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Leben im Schloss : Herrin über 100 Räume

  • Aktualisiert am

Julia Naeßl-Doms: „Der Blick ist grandios.“ Bild: dpa

Das Wohnen auf einer Burg hat Vor- und Nachteile: Julia Naeßl-Doms genießt am Bodensee eine atemberaubende Aussicht – teilt ihr Zuhause aber mit Fremden.

          Wenn Burgherrin Julia Naeßl-Doms mal ein bisschen Abstand vom Tourismus-Trubel braucht, geht sie in den privaten Wohnbereich der Meersburg, setzt sich auf den Balkon und genießt die Aussicht über den Bodensee. „Der Blick ist grandios“, sagt die Herrin über rund 100 Räume auf der Burg. An so etwas gewöhne man sich auch in all den Jahren nur zum Teil. „Klar, man ist jeden Tag hier, es wird schon normal. Aber trotzdem bin ich mir dessen bewusst: Es ist absolut schön hier.“

          Doch das Leben auf einer Burg hat nicht nur Vorteile. Spontan mal eine Grillparty mit Freunden feiern? Abends lange im Garten sitzen? Sich tagsüber im Liegestuhl sonnen? Geht nicht. Denn die Meersburg ist zum großen Teil ein Museum, das jeden Tag geöffnet ist. Wie viele Besucher jährlich kommen, will Naeßl-Doms zwar nicht verraten – aber ihre Familie wohnt, wenn auch mit eigenem Wohnbereich, mitten im Besucherrummel. „Das war für mich am Anfang schwierig. Das Haus, in dem ich während meiner Schulzeit aufgewachsen bin, war herrlich – mit einem Garten vorne und hinten. Ich war eine Sonnenanbeterin“, sagt die gebürtige Holländerin. „Und dann bin ich hierher gekommen und konnte nicht mal eben draußen auf der Terrasse sitzen.“

          Das Babyphone funktioniert in solch alten Gemäuern nicht

          Naeßl-Doms hat ihren Mann und seine Burg bereits als junge Frau kennengelernt: Damals kam sie für einen Ferienjob an den Bodensee. Als sie nach dem Studium zu ihm zog, musste sie sich dennoch an einige Dinge gewöhnen: An den Umgang mit kostbarem Service oder mit historischen Möbeln oder auch daran, dass das Babyphone in solch alten Gemäuern nicht funktionierte. Zu Beginn habe sie auch die Einrichtung der Schwiegermutter, die ebenfalls in der Burg lebte, als altmodisch empfunden. „Und heute bin ich selber so, dass ich sehe: Das passt“, sagt sie.

          Der Sage nach hat der Merowinger-König Dagobert I um 630 den Bergfried gebaut.
          Der Sage nach hat der Merowinger-König Dagobert I um 630 den Bergfried gebaut. : Bild: dpa

          Wie viele Burgen es in Deutschland gibt – oder wie viele davon in privatem Besitz sind - diese Zahlen sind nicht leicht zu erfassen. Burgen gehörten in Deutschland zu den Kulturgütern und seien damit Ländersache, sagt der Leiter des Europäischen Burgeninstituts im rheinland-pfälzischen Braubach, Reinhard Friedrich. Daher gebe es keine bundesweite Statistik. Zudem müsse man zwischen stehenden und nicht mehr stehenden Burgen – also Ruinen – unterscheiden. „Letztlich weiß niemand, wie viele Burgen es in Deutschland gegeben hat oder wie viele bewohnt sind.“

          Die Burg Meersburg gilt als älteste bewohnte Burg Deutschlands

          Von den noch stehenden Burgen seien mehr Objekte in privater als in staatlicher Hand, sagt Friedrich. Er schätzt die Zahl der bewohnten Burgen auf etwa ein Viertel – eine verbindliche Statistik gebe es aber nicht, betont er. Das Institut ist eine Einrichtung der Deutschen Burgenvereinigung, die unter anderem die Forschung zu Burgen fördert. Der Verein hat inzwischen auch eine Datenbank entwickelt, die Burgen bundesweit erfassen soll; bislang sind aber erst das Saarland, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz enthalten. „In zwei, drei Jahren können wir mehr sagen“, sagt Friedrich.

          An den Umgang mit historischen Möbeln musste sich Julia Naeßl-Doms gewöhnen.
          An den Umgang mit historischen Möbeln musste sich Julia Naeßl-Doms gewöhnen. : Bild: dpa

          Die Burg Meersburg gilt in Fachkreisen als älteste bewohnte Burg Deutschlands. Der Sage nach hat der Merowinger-König Dagobert I um 630 in der Region gewirkt und den Bergfried der damaligen Burg gebaut. Später entstand dann die heutige Burg an dieser Stelle – deren älteste Teile datiert Naeßl-Doms auf das elfte Jahrhundert.

          Die Kinder wollen die Burg mal übernehmen

          Aber wie lebt man als Familie in einem historischen Gemäuer? Musste sie ihre beiden Kinder – die heute erwachsen sind – oft ermahnen? Vorsicht, die Salatschüssel ist schon 200 Jahre alt? „Nein“, sagt Naeßl-Doms lachend. „Das kostbare Service steht im Schrank. Und meine beiden Kinder sind so vorsichtig mit den Sachen umgegangen. Klar gab es mal Kratzer oder es wurde was an die Wand geschrieben - aber sie haben sich eigentlich relativ ruhig verhalten.“

          Wollen der Sohn oder die Tochter die Burg denn einmal übernehmen? Naeßl-Doms lacht wieder. „Sie sagen ja, aber man muss es abwarten“, meint sie dann. „Sie sollen sich erst mal selbst entwickeln und ihre Richtung auswählen. Man kann nicht sagen: So, jetzt kommt ihr hier her. Ich muss einfach so lange die Stellung halten, bis es vielleicht mal entschieden ist.“ Freuen würde sie sich auf jeden Fall: „Klar, das wäre eine Absicherung für die Zukunft.“

          Quelle: dpa

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