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Oldtimer-Park: Alte Liebe rostet doch

Alte Liebe rostet doch

Von REINER BURGER mit Fotos von MARCUS KAUFHOLD

15.08.2017 · Letzte Ausfahrt Neandertal: In einem Wald bei Düsseldorf lässt ein Autoliebhaber 50 Oldtimer verrotten – ein Kunstwerk des Niedergangs.

E s ist ein Jammer, wie Michael Fröhlich mit seinem Jaguar XK 120 umgeht. Der wertvolle Oldtimer steht ungeschützt im Wald. Seine Reifen sind platt und spröde. Die Bezüge der Sitze sind zerschlissen. Fröhlich, ein nicht mehr ganz junger, aber drahtiger Mann, der seine Schnürsenkel, seinen Gürtel und seine Kunststoffarmbanduhr in ein und demselben Giftgrün trägt, stört das alles nicht. Im Gegenteil. Er ist sehr zufrieden, als er feststellt, dass sich mittlerweile der Lack in großen Platten von der Karosserie des seltenen Wagens löst. „Wunderbar, so habe ich mir das vorgestellt!“ Was soll das? Einen Jaguar XK 120 parkt man in einer wohltemperierten Remise, hält ihn vom Regen fern, bewegt ihn bei Sonne regelmäßig, doch stets mit Bedacht und Vorsicht. Dann ist so ein bildschöner XK 120 nicht nur eine Zier für seinen Besitzer, sondern auch eine sichere Geldanlage. Wenn man überhaupt einen bekommt. Nur 7373 Exemplare des britischen Roadsters wurden zwischen 1950 und 1954 gebaut. Fröhlich weiß das alles genau. Schon vor 34 Jahren musste er selbst lange nach seinem XK 120 suchen. 1983 wurde er in Großbritannien endlich fündig. Der Wagen, der einst von Formel- 1-Pilot Stirling Moss gefahren worden war, stand in einem Hühnerstall und war in erbärmlichem Zustand. Hunderte Arbeitsstunden steckte Fröhlich in das Auto, das wie er Baujahr 1950 ist. Als der Wagen 1985 tipptopp restauriert war, nahm er am

Michael Fröhlich in seinem Park

13. Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring teil – und gewann. Fröhlich fuhr noch weitere Rennen in schönen alten Autos. Selbst einen behäbigen Rolls-Royce jagte er durch die Schikanen. Als er die Lust am Rasen in alten Schätzchen verlor, beschloss er, sich und seiner Rennfahrer-Karriere ein Denkmal zu setzen. Auf seinem weitläufigen Privatgrundstück, das an einem bewaldeten Hang im Neandertal vor den Toren Düsseldorfs liegt, goss er eine Steilkurve aus Beton. Darauf platzierte er nicht nur seinen Jaguar XK 120, sondern auch einen Porsche 356. Den hatte er jenem Holländer abgekauft, der auf dem Nürburgring Zweiter geworden war. Doch statt den Moment des Triumphs für möglichst lange Zeit zu konservieren, überließ Fröhlich die beiden teuren Autos sich selbst. Und weil er den Verfall anfangs gar nicht abwarten konnte, half er dem Niedergang gelegentlich noch mit Säure- Behandlungen nach. Es war der Beginn eines morbiden Memorials ohne Vorbild in Deutschland. 50 Oldtimer gammeln heute in der Auto-Nekropole vor sich hin, darunter so wertvolle Vehikel wie ein Rolls- Royce Silver Wraith. Alte Autos muss man sich leisten können; Michael Fröhlich leistet es sich, wertvolle alte Autos verrotten zu lassen. Manche halten das für dekadent. Fröhlich findet, das ist Kunst. Ihm gefällt es, wenn man versucht, seinen nur einen Steinwurf von der Fundstelle des Neandertalers entfernten „Auto-Skulpturenpark“ kunsthistorisch einzuordnen. Vergleiche mit dem während der Sommersonnenwende 1987 im amerikanischen Bundesstaat Nebraska eröffneten Projekt „Carhenge“ oder mit der texanischen „Cadillac Ranch“ aus zehn Cadillacs, die 1974 im selben Winkel mit der vorderen Hälfte im Boden eingegraben wurden, findet er schmeichelhaft.

Fröhlich ist ein Grenzüberschreiter, ein Ausprobierer, ein Autodidakt in all den Beschäftigungen, denen er bisher nachging. Er spielte in einer Band des damals noch unbekannten Marius Müller-Westernhagen, arbeitete als Grafiker, versuchte sich als Akt-Fotograf. Neben seinem Studium der Rechtswissenschaft, Philosophie und Sinologie verdingte sich Fröhlich, der aus kleinen Verhältnissen stammt, als Designer für Textilunternehmen. Eigentlich wollte er sich nur etwas Geld nebenher verdienen. Aber das Geschäft lief bald zu gut, um noch zu Ende zu studieren. Schließlich machte er sich mit einem eigenen Label in Düsseldorf selbständig. Es dauerte nicht lange, da war ein schönes Vermögen zusammen. Was Fröhlich anfasste, schien zu Gold zu werden. Und so konnte er sich seine Träume erfüllen. Autos waren immer seine Leidenschaft. Als Schüler schraubte er ohne Scheu an seiner ersten Ente, später richtete er das Auto eines seiner Professoren her. Nun aber wurde aus dem Textil-Designer ohne Schneiderlehre ein professioneller Aufschneider – von Autos.

Down Under: Die Limousine der australischen Automarke Holden ermöglicht tiefe Einblicke.

Er gab sein Mode- Geschäft auf und wagte sich mit Mechanikern, die er von seinen Oldtimer-Rennen kannte, an immer wildere Projekte. Einen Bentley baute er zum Pritschenwagen um, einen Rolls-Royce verwandelte er in einen edlen Laster, einem Golf pflanzte er einen V-8-Motor mit fast 500 PS ein, der ihn auf 300 Sachen katapultierte. Für Puristen sind solche Schöpfungen Frevel. Aber Fröhlich weiß, wie man sich vermarktet. Spektakuläre Automobile sind eine ideale Werbung für das Kerngeschäft, seinen Handel mit Oldtimern – von denen er selbstredend stets marketingtaugliche Sensationen im Angebot hat.

Derzeit bietet Fröhlich in seinem Salon „Fantastische Fahrzeuge“ in Mettmann einen 100 Jahre alten Rolls-Royce Silver Ghost an, den einst der russische Zar Nikolaus II. gefahren haben soll. Und eine schwarze Fiat-Limousine, in der früher Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., unterwegs war. Auch ehemalige Autos von Charlie Chaplin, Greta Garbo und John Lennon hatte Fröhlich schon im Angebot. Vor sieben Jahren erregte er Aufsehen, weil er in einer Braunschweiger Garage auf einen lange als verschollen geltenden Mercedes aus dem Besitz von Adolf Hitler gestoßen war. Sein Hauptgeschäft macht der begnadete Verkäufer und Geschichtenerzähler allerdings mit solider Nachkriegsware, vor allem von Porsche und Mercedes.

Aus Plastik: Eine Figur vom Flohmarkt ersetzt die zweimal gestohlene Emily auf dem Rolls-Royce.
Er steht und steht und steht: Auch einen VW Käfer seines Geburtsjahrgangs 1950 hat Michael Fröhlich in seinem Park.

Stoßstange an Stoßstange stehen die teuren Traum-Oldtimer im Schauraum. „Die Kunden wollen Autos, nach denen sie sich in ihrer Kindheit auf der Straße den Kopf verdreht haben.“ Fröhlich kann das gut verstehen. Auch sein eigenes Sammlerprinzip ist biografisch motiviert. Der Jaguar XK 120 blieb nicht lang allein im Mischwald, weil Fröhlich munter weiter Autos zusammentrug, die so alt sind wie er selbst. Eine Zeitlang war es ein zielloses Sammeln. Dann verfiel Fröhlich auf den Gedanken, bis zu seinem 50. Geburtstag ein spektakuläres Projekt voranzutreiben. Schließlich wird ja nicht jeder im bedeutungsschwangeren Jahr 2000 runde 50 Jahre alt. Also nahm er sich vor, 50 Oldtimer aus aller Herren Ländern auf seinem Grundstück zu einem Gesamtkunstwerk des Niedergangs zusammenzutragen.

Fröhlich kam gut voran. Nur einmal stand das Projekt auf der Kippe. Die Kommunalverwaltung verdächtigte ihn, auf seinem Grundstück einen wilden Schrottplatz zu betreiben. Fröhlich wies das entrüstet von sich. Schließlich hatte er alle Betriebsflüssigkeiten aus den Fahrzeugen gelassen, hatte die Tanks mit Dämmschaum ausgesprüht, die Motoren ausgebaut. Trotzdem wiesen die Beamten ihn an, die Oldtimer zu entfernen. „Ich klagte gegen die Ordnungsverfügung. Und dann kam es hier im Wald zu einem denkwürdigen Ortstermin.“ Unter einem alten Baum gab der Richter den Verwaltungsleuten den Hinweis, dass er das Ensemble „eher als Kunstinstallation“ begreife, die ihn an Aktionen wie auf der Documenta in Kassel erinnere. „Das hat mir gut gefallen.“ Fröhlich grinst.

  • West trifft Ost: Ein amerikanischer Plymouth (vorne) gammelt neben einem sowjetischen Moskwitsch vor sich hin.
  • Edelschimmel: Lagonda hieß der britische Hersteller dieser mit Moospatina versehenen Limousine; 1964 ging die Marke in Aston Martin auf.

Es tat sich noch manch andere Schwierigkeit auf. Den Holden aus Australien bekam er zwar für 200 australische Dollar. Doch der Transport vom anderen Ende der Welt ins Neandertal verschlang ein Vielfaches der Summe. Auch der Citroën 11 CV war kein Sonderangebot. Ein Bieter- Konkurrent schnappte ihm die legendäre „Gangsterlimousine“ vor der Nase weg. Fröhlich aber wollte genau dieses Exemplar – weil es 1950 gebaut worden war – und bot dem Mann 10.000 Mark. Der schlug ein. Aber weil 10.000 Mark viel zu viel waren, kam er auf die Idee, in dem Wagen sei ein Schatz verborgen, und nahm ihn auseinander. Lange musste Fröhlich auch um den Buick buhlen. Sein Besitzer aus dem Münsterland wollte sich nicht von dem Ami-Schlitten trennen, den er gerade komplett überholt hatte. „Der war wirklich in einem klasse Zustand. Aber Baujahr 1950 und damit auch genau das, was ich brauchte.“ Also erzählte er dem Mann, sein Wagen bekomme einen schönen Platz in seiner privaten Autoausstellung. Fröhlich erinnert sich, wie er den schweren Wagen rückwärts in eine Böschung seines Privatwaldes rammte. „Der ging rein wie in Butter.“ Später erfuhr der Mann aus der Presse vom bitteren Schicksal seines Schätzchens. „Er rief mich dann sogar an, so sauer war der.“

Betriebsende: Diese Instrumente informierten den Fahrer über die Vitalfunktionen des Jaguar Mark V.

Die meisten Autos waren allerdings schrottreif, als Fröhlich sie übernahm: der Käfer, der VW Bulli, der Tatraplan und auch der Moskwitsch, der einst der Stasi in der DDR zu Diensten war. Fröhlich hat die hintere Hälfte des Autos aus sowjetischer Produktion im Erdreich versinken lassen. Er fand, das sei ein schönes Sinnbild für den Untergang der UdSSR. Ja, ein Autophilosoph ist Fröhlich auch. Jedenfalls zögert er nicht lange, wenn man ihn bittet, seinen Wald der toten Wagen zu interpretieren. Auf dem Weg vorbei am rostzerfressenen Willys-Jeep, am moosbedeckten Borgward Hansa und dem schwer mitgenommenen Trabi sagt er manch bedeutungsschweren Satz. Jedes Exponat sei sorgsam arrangiert. Vor Jahren genügte schon die Kraft einer jungen Buche, den Boden des Trabi zu durchschlagen. Mittlerweile nimmt ihr Stamm den Platz des Beifahrers ein. Fröhlich gilt das als Symbol dafür, dass es auch im sozialistischen Automobilbau nicht weit her war mit dem Anspruch „Überholen ohne einzuholen“. Die Wagen aus kapitalistischer Produktion seien wesentlich standhafter.

„Auf die Dauer sind alle Autos, ob aus West oder Ost, Brüder im Niedergang. Asche zu Asche, Blech zu Rost“, sagt Fröhlich. „Der Zahn der Zeit, die gnadenlose Korrosion und der unerbittliche Drang der Natur, sich überall durchzusetzen, eröffnet dem Betrachter die Chance, Dinge immer deutlicher und akzentuierter zu sehen.“ Die Formalästhetik eines Fahrzeugs reduziere sich ohne Pflege auf die elementaren Formen – Flächen, Linien und Punkte. Oder ist das Ganze nicht doch l’art pour l’art? Fröhlich steht jetzt vor einem orangefarbenen Citroën 2CV. Der armen Ente sind die Scheinwerfer aus den Augenhöhlen gekullert, ihre Scheiben sind trübe, ihr lässiges Rollverdeck hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Im Fahrgastraum stapeln sich Hunderte leere Champagner-Flaschen. Was hat das zu bedeuten? Fröhlich ist kein bisschen verlegen. Das sei von der rauschenden Eröffnungsfete übrig, die er schmiss, als er pünktlich zum 50. Geburtstag mit seinem vergänglichen Vermächtnis fertig wurde. 500 Gäste waren eingeladen, 1000 seien gekommen. „Und die Ente war unser Mülleimer.“

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 12.08.2017 18:51 Uhr