http://www.faz.net/-hrx-8fg0m

Neues Grün : Die hängenden Gärten von Friedrichshain

  • -Aktualisiert am

XXL-Version kommt aus den Vereinigten Staaten

Acht Kilometer südlich von Berlin-Mitte, in Neukölln, serviert das Café Roamers Avocado-Toast und Flat White ebenfalls unter von der Theke baumelnden Blumenampeln. So spart der kleine Coffeeshop nicht nur Platz, der coole California-Look passt auch ästhetisch einwandfrei zum vorherrschenden Grün-Grau-Braun der Rösterei. Im Vergleich zur Café-Blumenladen-Kombi Wildernis in Amsterdam ist das Roamers in Berlin allerdings spärlich bestückt: In der niederländischen Hauptstadt hängen nämlich nicht nur von der Decke Topfpflanzen in geflochtenen Makramees, auch die Regale links und rechts davon sind mit Sukkulenten, Gießkannen und Vasen bestückt. Dazwischen gibt es Kaffee, Kuchen, Limo - und Sauerstoff.

Wie so oft kommt allerdings die XXL-Version aus den Vereinigten Staaten. So ist es auch bei den hängenden Gärten. Gegen das Modell des „Öko-Topmodels“ Summer Rayne Oakes sieht nämlich alles andere erst mal blass aus. Oakes, die sich neben dem Modeln seit ihrem Studium für Umweltschutz und Nachhaltigkeit engagiert und Vorträge und Reden auf der ganzen Welt hält, hat ihr Apartment in Brooklyn regelrecht in ein Gewächshaus verwandelt. An die 200 Pflanzensorten wachsen hier: aus der Wand, von der Decke, vom Boden, in nahezu jedem freien Winkel. So muss Oakes für einen Ausflug ins Grüne zwar nicht ihr Haus verlassen. Zum Kochen, Arbeiten und Aus-dem-Fenster-schauen, muss sie jedoch den ein oder anderen Pflanzenstrang beiseiteschieben.

„Man kann sie an sehr vielen Orten inszenieren“
„Man kann sie an sehr vielen Orten inszenieren“ : Bild: Studio Hammel

Ihre Erklärung für den Großstadtdschungel: „Ich bin vom Land in die Stadt gezogen, weshalb ich ständig das Bedürfnis gespürt habe, mir eine lebendige Umwelt zu erschaffen, die sich wie zu Hause anfühlt.“ Nicht umsonst nutzen gerade die platzpragmatischen New Yorker jeden Quadratmeter für mehr Grün. Man nehme nur das Beispiel der Dachgärten, womit wir wieder beim Anfang der Geschichte, bei Babylon, wären.

„Man kann sie an sehr vielen Orten inszenieren“

Im Vergleich mit dem 7. Jahrhundert vor Christus und den Siebzigern ist die Sehnsucht nach Grün eher noch gewachsen. Ein Garten ist in Millionenstädten genauso rar wie ein Balkon, der nächste Park oft kilometerweit entfernt. Deshalb holen sich die jungen Großstädter den Garten in die Wohnung. Auch Tyler Brûlé, Herausgeber der Lifestyle-Magazins „Monocle“, weiß: Nur weil ein Ort modernistisch ist, heißt das nicht, dass er nicht gemütlich sein kann. „Licht und Schatten, Textur und Material, Pflanzen - all das trägt dazu bei.“ Die rustikal anmutenden Makramees kommen da, wie die erstarkte Töpferleidenschaft, genau richtig. Letztendlich ist die neue grüne Welle auch ein Indiz für mehr Wohnlichkeit und widerspricht damit dem Eskapismus mit all seinen Fernreisen. Wer sollte das Ganze denn sonst gießen?

Progressive Ableger bleiben da nicht aus: Der „Sky Planter“ der Firma Boskke geht einen Schritt weiter als die Makramees. Er stellt Pflanze und Topf direkt auf den Kopf, die Erde im Topf aus Recyclingplastik wird mit einem Plastikgitter zurückgehalten. So ist das Rosmarin für die Ofenkartoffeln oder das Basilikum für die Pasta zwar schnell zur Hand. Zum Gießen muss man aber immer noch auf den Stuhl steigen. Auch Andrea Cseh-Wehrer von Studio Hammel hält viel vom Einsatz der Blumenampeln als Kräutergarten. Aber nicht nur: „Man kann sie an sehr vielen Orten inszenieren: Neben der Küche als Kräutergarten, eignen sich die hängenden Blumentöpfe vor dem Badezimmerfenster als Sichtschutz und im Wohnzimmer als Pflanzenschutz vor krabbelnden Babys.“

Das einzige Revival, das jetzt noch aussteht, ist das der Grünlilie, auch Beamtenpalme genannt. Schließlich hängen die südafrikanischen Agavengewäche mit ihren vielen Ablegern aus Makramees besonders üppig. Und wenn schon die Monstera ein Comeback feierte, warum nicht auch diese weitere unverwüstliche Zimmerpflanze?

Weitere Themen

Grüner wird’s nicht Video-Seite öffnen

Urban Gardening : Grüner wird’s nicht

Gemeinschaftliches Stadtgärtnern ist beliebt und weit verbreitet. Aber die Gesellschaft verändert sich dadurch noch nicht. Ein Besuch bei Frankfurter Initiativen zeigt: Das Projekt Urban Gardening müsste noch viel größer gedacht werden.

Gemüsegarten im All Video-Seite öffnen

Forschungen über Anbau : Gemüsegarten im All

Einen grünen Daumen zu haben ist nicht immer einfach. Und noch schwerer ist es im Weltraum. Die Raumfahrtbehörde „Nasa“ holt sich in Florida jetzt Verstärkung von Schülern, die ihnen neue Ideen geben sollen.

Mehr als Luft und Liebe

Tillandsien : Mehr als Luft und Liebe

Tillandsien sehen richtig gut aus. Doch wer die Pflanzen nur wie Deko behandelt, wird an ihnen wenig Freude haben. Wie man Luftnelken trotzdem schön in Szene setzt.

Topmeldungen

Die Polizei in Dresden kann nach der missglückten Entschärfung keine Entwarnung geben, das Gebiet bliebt gesperrt.

Dresden : Bergung der Fliegerbombe missglückt

Die Entschärfung einer Fliegerbombe in Dresden missglückt, es kommt zu einer Teilexplosion. Die Polizei geht von einem erheblichen Gefahrenpotenzial aus und kann keine endgültige Entwarnung geben.

Reaktion auf Bamf-Skandal : Seehofers Brandschneise

Der Bundesinnenminister setzt ein Zeichen, um vom Bamf-Skandal nicht erfasst zu werden. Doch nicht nur im Willkommensmilieu Bremens ist die konsequente Abschiebung eher die Ausnahme als die Regel. Ein Kommentar.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.