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Aktualisiert: 18.08.2016, 13:44 Uhr

Modernes Wohnen Allein zu Haus

Singlehäuser sind der neue Trend im Wohnungsbau. Möglichst flexibel und platzsparend sollen sie sein. Für junge Erwachsene entworfen, ziehen vor allem Senioren ein.

von Sabine Hildebrandt-Woeckel
© Techmetall Stahlwürfel mit Dachterrasse: Singlehaus von Sascha Haas

Die Idee war gut, das Interesse riesig - doch der Start trotzdem holprig. Als sich der Österreicher Sascha Haas Anfang 2007 entschied, nicht der Familientradition zu folgen, und begann, im eigenen Stahlbaubetrieb kleine Kompakthäuser zu bauen „statt nur Geländer“, war er seiner Zeit noch voraus.

Zwar gibt es in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz oder Italien schon lange Häuser, die gerade groß genug für eine Person sind. Doch in Österreich und Deutschland werden Häuser in der Regel für Familien konzipiert. Singles und junge Paare orientieren sich auf dem Wohnungsmarkt.

Haas hatte die Idee in den Vereinigten Staaten aufgeschnappt. Dort führte das Platzen der Immobilienblase dazu, dass die Architekten nach kleinen, finanzierbaren Alternativen suchten. Der Wiener Unternehmer hatte seine Zielgruppe klar vor Augen: junge Menschen, die die Vorteile, im eigenen Haus zu leben, schätzen, ein großes Haus aber weder brauchen noch sich leisten können - und die zudem flexibel bleiben wollen.

Markt entwickelt sich rasant

Der Prototyp seiner Stahlhäuser war 26 Quadratmeter groß, kostete gerade einmal gut 36 000 Euro und war sogar leicht transportierbar. Denn ein Fundament war nicht nötig. Doch trotz vieler Anfragen musste Haas eine lange Durststrecke überwinden, bis Mitte 2008 endlich der erste Verkauf zustande kam.

Fast zehn Jahre später kann Haas über seine Anfänge nur noch schmunzeln. 20 Mitarbeiter beschäftigt er mittlerweile, hat 110 Einheiten seiner Mikrohäuser gebaut und schwimmt voll mit auf der Erfolgswelle, die sich rund um das sogenannte „Singlehaus“ aufgetürmt hat.

41899962 © Techmetall Vergrößern Kleines Haus, große Dachterrasse: Das Singlehaus von Sascha Haas

„Marketing? Brauchen wir nicht“, freut sich der Unternehmer. Auch nach Deutschland liefert er inzwischen seine Häuschen und ist dabei, einen Lizenzverkauf in ganz Europa aufzubauen.

„Seit etwa zwei bis drei Jahren“, schätzt auch Isabella Bosler, „entwickelt sich der Markt rasant.“ Bosler selbst ist vor fünf Jahren auf das Thema gestoßen - durch einen Zeitungsartikel. Erst hat sie für sich selbst recherchiert, dann so viel Zukunftspotential gesehen, dass sie begann, eine eigene Website aufzubauen.

Singlebörsen, Singletickets, Singlehäuser

Der Hintergrund war, dass sie zwar schon damals viele Informationen zum Begriff Singlehaus fand. Doch was darunter verstanden wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Oft, so sagt sie, gehe es bei der Verwendung des Begriffs wohl nur um die Suchmaschinenoptimierung.

In Zeiten von Singlebörsen, Singletickets und Singlepizzas machen sich auch Singlehäuser gut und treffen den Nerv der Zeit. Doch eine 400-Quadratmeter-Luxusvilla, die unter diesem Stichwort dem betuchten Alleinlebenden angeboten wird, hat weder etwas gemein mit den Stahlwürfeln von Sascha Haas, noch mit anderen Kleinhäusern, deren Ansatz es ist, wenig Raum optimal auszunutzen.

 
Singlehäuser sind angesagt im Wohnungsbau. Für junge Erwachsene entworfen, ziehen vor allem Senioren ein

Inzwischen geht Boslers Engagement sogar noch deutlich weiter, und sie verhandelt in Berlin mit Grundstückeigentümern über den Aufbau einer Kleinhaussiedlung. Eine Dauerwohnanlage entsteht auf dem Gelände bereits, Bosler möchte aber auch einen Musterpark intergrieren, der die ganze Vielfalt der Minihäuser abbildet. „Nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Probewohnen.“

Minimalistisch und autark

Denn wie ein „Singlehaus“ aussieht und wozu es genutzt wird, erläutert die Expertin, hat in erster Linie damit zu tun, von welcher Seite man sich dem Thema nähert. Drei Ansätze zählt sie auf.

Da ist zum einen der Wunsch, minimalistisch und möglichst auch autark zu leben, Ressourcen zu schonen und sich auch beim Wohnen auf das wenigste zu beschränken. Perfekt hat dies ein Architekt aus Tel Aviv umgesetzt und ein Haus entworfen, das gerade einmal vier Quadratmeter hat. Schlafen, Duschen und Kochen ist darin ohne Probleme möglich, so der Konstrukteur in Interviews.

Tiny House On Wheels © Bulls / Caters UK Vergrößern Klein, aber alles drin: Viele Mikrohäuser sind sogar mobil.

Geht es um diesen Ansatz, verwendet Bosler eigentlich gar nicht gerne den Begriff Singlehaus, sondern spricht nur von Mikro- oder Kleinhäusern. Diese können für Singles konzipiert sein, aber auch 25 oder 60 Quadratmeter haben - und werden dann auch von Paaren oder sogar Kleinfamilien bewohnt, die sich bewusst beschränken. Gemeinsam ist ihnen, dass ökologische Baustoffe verwendet werden und sie so konstruiert sind, dass wenig Energie benötigt, mitunter sogar autark gewonnen wird.

„Ich möchte allein leben und in einem Haus“

Ein zweiter Zugang zum Thema ist der ökonomische. Nicht nur die Flüchtlingsproblematik, erläutert Bosler, fordert schnelle, kostengünstige und möglichst flexible Lösungen. Bauen ist auch für Normalbürger teuer geworden in den letzten Jahren.

Und Baugrund wird vor allem in den Städten immer rarer. Kleinhäuser kosten im Schnitt 1600 bis 2000 Euro je Quadratmeter und lassen sich im Zweifel in bereits eng bebauten Gebieten sogar auf Flachdächer aufsetzen.

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Und nicht zuletzt ist es natürlich auch der allgemeine Trend zur Individualisierung, der sich mit den beiden ersten Motiven mischen kann - und der dem Singlehaus Rückenwind bringt. Laut Statistischem Bundesamt macht der Anteil an Ein-Personen-Haushalten in Deutschland fast 40 Prozent aus.

Das echte Singlehaus, erläutert auch die Wohnpsychologin Barbara Perfahl, löst einen Grundkonflikt, den sie heute bei ihren Kunden immer häufiger beobachtet. „Ich möchte allein leben und in einem Haus.“

Flexibilität und Platzersparnis

Ein Singlehaus, das diesen Ansprüchen genügt, hat meist eine Grundfläche von 40 bis 45 Quadratmetern und ist zwei- oder sogar mehrstöckig gebaut. Eines der ersten Projekte in Deutschland im Münchner Stadtteil Obermenzing besteht sogar aus Häusern, die sich über vier Etagen erstrecken, aber insgesamt gerade einmal 80 Quadratmeter haben.

41899980 © Techmetall Vergrößern Klein, schwarz, lichtdurchflutet: Ein Singlehaus mit Glasfront

Grundsätzlich gilt: Im echten Singlehaus ist der Grundriss konsequent auf eine Person ausgerichtet, die Räume sind offen gestaltet, und es gibt nur wenig echte Trennwände. Selbst die Möbel sind oft speziell entworfen und angepasst - und ebenfalls auf Flexibilität und Platzersparnis getrimmt.

Wurden Singlehäuser anfangs zumeist individuell geplant und umgesetzt, haben inzwischen auch die Fertighausbauer die neue Zielgruppe entdeckt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Modulsystemen - mitunter auch so konstruiert, dass sie sich später zusammenfügen und erweitern lassen.

80 Prozent der Käufer sind älter als 45 Jahre

Womit gleichzeitig auch ein Grundproblem des Singlehauses gelöst wird. „Nur wenige Menschen leben wirklich ihr ganzes Leben allein“, erläutert Perfahl. Oder kommen mit gleichbleibend wenig Platz aus. Mit Modulsystemen lassen sich später Kinderzimmer oder Büros einfach an- oder aufbauen.

Grundsätzlich hat das Singlehaus eine große Zukunft, ist sich auch Perfahl sicher. Angesichts zunehmend fragmentierter Biographien gibt es immer wieder Phasen des Alleinlebens - auch und gerade am Ende des Lebens.

41899977 © Techmetall Vergrößern Blick von innen auf die Glasfront: In ein kleines Haus kann viel rein passen.

Zwar war die Zielgruppe der Senioren anfangs überhaupt nicht im Visier von Singlehaus-Architekten. Doch gerade unter ihnen, beobachten alle Experten, steigt das Interesse stetig. Auch Unternehmer Haas räumt ein, dass er seine eigentliche Zielgruppe drastisch verfehlt hat.

80 Prozent seiner Käufer sind älter als 45 Jahre, die meisten zwischen 55 und 60 Jahre alt. Sein ältester Kunde, erzählt er, war 92. Dabei hat der den Trend ausgemacht, dass die Käufer das Mikrohaus zunächst als Wochenendhaus konzipieren, dann aber im Alter ganz dorthin ziehen.

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Ein langsames Herantasten an das Thema, das auch Wohnpsychologin Perfahl beobachtet. Sie kennt Fälle, bei denen die Senioren ihr Familienhaus an die Kinder übergeben und selbst ins Mikrohaus aufs eigene Grundstück ziehen - faktisch ein Aufleben des alten Austragshäuschens. Darunter verstand man früher ein kleineres Gebäude, das den Altbauern als Wohnstätte diente, nachdem sie das Haupthaus an die Hoferben übertragen hatten. Ebenso weiß sie von verschiedenen Co-Housing-Initiativen, bei denen Ältere ihre Häuser an junge Familien verkaufen und Teile des alten Grundstücks für ein Mikrohaus abtrennen.

Ein Modell, in dem auch Herbert Reichl, Architekturpsychologe im österreichischen Ottnang, viel Potential für die Zukunft vermutet. Auch Wohnprojekte mit integrierten Singlehäusern, wie sie ebenfalls zunehmend geplant werden, wird es seiner Ansicht nach künftig häufiger geben. Entscheidend hierbei sei jedoch Individualität in der eigenen Wohneinheit bei gleichzeitiger Einbettung in ein soziales Umfeld.

Allerdings hat diese Vision noch einen Haken: Die Mehrheit der angebotenen Klein- oder Singlehäuser ist für Bewohner im hohen Alter wenig geeignet. Denn Treppen über vier Etagen machen für gehbehinderte Menschen wenig Sinn. Doch auch hier ist Abhilfe in Sicht: Konstruktionen mit integriertem Aufzug gibt es schon.

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