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Soziales Projekt : Möbel mit Mission

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Material mit Geschichte: Das Holz der Stühle stammt bei Cucula in Berlin auch von Flüchtlingsbooten. Bild: dpa

Gutes Design macht das Leben einfacher. Doch es kann noch mehr. Flüchtlingen eine Perspektive geben zum Beispiel.

          Jetzt sind die „Bambini“ dran. Helfer falten Kartons, kleben Etiketten. Denn morgen rollen Lastwagen und Fahrradkuriere auf das Arena-Gelände am Spreeufer in Berlin-Kreuzberg, um 300 Dankeschöns für eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion zu den Spendern zu bringen. Die Möbel sind Nachbauten und Weiterentwicklungen der Selbstbauserie „Autoprogettazione“, die der italienische Designer Enzo Mari in den siebziger Jahren entwickelte: der Stuhlklassiker „Sedia Uno“, der Kinderstuhl „Bambino“, die Kinderbank „Bambinooo“. Dazu gesellt sich in limitierter Auflage der Stuhl „Botschafter“. Er verweist auf die besonderen Umstände, unter denen hier gearbeitet wird: Denn der „Botschafter“ besteht auch aus Planken von Flüchtlingsbooten, die auf der italienischen Insel Lampedusa strandeten.

          Das Holz hat seinen Weg nach Berlin gemacht. So wie auch die fünf Flüchtlinge, die daraus nun im Rahmen des Projekts Cucula Möbel herstellen. Die Idee des Jugendkunst- und Kulturhauses Schlesische Straße 27 war es ursprünglich, die Flüchtlinge selbst Möbel für ihre Unterkünfte bauen zu lassen. Das Schreinern machte Spaß. Doch im Grunde blieb den Teilnehmern der Gedanke fremd: wozu Möbel, wenn man nicht einmal weiß, ob und wo man bleiben darf? So entstand Cucula, die „Flüchtlingsfirma für Handwerk und Design“. Sie soll den Migranten das bieten, was sie mehr brauchen als Möbel: eine Zukunft, einen Job und Geld. Denn an das Projekt knüpfen die fünf jungen Männer die Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz - und bleiben zu dürfen.

          Einen Lohn dürfen die Flüchtlinge nicht bekommen

          Die Flüchtlinge sind heute nicht hier. Oder wie Designerin Corinna Sy sagt: „die Jungs“. Sie kommen aus Mali oder Niger. Alle sind zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, erreichten Europa ausnahmslos über die italienische Insel Lampedusa. Einen Lohn dürfen sie für ihre Arbeit bei Cucula nicht bekommen, nur Lebensunterhaltsspenden. Alles ist freiwillig, aber sie hätten sich in den vergangenen Monaten sehr ins Zeug gelegt, erzählt Sy. Das Projekt mit der Möbelfirma gibt ihnen die Hoffnung, nicht umsonst jahrelang auf der Flucht gewesen zu sein. Cucula entwirft ein neues Ziel und macht für alle Seiten eine Utopie greifbar. Wenn alles nach Plan läuft, schaffen Enzo Maris Möbel vierzig Jahre nach ihrem Entwurf nicht nur schöne Sitzgelegenheiten, sondern einen realen Platz zum Bleiben.

          Designobjekte waren bislang vor allem Dinge, die das Leben schöner machten. Auch einfacher, komfortabler, praktischer. Keine Frage, manche waren auch nützlich und hilfreich. Aber immer nur für den Nutzer selbst. Dass Design anderen helfen soll, ist eine neue Dimension. Die Sozialkompetenz von Stilvollem stand selten zur Debatte. Meist ist Design doch Luxus, auch wenn viele Produktdesigner das bestreiten mögen. Man kann durchaus mit einem schlecht gestalteten Kartoffelschäler etwas ausrichten, unter einem mäßig durchdachten Duschkopf sauber werden und auf einer billigen Plastikliege die Sonne genießen.

          Doch im Zuge der Globalisierung setzt hier und da ein Umdenken ein: Kann Design sich nicht auch über den persönlichen Gebrauch hinaus nützlich machen? Manchen Gestaltern ist es inzwischen wichtiger, das Leben derer zu verbessern, denen es nicht so gutgeht, als das Leben jener zu perfektionieren, die ohnehin schon fast alles haben.

          Lampen, die nur mit Schwerkraft funktionieren

          Erfunden werden beispielsweise Leuchten, die ohne Stromanschluss und Batterien, allein mit Schwerkraft funktionieren (Gravity Light), Wasserbehältnisse, die man zum nächsten Brunnen rollen kann, anstatt sie mühsam zu schleppen (zum Beispiel Q Drum, Hippo Water Roller), oder raucharme Kochstellen (wie Baker Stove, Burn). Wenn dem Entwurf selbst keine Hilfsabsicht innewohnt, kann man immer öfter zumindest durch den Kauf etwas Humanitäres unterstützen. Entscheidet man sich beispielsweise für den Wasserkrug „H2O Bilbao“, inspiriert von baskischer Tradition und designt von Patricia Urquiola, unterstützt man den Brunnenbau in Äthiopien.

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