeit verwendet, auch die altägyptische Büste der Nofretete besteht aus Gipsmörtel. Zu seiner höchsten Blüte kam das Stuck-Handwerk in Barock und Rokoko, vor allem in Italien und Süddeutschland gestalteten Stuckateure üppige, verspielte Dekorelemente. Während der Gründerzeit, in der Epoche des Historismus und im Jugendstil war Stuck als günstiges Gestaltungselement in der Architektur weit verbreitet.

Im Charakter des Jugendstils ist ebenfalls das Rosettenmotiv gehalten, das Antoni heute gießt – eine Blüte in der Mitte und vier Blätter an den Seiten zieren das Negativ. Antoni gießt den flüssigen Gips aus einem Schöpfbecher in die Abgussform aus Silikonkautschuk. Zwischendurch ruckelt er die Form hin und her, damit sich Luftbläschen absetzen. Um die dünne Rosette zu stabilisieren, drückt der Stuckateurmeister ein flexibles Gewebe aus Kunststoff vorsichtig in die weiche Masse. Ist der Gips etwas dicker, wird die Form mit einer zweiten Schicht aufgefüllt. Um die Oberfläche griffiger zu machen, streicht Antoni mit einer groben Bürste über den gehärteten Gips – so hält das Zierwerk später besser an Wand oder Decke. Wenn die Rosette nach ein paar Tagen komplett ausgehärtet ist, stürzt Antoni die Form und zieht das Silikon vom Gips. Kleine Luftblasen an der Oberfläche werden mit Schmirgelpapier abgeschliffen.

© Michael Kretzer Kraftakt: Mit Hilfe des „Schlittens“ wird eine Stuckleiste gezogen.

Eine Rosette zu gießen ist kinderleicht, wie Antoni aus eigener Erfahrung berichtet. Vor kurzem feierte seine Tochter Kreativgeburtstag in der Werkstatt, mit ihren Gästen stellte sie selbst kleine Zierstücke her: „Die Kleinen gehen dabei richtig ab“, erzählt Antoni und lacht.

Deutlich anspruchsvoller ist es, eine Profilleiste aus Stuck zu ziehen. Als Basis für das Stuckprofil verwendet Antoni ein längliches Stück Styropor – so lässt sich Gewicht sparen, und der Zug geht leichter. Dann baut Antoni das Profil auf: Schicht für Schicht spachtelt er die immer zäher werdende Gipsmasse auf das Styroporstück. Nach ein paar Minuten hat der Gips angezogen und ist fest genug, Antoni kann beginnen. Mit dem sogenannten Schlitten und der daran befestigten Blechschablone, die dem Profil seine Form verleiht, zieht Antoni ein erstes Mal über die quarkige Masse. Und auch der Laie erkennt gleich in Ansätzen die Stuckleiste, noch nicht sehr scharfkantig, mit Löchern und Macken. „Am Anfang lässt sich der weiche Gips leicht herunterziehen“, erklärt Antoni. „Mit der Zeit wird er aber immer dicker, fester und auch größer.“ Um ein bis zwei Prozent vergrößert sich sein Volumen in der Härtungsphase. Der Fachmann schiebt die überschüssige Gipsmasse, die an den Seiten nach vorne mitrollt, mit einem Spachtel immer wieder nach oben, um die filigrane Spitze auszufüllen. „Die Kante oben ist die wichtigste, alle anderen Kanten werden durch das Rollen des Gipses fast von allein zugezogen.“

© Michael Kretzer Ein Muster in der Werkstatt zeigt eine fertige Stuckleiste.

Mit der Profilschiene arbeitet der Stuckateur gegen den Gips an, der zunehmend härter wird. Kleine Löcher und Poren schließt er mit den Händen. Jetzt muss es besonders schnell gehen, denn Gips reagiert empfindlich auf die Wärme der Finger und die ausgebesserten Gipsstücke auf dem Stuckprofil ziehen schnell an. „Warte ich zu lange, reiß ich mir die Kante wieder weg, oder ich bleibe auf halber Strecke stecken.“ Mit viel Druck und ganzem Körpergewicht legt er sich auf den Schlitten, um allen überflüssigen Gips herunterzubekommen. Wieder und wieder zieht Antoni über das Profil, bis zu zehnmal muss er den Vorgang wiederholen. Hat das Stuckprofil seine endgültige Form gefunden, schneidet Antoni die Leisten in Stücke à 1,20 Meter Länge, die sich gut transportieren und montieren lassen.

© Michael Kretzer Die fertige Rosette hält besser auf aufgerautem Untergrund.

Doch zurück zur Rosette. Die will Antoni im Nachbarhaus montieren. Zuerst misst der Stuckateur die Zimmerdecke aus und bestimmt die richtige Position in der Mitte. Dann wird mit Bleistift der Umriss der Rosette aufgezeichnet. Bevor sie angebracht werden kann, muss Antoni die Tapete an dieser Stelle entfernen, denn auf ihr würde der Deckenstuck nicht halten. Den Putz darunter rauht er mit einer Drahtbürste an. Die Oberfläche sollte frei von Staub, Fett und alten Farbresten sein. Ideal als Träger sind nichtsandende Putze oder Gipskartonplatten. „Die Rosetten schrauben wir immer zusätzlich fest“, sagt Antoni. „Bisher ist uns noch nie etwas heruntergefallen.“ Dafür fräst er vier kleine Kuhlen in die Ecken der Rosette und bohrt mit dem Akkuschrauber Löcher hinein. Besonders schwere Teile werden gedübelt. Denn gerade in Altbauten weiß man nie genau, wie tragfähig der Untergrund ist.

Dann rührt der Stuckateur den speziellen Gipskleber an, trägt ihn dick auf die Rosette bis zu den Rändern auf und drückt sie an. Zuvor wurde der Untergrund mit etwas Wasser befeuchtet. Seitlich hervortretender Kleber lässt sich abkratzen, sobald er nach einer halben Stunde härter geworden ist. Die Schrauben zieht Antoni von Hand mit einem Schraubendreher an, damit der Gips nicht bricht, und spachtelt die vier Kuhlen zu. Am Ende streicht man den Gipsstuck, am besten mit verdünnter weißer Farbe und feinem Pinsel, um selbst die kleinsten Verzierungen zu erreichen. Nach ein bis zwei Stunden hat Antoni die einteilige Rosette fertig montiert, etwa 500 Euro brutto veranschlagt der Stuckateur für Herstellung und Montage. Große Stuckornamente kosten bis zu 2000 Euro.

  • © Michael Kretzer Werke aus Stuck in der Werkstatt Antoni
  • © Michael Kretzer Werke aus Stuck in der Werkstatt Antoni
  • © Michael Kretzer Werke aus Stuck in der Werkstatt Antoni
  • © Michael Kretzer Werke aus Stuck in der Werkstatt Antoni

Der Rheinländer stellt aber nicht nur neuen Stuck her, er restauriert auch kaputten. Oft rufen Kunden bei Antoni an, weil sie unter einer abgehängten Gipskarton-Decke durch Zufall Stuck entdeckt haben, der zum Teil stark beschädigt ist. In den fünfziger und sechziger Jahren entsprach der Schmuck aus Gips nicht mehr den Vorstellungen moderner Architekten, er galt als Relikt einer vergangenen Epoche. Im Zuge der „Entstuckung“ schlug man die Zier damals von Decken und Fassaden. Später kam der Denkmalschutz und rettete viele Altbauten vor der Verödung. In akribischer Kleinarbeit forscht Antoni dann nach, welcher Stuck vorher da war, und studiert kunsthistorische Bücher, antike Fotos und alte Putzreste. Nach Zeichnungen oder originalen Vorlagen baut er Gussformen, reproduziert Rosetten und zieht Profile nach.

Wer handwerklich geschickt ist, kann Stuck selbst machen oder fertige Teile aus Gips im Internet von speziellen Herstellern beziehen. Einige Kunden greifen auch zu Styropor-Imitationen aus dem Baumarkt. Die sind zwar deutlich günstiger und leichter zu verarbeiten, haben aber handfeste Nachteile: „Sie sehen nicht so hochwertig aus“, gibt Antoni zu bedenken. „Außerdem verformen sie sich bei großen Temperaturschwankungen mit der Zeit.“ Bei Styroporprofilen etwa können mit der Zeit an den Nähten Risse entstehen. Außerdem brennt der Schaumstoff leicht und kann dann schädliche Stoffe ausdünsten. Wenn Kunden zu solchen Bauteilen greifen, sollten sie deshalb auf ein Brandschutzsiegel achten.

„Bei Stuck ist das anders“, sagt Antoni, einmal getrocknet, bleibe er, wie er ist, und halte jedem Brand stand. Er erfüllt nicht nur Wohnträume, sondern trotzt auch den Widrigkeiten der Realität: „Stuck ist für die Ewigkeit.“

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 08.11.2016 17:00 Uhr