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Rosa Möbel : Nackte Tatsachen

  • -Aktualisiert am

Sofa Soft Props: Ist das jetzt subversiv? Bild: Cassina

Plötzlich ist die Welt rosa. Wie konnte das nur passieren? Ein scheinbar harmloser Farbton löst Diskussionen aus.

          Nackt! Das muss man sich erst einmal trauen, einen Farbton so zu nennen. Gemeint ist ein irgendwie mattes Rosa, das die Einrichtungswelt aktuell wie eine Monsterwelle überflutet. Sessel, Türen, Teppiche, Hotelfoyers, Sofas – überall Variationen von pudrigem Pink. Auch bei Firmenlogos, in der Mode und auf Gebrauchsgegenständen setzt sich der Ton durch. Plötzlich ist alles „Nude“. Die Farbe wirft Fragen auf, nicht nur wegen des eigenwilligen Namens. Wobei man vorausschicken muss, dass die behauptete Nacktheit sich nicht auf alte weiße Männer bezieht. Sondern auf eine irgendwie idealisierte Teenagerphantasie von püppchenhafter Begehrlichkeit. Das ist natürlich gendermäßig unkorrekt und ruft Diskussionen hervor.

          Doch zunächst: Wo kommt die Farbe überhaupt her? Warum jetzt? Und was will sie uns sagen? Die ersten beiden Fragen sind phänomenologisch zu beantworten: Plötzlich war Nude einfach da. Vielleicht als Reaktion auf die vielen Nicht-Farben, mit denen Polstermöbel zuletzt überzogen werden mussten, um teurer auszusehen, als sie sind. Eleganz hieß staubgrau oder quarkweiß, nur die Mutigen wagten mal ein keckes Beige.

          Immerhin: Auf diese Weise ging wenigstens alles mit allem irgendwie zusammen. Aber „Ton in Ton“ ist ein harmoniesüchtiges Setting, spannungslos, irgendwie affirmativ und so öde, dass schließlich eine Reaktion erfolgen musste. Dass es dann ausgerechnet dieses hautfarbene Pink ist, gehört zu den Wendungen der Geschichte, von denen man erst hinterher weiß, dass sie zwangsläufig so geschehen mussten – wie der Fall der Mauer oder die Finanzkrise.

          Pudriges Rosa löst viele Assoziationen aus. Auch die Möbelbranche hat die Farbe begierig aufgegriffen.
          Pudriges Rosa löst viele Assoziationen aus. Auch die Möbelbranche hat die Farbe begierig aufgegriffen. : Bild: COR

          Doch immer braucht es für große Umbrüche Auslöser. Für die Farbe Nude vermuten einige, dass es Wes Andersons The Grand Budapest Hotel von 2014 war. Der Film ist eine Ausstattungsorgie in grellen Pink- und Rottönen und scheidet von daher wohl eher aus – zu wenig Puder, zu wenig Creme in der Farbpalette. Wahrscheinlicher schon, dass, wie so oft, Apple als Trendsetter agierte. Jedenfalls setzte das iPhone mit dem Farbton „rose gold“ in 2015 ein irritierendes Zeichen – dem viele folgten. Der Farbsysteme-Entwickler Pantone deklarierte im vergangenen Jahr den Ton „rose quartz“ zur Farbe des Jahres. Ein Jahr später kam „pale dogwood“, das irgendwie so ähnlich, nämlich mattrosa, aussieht. Danach war in der Designwelt kein Halten mehr.

          Was genau ist „Nude“ eigentlich?

          Möbelhersteller COR hat für die diesjährige Kölner Möbelmesse seinen Sessel Roc mit einem apricotfarbenen Bezug überzogen, Konkurrent Cassina schickte das Sofa Soft Props von Konstantin Grcic in ähnlichem Kostüm ins Rennen. Der spanische Designer Jaime Hayon stattete das Hotel Torre Barceló in Madrid mit tuffig-rosanen Sesseln, Wänden, Teppichen und Bildern aus.

          Doch was genau ist „Nude“ eigentlich? Auf den ersten Blick erscheint es, dass vieles, was sich heute so nennt, gestern noch Apricot oder Lachsfarben hieß. Doch diese Benennungen werden der facettenreichen Bedeutung der neuen Farbe nicht gerecht. Sie unterschlägt die pudrig-pornographische Komponente und, schlimmer noch, den subtilen Bedeutungswandel von Farbe. Denn darüber, ob die klebrige Make-up-Assoziation ein frauenfeindlicher Fehlgriff sei, der nach einer Twitterkampagne #Aufschrei verlangt, oder ob die Verwendung der Farbe doch eher eine gebrochen ironische ist und damit eigentlich subversiv die Verwendung gängiger Klischees zugunsten von mehr Empowerment der Frauen unterläuft, streiten seither die Expertinnen.

          So hob der britische „Guardian“, der das Phänomen unter dem Begriff „Millennium Pink“ diskutiert, hervor, dass das neue Rosa eine „ironische Hübschheit“ oder gar „post-prettiness“ repräsentiere. Die Farbe enthalte den Wunsch, dass Hübschheit entproblematisiert werden könne. Und unterscheide sich dadurch von Lachs und Apricot, die als vorironisch angesehen werden müssten. In die gleiche Kerbe schlägt die New Yorker Journalistin Veronique Hyland. Im Gegensatz zu intellektuell eindimensionalen Pink-Tönen vorangegangener Generationen interpretiert sie die neuen Rosatöne in ihrer angedeuteten Hässlichkeit als Ausdruck eines verfeinerten Geschmacks.

          Eine Befreiung für die Seele

          Frauen, die solche Farben trügen, so folgert sie, stünden in einem Moment „ambivalenter Mädchenhaftigkeit“, in dem Weiblichkeit angenommen, aber mit Führungsansprüchen kombiniert werden könne. Doch Hyland warnt zugleich: „Da sind wir noch nicht. Es gibt immer noch eine Trennung zwischen den Frauen, die ein gerichtsfestes Rosa tragen könnten, mit allem, was es impliziert. Und Frauen, die auf so was allergisch reagieren.“

          Vielleicht aber ist alles auch nicht so dramatisch, jedenfalls im Interior Design. Erstens sind Sofas keine menschlichen Körper, und zweitens kommt es auf die Kombination an. Denn all das pinkisch-pudrige-porno Rosa bringt in Kombinationen mit anderen Farben richtig frischen Wind in unsere Räume. Besonders gut funktioniert das in der Kombination mit Schwarz oder Anthrazit, hervorragend ist auch eine Mischung mit anderen Rot- und Pinktönen. Oder mit einem krassen Blau. Wer’s nicht glauben will, der schaue sich das Barceló-Hotel von Jaime Hayon an.

          Nude in diesen unwahrscheinlichen Kombinationen ist eine Befreiung für die Seele und für den Farbensinn ein Erfrischungsgetränk ohne Nebenwirkungen. Nude belohnt den, der das Unmögliche wagt, mit einem kräftigen Schuss Lebensfreude, und das sollte doch – Ironie hin oder her – politisch korrekt sein.

          Quelle: F.A.S.

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