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Inneneinrichtung : Sehnsucht nach Tuchfühlung

Haptik im Schlaf: Glatte Baumwolle kühlt den Körper Bild: Mike van den Toorn Photography / Christian Fischbacher

In einer visuellen Welt gerät ein Sinn in Vergessenheit: das Tasten. In der Inneneinrichtung hat das zu einem Comeback geführt.

          Wahrscheinlich besitzt sie jeder, diese Hinterschränkler. Kleider, Pullover, Hosen, im Internet bestellt oder schnell noch beim Einkaufen mitgenommen, weil das Grün so schön war. Oder weil das Model auf dem Werbefoto in diesem Kleid so gestrahlt hat. Und dann steht man zu Hause, probiert genau dieses Kleid an und strahlt überhaupt nicht.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Grün ist zwar immer noch schön, aber der Stoff kratzt. Und am Hals ist der Schnitt irgendwie auch zu eng, fast als würde man keine Luft bekommen. Das Aussehen stimmt, aber die Haptik nicht. Also ab in die letzte Ecke des Schranks damit, zu den anderen Hinterschränklern, die visuell überzeugt, aber taktil versagt haben.

          Die Erfahrung, sich nicht automatisch in allem wohl zu fühlen, was dem Auge gefällt, kann in Bezug auf Kleidung wohl jeder intuitiv nachvollziehen. Dasselbe gilt aber für die Einrichtung. Denn auch bei Polstern, Vorhangstoffen und selbst Tapeten spielt es nicht nur eine Rolle, wie sie aussehen, sondern auch, ob sie der Haut schmeicheln.

          „Wir leben in einer visuellen Welt und lassen uns häufig von der Optik täuschen. Der Tastsinn lässt sich hingegen nicht so leicht überlisten. Es entscheidet über unser Wohlbefinden, wie sich Dinge anfühlen“, sagt die Wohnsoziologin Monika Kritzmöller, die über die textile Haptik forscht. Als haptische Wahrnehmung bezeichnet man das tastende Begreifen von Dingen - meist geschieht es sehr viel unbewusster als die akustische oder visuelle Wahrnehmung.

          Be-greifen, er-fassen

          Kritzmöller beschreibt die Haptik deswegen auch als „vergessenen“ Sinn - omnipräsent, aber unbedacht. Wie sehr die Berührung jedoch unsere Wahrnehmung prägt, beweist unsere Sprache: Wer die Welt um sich herum verstehen will, muss sie be-greifen, er-fassen, oder ihr auch die verschleiernde Hülle rauben, sie ent-decken.

          Dabei entfaltet die Haptik nicht nur am eigenen Körper, sondern auch im Raum ihre Wirkung, ist Kritzmöller überzeugt. Ein Wohnzimmer wechselt seine Atmosphäre, je nachdem ob das Sofa mit glattem Leder, Samt oder Hightechgewebe überzogen ist. „Glatte, glänzende Materialien strahlen aus, dass sie nicht berührt werden wollen, sie halten den Betrachter auf Distanz“, sagt Kritzmöller. Weiche, natürliche Stoffe laden hingegen zur Berührung ein. „In einem Zimmer, in dem man die Gegenstände gerne berührt, verweilen die Menschen länger“, sagt Kritzmöller.

          Wer gut sitzt, verweilt länger: Sessel „Duke“ von Sahco Hesslein

          Nachdem die Wohntrends der vergangenen 20 Jahre die große Kühle zelebriert haben, glatte Oberflächen in weiten Räumen dominierten, gibt es nun eine neue Sehnsucht nach Tuchfühlung. Sofas werden wieder mit Samt bezogen - ein Stoff, der lange als unmodern und plüschig galt.

          „Absolut sicher fühlen“

          Vorhangstoffe sind so weich, dass man sie sich am liebsten um den Hals binden würde - kein Wunder, dass der Stoffhersteller Sahco Hesslein seinen Vorhangstoff mit Cashmere-Anteil „Pashmina“ genannt hat. Wandbespannungen aus Stoff liegen im Trend. Und selbst die gute alte Tapete lädt mit textiler Oberfläche oder einer besonderen Struktur zur Berührung ein.

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