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Nico Rosberg im Interview: „Beim autonomen Fahren vermisse ich nichts“

Carlifornia Dreaming

Von MICHAEL WITTERSHAGEN, mit Fotos von PAUL RIPKE

17.08.2017 · Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg über das Auto der Zukunft, das Leben als Beifahrer, die Vorteile von Computern am Steuer und die besten Autofahrer der Welt.

Herr Rosberg, welche Beziehung haben Sie zu Autos?

Autos sind für mich etwas sehr Emotionales. Mit ihnen bin ich groß geworden, sie gehörten zu meiner Kindheit. Drei Jahre bevor ich geboren worden bin, ist mein Vater Weltmeister in der Formel 1 geworden. Autos haben bei uns in der Familie immer eine Rolle gespielt. Später hat mein Vater für mich eine kleine Gokart-Strecke um unser Haus auf Ibiza gebaut, dann stand er auf dem Balkon, mit der Stoppuhr in der Hand, und hat die Zeiten gestoppt. Irgendwas und irgendwer ist bei uns immer gefahren.

Fahren Sie denn gern Auto?

Natürlich, ich wollte Rennfahrer werden, seit ich ein kleiner Junge war. Das ist immer mein großer Traum gewesen. Ich mag das Autofahren, auch im Alltag.

Die Zukunft liegt im Westen: Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg hat bei seinem Besuch in Kalifornien erfahren, wie wir künftig mit Autos mobil sein werden.

In Monaco, wo Sie die meiste Zeit des Jahres verbringen, ist das Autofahren nicht unbedingt ein Vergnügen, oder?

Nein, Monaco ist nicht ideal. Da ist der Platz eigentlich nicht ausreichend für so viele Autos, und die Straßen sind zu eng. Ich hatte mal einen Elektro-Smart dort, der war toll. Aber das Drumherum ist wunderschön: Südfrankreich, vielleicht mit einem Cabriolet, viel schöner geht es nicht. Und man kann dort ein Auto in den Bergen auch mal an seine Grenzen führen. Du musst dafür gar nicht so schnell fahren und spürst trotzdem schon alles.

Wann wurden Sie zuletzt geblitzt?

Oh, keine Ahnung. Das ist schon vorgekommen, aber nicht in letzter Zeit. Ich bin ein ganz entspannter Fahrer, ich lasse mich da nicht hetzen, nicht treiben. Auf Zeit bin ich in meinem Leben genug unterwegs gewesen.

Sie sind Formel-1-Weltmeister, es gibt demnach keinen besseren Autofahrer als Sie. Was bedeutet Ihnen der Titel?

Er verleiht mir Stolz, denn das zu erreichen war immer mein großes Ziel. Mehr als 25 Jahre im Rennsport habe ich genau darauf hingearbeitet, und als es dann wirklich so weit war, ist all die Anspannung von mir abgefallen. Das Gefühl danach ist das pure Glück gewesen. Wenn ich jetzt den Weltmeister-Pokal sehe auf meiner Kommode im Büro, die Fotos von damals, dann erinnere ich mich daran, dann kommen die ganzen Gefühle wieder hoch. Wundervoll.


Der 27. November 2016 in Abu Dhabi. Längst ist die Dunkelheit hereingebrochen, als Rosberg über die Ziellinie fährt und Jubelschreie im Funk ertönen. Neun Jahre, 205 Grand Prix, hat er auf diesen Moment gewartet, hat er gebraucht, um Weltmeister zu werden in der Formel 1. Neun Jahre voller Entbehrungen und Enttäuschungen. Kein anderer Fahrer war so lange unterwegs bis zu seinem ersten Titel in der Königsklasse des Motorsports. Fünf Tage nachdem er es endlich geschafft hatte, beendete er seine Karriere – im Alter von 31 Jahren. In seiner Erklärung auf Facebook erwähnte er damals „die harte Arbeit, die Schmerzen, den Verzicht“. Der Druck sei am Ende kaum zu ertragen gewesen, der Schlafmangel hat das Weiß in seinen Augen verschwinden lassen, seine Frau und seine Tochter sah er immer seltener. Rosberg löste seinen Vertrag beim Mercedes-Rennstall auf und verabschiedete sich aus der Szene. Zurückgekehrt ist er nur als Zuschauer bei den Grand Prix in Monte Carlo und Silverstone.

Vermissen Sie den Rennsport?

Überhaupt nicht. Für mich ist das ein abgeschlossenes Kapitel. Das Ganze ist perfekt gelaufen, ich hätte den Zeitpunkt meines Rücktritts kaum besser treffen können. Der WM-Titel in Abu Dhabi, gegen Lewis Hamilton, einen der stärksten Fahrer in der Geschichte dieses Sports, für Mercedes – das war wirklich ein tolles Ende.

Sie haben über Jahrzehnte ein Leben im Extrembereich geführt, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Einmal versagte Ihnen bei Tempo 250 die Bremse. Erklären Sie uns doch mal, was das für ein Gefühl ist.

Ja, das war in der Formel 3, und es war ein ekelhaftes Gefühl. Ich wollte bremsen, aber nichts ist passiert. Vor mir war die Wand, du siehst, dass sie immer näher kommt, kannst aber nichts mehr machen. Und dann bin ich hineingeknallt. Da waren erst einmal die Lichter aus für eine Weile. An viel kann ich mich deshalb nicht mehr erinnern. Ich bin danach recht schnell wieder zurück auf die Rennstrecke, ich wollte die Sicherheit zurück, nicht zulassen, dass sich ein Gefühl der Angst einschleicht.

  • Rückblick: Nico Rosberg ist davon überzeugt, dass er seine Karriere als Rennfahrer im richtigen Moment beendet hat.
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Der Rennsport ist klar geregelt – ohne Gegenverkehr, ohne Ampeln, ohne Fußgänger, dafür mit großen Auslaufzonen und sicheren Rennwagen. Erleben Sie den normalen Straßenverkehr als anstrengender?

Es ist anders. Auf der Rennstrecke musst du dich zu jedem Zeitpunkt voll konzentrieren, die Umgebung fliegt nur so an dir vorbei, du suchst nach Schatten auf dem Asphalt, nach Bäumen an der Seite, nach irgendetwas, an dem du dich orientieren kannst, um den richtigen Bremspunkt zu treffen. Wenn du dann auch noch im Zweikampf steckst, multipliziert sich diese Belastung um ein Vielfaches. Aber in der Regel weiß jeder, was er macht. Das ist im normalen Straßenverkehr nicht unbedingt der Fall.

Sie sitzen nun immer häufiger im Fond einer Limousine und lassen sich chauffieren. Gefällt Ihnen das?

Ich bin ein guter Beifahrer. Ich mag es nur nicht, wenn ein Fahrer hektisch ist, wenn er auf das Gas tritt, danach wieder auf die Bremse und dann aufs Gas. Beim Autofahren muss schon ein Flow drin sein.


Ende Juli ist Rosberg nach Kalifornien geflogen, erst nach Los Angeles, dann nach San Francisco. Er wollte die Zukunft des automobilen Fahrens sehen. Also hat er die Autoentwicklungsabteilung bei Google und den Elektroautohersteller Tesla besucht, hat sich mit Tech-Gurus ausgetauscht und gleich eine Probefahrt gemacht.

Seit den sechziger Jahren war die Sehnsucht nach Geschwindigkeit ein Lebensgefühl. Der Film „Le Mans“ mit Steve McQueen veranschaulicht das. Worum geht es heute?

Ich glaube, dass es noch immer um Geschwindigkeit geht. Sie ruft Emotionen hervor. Da geht es nicht nur um den Nutzen, um die Möglichkeit, von A nach B zu kommen oder irgendwelche Dinge zu transportieren. Autofahren steht für Leidenschaft. Aber vielleicht ist mit den Jahren mehr Vernunft dazu gekommen.

Wie sieht das Auto der Zukunft aus?

Ich hoffe sehr, dass es zwei verschiedene Autos geben wird. Ein sportliches Modell, bei dem man nach wie vor zu seinem Fahrspaß kommt. Und die Nussschale, in die man sich reinsetzt wie ins eigene Wohnzimmer, auf einen Knopf drückt, und sie fährt einen ans Ziel.

Das haben Sie gerade erst erlebt in Kalifornien. Wie fühlt es sich an, im Auto zu sitzen und Passagier ohne Fahrer zu sein?

Ich fand es überhaupt nicht merkwürdig, weil ich volles Vertrauen in die Kompetenz der Ingenieure habe. Als wir mit einem Tesla unterwegs waren im Silicon Valley, hatten wir auf dem Beifahrersitz einen Laptop, darauf wurde das Kamerabild gespielt, wurde also gezeigt, was das Auto in dem Moment wahrnimmt. Menschen, andere Autos, Ampeln, all das ist darauf digital markiert. Der Computer scannt permanent die Umgebung ab und kann darauf reagieren. Für den Notfall musste allerdings noch ein Ingenieur am Steuer sitzen. In Kalifornien ist das autonome Fahren nicht erlaubt, anders als in Texas oder Arizona. Dort darf man ohne eine Person am Steuer unterwegs sein. Es gibt Familien, die das schon genau so machen.

„Vielleicht ist mit den Jahren mehr Vernunft dazu gekommen.“

Kann eine Maschine, ein Computer, wirklich besser fahren als ein Mensch?

Auf jeden Fall. Der Mensch hat, wenn er schnell ist, eine Reaktionszeit von bis zu zwei Zehntelsekunden. Das scheint nur ein Wimpernschlag zu sein, ist jedoch in der Formel 1 sehr viel Zeit. Zwei Zehntelsekunden können entscheidend sein, wenn man siegen will oder einen Unfall verhindern. Ein Computer reagiert in Echtzeit, sofort, ohne Verzögerung. Die einzige Herausforderung: Computern fehlt die menschliche Beurteilung. Sie berechnen Situationen, aber können sie nicht einschätzen.

Geht dabei nicht ein Gefühl verloren? Autofahren kann ja auch etwas Sinnliches haben.

Das ist Autofahren, das entspricht schon noch dem, was man bisher kennt. Man ist eben nur noch Beifahrer. Aber ich vermisse nichts. Auch nicht das Brummen eines Benzinmotors. Und die Beschleunigung ist natürlich enorm, da geht es richtig nach vorne.


Wenn man so will, ist Rosberg jahrelang als Testfahrer unterwegs gewesen. Rennwagen sind Prototypen, die, bis sie auf die Strecke gehen, unter Laborbedingungen getestet worden sind. In der Formel 1 sind Hunderte Ingenieure für die Entwicklung der Boliden zuständig. Die Rennwagen müssen zugleich schnell und sicher sein. In der Zeit, in der Rosberg in der Königsklasse des Motorsports unterwegs war, hat er den technologischen Fortschritt miterlebt, auch was Motoren angeht. Als er 2006 bei Williams in die Formel 1 einstieg, wurde das Auto noch von einem Acht- Zylinder-Aggregat mit 2,4 Litern Hubraum angetrieben. Als er 2016 Weltmeister wurde, war es ein Hybridmotor mit 1,6 Litern Hubraum. Die Leistung: mehr als 900 PS.

Glauben Sie, dass Elektroautos schon alltagstauglich sind?

Man steht vor neuen Herausforderungen. Als wir in Kalifornien unterwegs waren und unsere Batterie beinahe leer war, haben wir eine Elektro-Tankstelle gesucht. Aber in Kalifornien sind schon so viele E-Autos unterwegs, dass alle Plätze an der Ladestation besetzt waren. Da standen wir also in der Schlange – und ich hätte meinen Termin fast verpasst, wenn wir kein Uber-Taxi genommen hätten. Die Infrastruktur muss überall erst entwickelt werden. Und es gibt noch andere Fragen: Woher kommt der Strom? Wenn er aus Kohlekraftwerken oder Atomkraft stammt, ist das nicht unbedingt umweltschonender als Benzinautos. Es wäre erst dann ein Riesen-Fortschritt, wenn wir den Strom vollständig aus Solar- und Windenergie generieren. Dann können wir tatsächlich von einer Revolution sprechen. Und schließlich muss man eine Lösung für die Entsorgung der Akkus finden.

Wie viele Autos besitzen Sie?

Zwei Oldtimer. Ich bevorzuge es, Autos zu leasen. Das ist praktischer, es kostet nicht viel mehr, dafür bekomme ich aber jedes Jahr ein neues Auto. Gerade lease ich zwei Mercedes GLC, einen für Monaco, einen für Ibiza. Das ist ein tolles Familienauto für uns mit bald zwei Kindern. Ich habe mich für den kleinsten Motor entschieden, damit ich nicht so oft an die Tankstelle muss. Ich glaube ohnehin, dass das Auto die Bedeutung als Statussymbol verliert. Der Trend geht immer mehr zum Carsharing.

Sie haben auch einen Mercedes 280 SL, Baujahr 1970, die berühmte Pagode. Sogar noch ein Exemplar, das im Original erhalten geblieben ist. Was bedeutet Ihnen der Oldtimer?

Es ist ein ganz seltenes Exemplar, das noch komplett so ist wie an dem Tag, als es ausgeliefert wurde. Das Auto ist ein Kunstwerk. Und das Fahrgefühl ist toll. Man spürt viel mehr vom Auto, von der Umgebung, alles ist offen, man sitzt wie in einem Sessel. Richtig hoch, anders als in den modernen Autos, das ist ein schönes Gefühl. Meine Frau und ich nehmen das Auto nur an besonderen Tagen. Dann suchen wir uns ein schönes Ziel, fahren in die Berge oder ans Meer. Geschwindigkeit spielt darin keine Rolle. In diesem Auto scheint die Zeit stehen zu bleiben.

„Ich glaube, dass es noch immer um Geschwindigkeit geht. Sie ruft Emotionen hervor. Da geht es nicht nur um den Nutzen, um die Möglichkeit, von A nach B zu kommen oder irgendwelche Dinge zu transportieren. Autofahren steht für Leidenschaft.“

Sie waren als Formel-1-Fahrer auf der ganzen Welt unterwegs. Wo gibt es die besten Autofahrer?

Ich glaube schon in Europa, vielleicht sogar in Deutschland. Aber in China und Indien ist es auch spannend, in den Straßenverkehr einzutauchen. Die Reaktionsgeschwindigkeit der Fahrer ist dort enorm. Man kann sich kaum vorstellen, welch ein Chaos dort auf den Straßen herrscht, überall wird gehupt, kreuz und quer gefahren, es gibt Regeln, die aber kaum jemand beachtet. Dazu die ganzen Zweiräder, die sich in jede Lücke drängeln. Ein Wahnsinn! Um da halbwegs unbeschadet durchzukommen, musst du etwas drauf haben.

Welche Tipps haben Sie für normale Autofahrer, um sicher im Straßenverkehr unterwegs zu sein?

Man sollte immer erwarten, dass die anderen einen Fehler machen. Vorausschauendes Fahren lernt man in der Formel 1 extrem gut. Und so fahre ich noch immer. Es ist wie beim Fußball. Wenn du ein guter Mittelfeldspieler bist, weißt du immer, was um dich herum passiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 15.08.2017 16:48 Uhr