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Wohnen: Wie wär’s mal mit Gemütlichkeit?

Wie wärs mal mit Gemütlichkeit?

Von ANNA-LENA NIEMANN
Foto: Dulux

20.09.2017 · Während Spanier und Italiener es gerne bunt treiben, sind die deutschen Wände meistens weiß. Doch das ändert sich. Die neuen Farben sollen Kuschelstimmung verbreiten.

Das Ausland beneidet die Deutschen um ihre Gemütlichkeit. Allein schon um das Wort als solches. Eine wirklich gute Übersetzung findet sich in den meisten Sprachen nämlich nicht. Coziness, Cocooning oder Hygge kommen nah dran, so richtig treffen sie den Kern aber nicht. Deshalb heißt es jetzt mangels passender Übersetzungen einfach „German Gemütlichkeit“.

Und die liegt im Trend. Was über Jahrzehnte als altmodisch, piefig und etwas muffig galt, kommt gerade mit geballter Kraft in die Wohnzimmer der Welt: Samtsofas, langflorige Teppiche, Ohrensessel und warme Metalle wie Kupfer oder Messing. Begleitet wird die neue Behaglichkeit von einer Farbpalette, die den gemütlichen Objekten einen modernen Anstrich verpasst. Pudrige Rosatöne finden sich in allen Möbelkatalogen, vermehrt begleitet von tiefen, satten Nuancen in Nachtblau, Aubergine oder Moosgrün.

Blaue Accessoires wie Kissen, Teppich und Tassen bilden einen schönen Kontrast zu den pudrigen Rosatönen an den Wänden. Foto: Dulux

Jetzt haben sogar die Niederländer von Akzo Nobel, eines der führenden Unternehmen für Farben und Lacke, die deutsche Gemütlichkeit entdeckt. „Heart Wood“, ihre neue Trendfarbe für das kommende Jahr, ist ein warmer Rosenholzton, der perfekt zu Plüsch und Kuschelteppich passt. Er soll behaglich sein, freundlich und einladend, denn nicht nur die Bewohner gilt es zufriedenzustellen, sondern auch deren Besucher – im Jahresschnitt immerhin 215 Personen. Der Wohnraum wird nicht nur als privater Rückzugsort wichtiger, sondern gleichzeitig als Aushängeschild, als Ort des sozialen und natürlich auch gemütlichen Miteinanders. Deshalb scharen sich um Heart Wood auch gleich vier verschiedene Farbpaletten, die trotz Massentrend eine Individualisierung erlauben sollen. Auch so ein Trend unserer Zeit.

Mit Bettwäsche in Naturtönen und grauer Wand wirkt das Schlafzimmer gradlinig skandinavisch, mit grünem Plüschsessel, messingfarbener Lampe und altrosa Anstrich ganz kuschelig.

Für Christine Gottwald sind Zusammenhänge zwischen Phänomenen des Zeitgeists und Farben kein Zufall. Die Farbdesignerin von Akzo Nobel versucht mit ihren Kollegen aus wirtschaftlichen und sozialen Strömungen Farbtrends abzuleiten. Dazu fragt sie unter anderem, welche Bücher gerade gelesen und welche Filme geschaut werden. Der Diagnose wird zum Schluss ein Farbton zugeordnet. Ein Zeitkolorit, so etwas wie der Malkasten des Zeitgeists, entsteht.

Der Mut zur Farbe lässt auch die Küche in einem neuen Licht erscheinen. Foto: Dulux
Ob in Rosa oder in Blau – eine willkommene Abwechslung zum Einheitsweiß. Foto: Dulux

„Unsere momentane Stimmung lässt sich unter 24/7 zusammenfassen“, erläutert Gottwald. Big Data, soziale Medien, Künstliche Intelligenz und die unendliche Informationsflut hätten uns viele Möglichkeiten geschenkt, aber eben auch verunsichert. Als Reaktion darauf empfinden wir das Zuhause, den Ort, an dem wir am ehesten auch mal offline sind, als Luxus. Das ganze Thema der digitalen Revolution ist natürlich nicht neu. Die Designerin beschreibt, wie sich dieses Phänomen seit Jahren angebahnt hat, doch jetzt erst richtig da sei, ins Private, zu jedem Einzelnen vordringe. Diese Stimmung hat sie versucht, in einer Farbe auszudrücken – Heart Wood. Der Name soll die Idee eines herzlichen, warmen und einladenden Zuhauses vermitteln. Gottwald betont dabei: „Wir wollen keine Trends setzen, das würde ich mir nicht anmaßen. Es geht darum, zu beobachten und sichtbar zu machen, was wir als Trends vorfinden, und dann Inspirationen dazu zu liefern.“

Der Anstrich der Fensterrahmen hat einen großen Effekt: Einmal in Grün kombiniert mit offwhitefarbener Wand, einmal in Rotbraun mit Wandfarbe in Ocker. Foto: Dulux

Dass Unternehmen solche Trendforschungen betreiben, weil das Neue eben immer auch ein Verkaufsargument liefert, steht außer Frage. Trotzdem zeigt der Blick in die letzten Jahrzehnte, dass es so etwas wie ein Zeitkolorit tatsächlich gibt, Farbtrends nicht nur von der Industrie produziert werden. Die quietschbunten siebziger Jahre waren auch eine Reaktion auf die angestaubten, pastellig-bräunlichen fünfziger Jahre. In der Nachkriegszeit mussten Räume vor allem funktional sein, und die Farbauswahl ließ wenig Experimente zu. Sie orientierte sich an der Technik, die gerade in die Haushalte einzog, beim Telefon konnte man zum Beispiel nur zwischen drei neutralen Tönen wählen. Von der mutigen Farbexplosion, die folgte, hatte man aber spätestens in den Achtzigern genug. Klares Weiß, gerade Linien, höchstens mal ein buntes geometrisches Highlight waren das Ergebnis. Selbst Kindergärten und Krankenhäuser wurden unter das Weißdiktum gestellt.

Das Hellblau hinterm Bett hebt die Schlafstätte auch optisch von den seitlichen Regalen ab. Foto: Dulux

Heute wäre das undenkbar. Aus den frühen Zweitausendern finden sich in einigen Restaurants noch Relikte von terracottafarbener Wischtechnik. Das Bedürfnis, selbst Hand anzulegen, zu gestalten und sich kreativ auszuleben – mit mehr oder weniger Erfolg –, hat sich bis heute gehalten. Es findet seine Verwirklichung in unzähligen Do-it-yourself-Blogs und Mandala-Malbüchern für Erwachsene. Der kreative Spielraum ist dabei über die Jahrzehnte auch physisch größer geworden. Hatte eine Person in den Fünfzigern noch durchschnittlich 14 Quadratmeter Wohnfläche zu gestalten, sind es heute etwa 48 Quadratmeter.

Ein Ockerton an der Wand macht sich hervorragend zum lila Sofa mit Mahagonitisch. Foto: Dulux

Welches Kolorit von diesem Jahrzehnt am Ende übrig bleibt, wird sich erst im Rückblick herausstellen. Grundsätzlich würde sich die studierte Kommunikationsdesignerin Gottwald gerade in Deutschland mehr Mut zur Farbe wünschen. Die Verkaufszahlen belegen: Deutschland ist ein Weiß-Markt. Besonders die sonst so bunte Hauptstadt setzt in ihren vier Wänden auf Weiß und abgetönte Nuancen in Off-White. In anderen Ländern ist man experimentierfreudiger, besonders in Frankreich, Italien oder Spanien scheuen sich die Menschen nicht vor Buntem. Fast zwei Drittel der Leute, die in weißen Wänden wohnen, sagen, sie hätten Angst, mit der Farbe danebenzuliegen, erklärt die Designerin. „Dabei ist Farbe doch die günstigste Möglichkeit, etwas zu verändern und gleichzeitig einen enormen Effekt zu erreichen.“ Wenn es nicht gefällt, wird einfach drübergestrichen. Sie rät zudem, neue Farben mit großen Farbmustern in der Wohnung zu testen, zu schauen, wie sie zum Mobiliar passen. Apps können bei der Entscheidung helfen. Per Visualisierung können mit einem Fingertipp die Wohnzimmerwände mal in Rauchblau, mal in Mintgrün getaucht werden. Wer noch hadert, dem empfiehlt Gottwald, mit neutralen, gedeckten Nuancen, sogenannten Neutrals, einzusteigen. Mutige greifen zu richtig dunklen Farben, die sich gerade in ruhigen Schlafzimmern anbieten. Offene Grundrisse, genau wie kleine Wohnungen, lassen sich mit Farbe optisch strukturieren.

Ein pudriges Blau und Gelbbeige strukturieren die moderne Küche. Foto: Dulux

Schon im Studium hat die Kommunikationsdesignerin Gottwald zur Kulturgeschichte der Farben geforscht, die früher ein Luxus waren. In der modernen Architektur waren sie hingegen lange verpönt. Farbe solle etwas verdecken, wurde geargwöhnt, oder galt schlicht als dekorativer Tand. „Das ändert sich zum Glück gerade“, sagt Gottwald. Vielleicht wird sogar die Hauptstadt dann auch von innen bunt.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.09.2017 09:07 Uhr