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Gropius und der Schweinestall : Wettschulden sind Ehrenschulden

  • -Aktualisiert am

Zwei Männer, eine Wellenlänge: Walter Gropius und Philip Rosenthal Bild: Rosenthal

Kurz vor seinem Tod entwirft Walter Gropius für den Industriellen Philip Rosenthal einen Schweinestall. Ganz freiwillig tut er es nicht – doch die Skizze hat es in sich.

          Diese Geschichte beginnt, wo heute alle guten Dinge ihren Anfang nehmen: in Bayern. Es ist der 5. Oktober 1967, als Walter Gropius vom großen Boston ins kleine Selb reist, ein beschauliches Kleinstadtidyll im Fichtelgebirge. Seit dem Kriegsende kommt Walter Gropius gern nach Bayern und am liebsten nach Selb in Oberfranken, wo sein Freund, der Porzellanfabrikant Philip Rosenthal, lebt und arbeitet. Heute ist Gropius hier, um die Fabrik zu inspizieren, die er mit seinem amerikanischen Büro für den Patriarchen entworfen hat. Große Eröffnung: Ludwig Erhard hält die Festtagsrede, später soll es Nürnberger Rostbratwürste und Selber Kräuterkäse geben. Rosenthal versteht sich schon zu einer Zeit aufs Image, wo andere noch auf die Auslegeware starren.

          Walter Gropius hatte der Fabrik sehr hohe Fenster gegeben, ein Gewächshaus mit Flamingos und ein „Feierabendhaus“ mit Bibliothek und Billardtisch für die Mitarbeiter, und überall war richtig viel Grün ringsherum. Das gefällt Rosenthal, der zu den Ersten gehört, die ihre Angestellten als Mitstreiter begreifen, und sie deshalb schon früh am Unternehmen beteiligt. Vor dem Engagement im väterlichen Betrieb ging auch Rosenthal durch Höhen und Tiefen, verdingte sich als Bergarbeiter und Legionär, Journalist, Bäckerlehrling und Schweinehirte. Er ist ein umtriebiger Mann, reist vornehmlich im VW-Bus, fliegt um die Welt oder besteigt Sechstausender.

          Der Industrielle Philip Rosenthal hat ein ungewohnt gutes Händchen für große Künstler. Er engagierte Andy Warhol, Otto Piene, Tapio Wirkkala. „Ich persönlich habe nichts erdacht und nichts erfunden“, sagt er zu Lebzeiten, „ich habe nur Menschen gefunden und dafür gesorgt, dass sie zusammenfinden.“ Dass Rosenthal und Gropius zusammenfanden, war dem Zufall geschuldet. Ein Schweizer Grafiker, der ein Buch über Gropius’ Architekturbüro schrieb, knüpfte zwischen den beiden zarte Bande.

          Sie mochten sich gleich. Rosenthal, der visionäre Unternehmer, und Gropius, der Jahrhundert-Architekt, hatten beide aus Deutschland fliehen müssen; beide einte der Glaube an die fruchtbare Wirkung guter Architektur und guten Designs. Die Gestaltung des Werks war für Gropius ein Experiment, das ihm die Chance gab, noch einmal frei aller Konventionen zu gestalten, die sich um das Bauhaus längst etabliert hatten. Und weitgehend bar kritischer Blicke von außen an einem überschaubaren Projekt zu arbeiten. Es funktionierte so gut, dass er seine Liebe zum Porzellan entdeckte. Rosenthal musste wenig Überzeugungsarbeit leisten, um ihn ein Teeservice entwerfen zu lassen.

          Skizze 1 Bilderstrecke

          Beim Rundgang durch das neu eröffnete Werk entdeckt Gropius auf einer Tellerfahne einen schwarzen Rand. Rosenthal beteuert, dass der sich beim Brennen des Porzellans zu einem Goldband wandeln werde. Gropius bezweifelt das. Er bezweifelt es nicht nur, er streitet es vehement ab. Eine hitzige Diskussion flammt auf, die beiden wetten. Rosenthal liebt Wetten, denn in der Regel gewann er sie - und auch in diesem Fall soll er recht behalten. Das Schwarz des Rands wandelt sich unter Hitze in einen Goldton. Eigentlich klar, dass Rosenthal das weiß. Und so muss Gropius seine Wettschuld begleichen.

          Weil Rosenthal aus der Zeit in der Legion den Spruch „Erfolg ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein“ mitgenommen hatte, schenkt ein Besucher dem Freund zur Eröffnung der Fabrik ein Schwein. Das brauchte eine Herberge. Und weil Wettschulden Ehrenschulden sind, fackelt Gropius nicht lang und setzt seinen Wetteinsatz um: einen Stall für das Hausschwein von Rosenthal zu gestalten. Es wird kein Stall, sondern ein „Palazzo“, der „Palazzo RoRo“. So hieß das Schwein, weil Rosenthal am Rothbühl liegt. Der Palazzo ähnelt dem Werksgebäude. Es wird ein kubischer Bungalow mit großem Empfangsbereich, einem Flachdach, schmalen Fensterbändern, einem kreisrunden Bullauge. Welches Schwein darf schon in einem Bauhaus-Stall hausen?

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          Der Stall wird nie gebaut. Die Mitarbeiter, so erzählt man es heute, fürchten, sich neben der Arbeit auch noch um ein Schwein kümmern zu müssen, noch dazu dieser Gestank! Das Schwein kommt auf einen Bauernhof, die Skizzen wandern ins Archiv.

          Vor ein, zwei Jahren entdeckt Marketingdirektor Andreas Gerecke sie beim Reinemachen in seinem Büro. Wie gut, dass derlei Zufallsfunde immer dann gemacht werden, wenn ein Jubiläum ins Haus steht: Denn Rosenthal feiert in diesem Jahr den hundertjährigen Geburtstag seines 2001 verstorbenen Patriarchen. Seit gut zwei Jahrzehnten kriselt das Geschäft in der Branche schon, und wer keine technische Keramiksparte hat, für den sieht die Zukunft düster aus. Zwischenzeitlich musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.

          Jetzt soll Gropius für Schwung sorgen: Gerecke sprach mit dem derzeit allgegenwärtigen Designer Sebastian Herkner, der schon häufiger mit Rosenthal zusammengearbeitet und zum Jubiläum konsequenterweise ein Schwein entworfen hat. Herkner wiederum setzte das Frankfurter Architekturbüro Unique Assemblage in Gang. Das interpretierte den Stall von Gropius maßstabsgetreu mit weißen und goldenen Gitterstäben. Jetzt reist der Stall durch Deutschland, zunächst in das KaDeWe nach Berlin, dann weiter nach München. Gleichzeitig legt Rosenthal die TAC-Serie von Walter Gropius neu auf und engagierte dafür die Londoner Gestalterin Ewelina Wisniowska, die das Bauhaus-Schwein auf den Teller bringt. Der streng architektonische Charakter des Gropius’schen Teeservice billigte einem kaum Raum für Gestaltung zu. Sie fing also ganz behutsam an, von außen. Da, wo das Goldband ist.

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