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Veröffentlicht: 25.09.2015, 09:01 Uhr

Globenmacher Bellerby Wie die Welt ins Wohnzimmer kommt

Er kennt die Grenzen, die Wüsten, die Küsten, die Berge: In London stellt Peter Bellerby handgefertigte Globen her. So viel Sorgfalt hat ihren Preis.

von Florian Siebeck, London
© Ana Santl Mann von Welt: Globenmacher Peter Bellerby

Wäre die Welt eine Scheibe, das Leben von Peter Bellerby wäre wohl in geordneteren Bahnen verlaufen. Es war 2007, er war gerade sechs Monate um die Welt gereist, als ihn die Frage umtrieb, was er seinem Vater zum Geburtstag schenken könnte. Sein Vater wurde 80, und Bellerby hat nicht unrecht, wenn er sagt, dass einem nach vierzig Geburtstagen langsam die Ideen ausgehen. Er wollte seinem Vater, einem Schiffsbauer, einen Globus schenken, aber er fand keinen, der seinen Ansprüchen genügte. Hehr waren sie eigentlich nicht: Der Globus sollte schön aussehen und die Welt so zeigen, wie sie ist.

„Doch die Globen, die ich fand, waren entweder potthässlich oder schlecht verarbeitet, oder das Kartenmaterial war mit Fehlern gespickt“, sagt Bellerby. Manchmal kam auch alles zusammen. Peter Bellerby entschied sich, es selbst zu versuchen. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Irgendwann, gibt er unumwunden zu, geriet alles außer Kontrolle. Bellerby ist rastlos, aber nie ratlos. Er arbeitete als Rechtevermarkter beim Fernsehen, dann als Immobilienentwickler. Zuletzt betrieb er eine erfolgreiche Bar mit angeschlossener Bowlingbahn. Der Engländer, mittlerweile 50 Jahre alt, hat sich dem Wandel verschrieben. Aber die Welt ändert schließlich auch jeden Tag ihr Gesicht.

„Überall lief die Farbe die Ozeane hinunter“

Konkurrenten hat Peter Bellerby praktisch nicht. Es gibt Hersteller in Deutschland, in Amerika, Japan, Italien, die vornehmlich Globen aus Kunststoff produzieren. „Auf manchen Exemplaren verschwinden ganze Länder in der Naht, Hauptstädte sind nicht da, wo sie hingehören, Ortsnamen werden falsch geschrieben.“ Da ist Peter Bellerby Pedant. „Ich verstehe nicht, warum man dann überhaupt einen Globus herstellt.“ Im Süden Englands gibt es eine Manufaktur, die ähnlich penibel arbeitet wie Peter Bellerby, aber nur Repliken alter Globen herstellt. Auch das bleibt Bellerby ein Rätsel. „Es ist doch naheliegend, einen akkuraten, schönen, aktuellen Globus herzustellen. Warum hat das noch keiner gemacht?“ Er hält inne und zuckt mit den Schultern. „Vielleicht, weil es unglaublich aufwendig ist.“

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Eine schmale Treppe führt in seine kleine Werkstatt im Stadtteil Stoke Newington im Norden Londons. Sie liegt unter dem Dach eines behaglichen Backsteinbaus. An Wäscheleinen trocknen Teile Skandinaviens, Brasiliens und Tibets, auf Handtüchern ruhen Kugeln, die irgendwann einmal die Welt werden sollen. Es herrscht konzentrierte Ruhe. Koloristin Isis Linguanotto schattiert gerade die Ostküste des asiatischen Kontinents. Jon Wright, der neben Bellerby der zweite Globenmacher hier ist, trägt einen Streifen Europas auf. Jade Fenster, die den Laden zusammenhält, sitzt am Computer. Bellerbys Mitarbeiter sind um die 30, Jade und Isis haben Mode studiert. „Das Studium vermittelt eine falsche Vorstellung von der Welt“, sagt Isis. „Hier kann ich mich endlich ausleben.“ Ihr erster Globus sei trotzdem eine ziemliche Katastrophe gewesen. „Überall lief die Farbe die Ozeane hinunter.“ Jeder neue Mitarbeiter wird ein Jahr lang angelernt, erst dann darf er an richtigen Globen arbeiten.

Die Welt verzeiht keine Fehler

Die kleineren Exemplare, kaum größer als eine Bowlingkugel, werden aus Kunstharz geformt, die großen - 1,27 Meter im Durchmesser - aus Gips. Die Kugel muss nicht nur richtig schön rund sein, sie soll auch elegant zum Stillstand kommen und auf dem Fuß aus Eichen- oder Tulpenholz nicht ins Trudeln geraten. Bellerby und Wright kaschieren die Globen von Hand. 24 Segmente sind es beim kleinsten Globus, 48 beim größten. Die Stoßkanten liegen eng aneinander, denn wo eine mikrometerkleine Lücke klafft, fehlen am Ende 2,4 Millimeter.

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