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Neue Wohnlösungen : Die Gartenstadt der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Begehrte Wohnlage: Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen Bild: Imago

Deutschlands Großstädte wachsen rasant. Wo und wie soll neuer Wohnraum entstehen? Wenn es um die Stadt der Zukunft geht, suchen Planer eine Lösung in der Vergangenheit: Die Gartenstadt-Idee wird wiederbelebt.

          Wie sich die Zeiten gleichen: Als vor fast 120 Jahren die Gartenstadt-Idee entstand, war sie eine Antwort auf das rasante Wachstum der Städte im Industriezeitalter, auf hohe Baukosten und zunehmende Wohnungsnot. Der englische Sozialist Ebenezer Howard setzte den damaligen Entwicklungen eine Utopie entgegen, ein Modell der genossenschaftlich organisierten und planmäßig entworfenen Siedlungen im Umland. Sein Buch „Garden Cities of Tomorrow“ löste weltweit die Gartenstadt-Bewegung aus. Vor allem in Deutschland entstanden zahlreiche Siedlungen dieser Art. Heute ist es wieder so weit: Auf Fachkonferenzen, Kongressen und in den Baubehörden wird die „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ ausgerufen. Die Gründe sind ähnlich wie vor 120 Jahren: starker Zuzug in die Städte, fehlender Wohnraum und explodierende Kosten.

          „Das Thema Gartenstadt erlebt gerade in der Fachwelt eine Renaissance und wird viel diskutiert“, bestätigt Bastian Wahler-Zak vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR in Bonn. Das zum Bundesbauministerium gehörende Institut hat vergangenes Jahr mit einer Studie begonnen, die klären soll, „welche Prinzipien wir von der historischen Gartenstadt-Idee übernehmen und im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung auf die heutige Zeit übertragen können“, erläutert Projektleiter Wahler-Zak. Am Anfang der Studie stand eine Grundlagenrecherche, die schnell zeigte, dass sich die alten Gartenstädte nicht nur äußerlich, sondern auch organisatorisch stark unterscheiden.

          Die ursprüngliche Idee von Ebenezer Howard war es, die Arbeiter aus den überfüllten Mietskasernen der verrußten Städten raus ins Grüne und ins Licht zu holen, in neu zu bauende Kleinstädte mit großen Gärten zur Selbstversorgung, Kultureinrichtungen und Arbeitsplätzen. Die Vorteile von Stadt- und Landleben sollten so miteinander versöhnt werden, Grund und Boden sollten der Gemeinschaft gehören und die Bewohner lebenslanges Wohnrecht besitzen. Viele der zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Gartenstädte ließen sich von den Leitideen inspirieren, setzten diese aber nur teilweise um. In Deutschland gibt es nur eine „echte“ Gartenstadt: Hellerau bei Dresden. „Leben und Arbeiten, Kultur und Natur“ lautete ihr Motto. Es entstanden unterschiedlichste Wohntypologien im Grünen, das berühmte Festspielhaus und die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst, die bis heute Möbel und Inneneinrichtungen produzieren. Eine gemeinnützige Gesellschaft kümmerte sich um die Entwicklung der Gartenstadt, die erzielten Gewinne wurden gemeinnützigen Zwecken zugeführt.

          Altes Konzept, neue Anforderungen

          Rein äußerlich kommt die 50 Kilometer weiter nördlich bei Senftenberg gelegene Gartenstadt „Marga“ Howards Ideal sogar noch näher. In seinem Modell waren die neuen Städte kreisförmig angelegt. Konzentrische Wohn- und Parkringe umgaben einen zentralen Platz mit öffentlichen Gebäuden. „Marga“ im Lausitzer Braunkohlerevier, war aber wie viele andere Gartenstädte in Deutschland eine Werkssiedlung, gehörte also einem Betrieb und nicht einer Genossenschaft. Mit anderen Worten: Howards Ideen wurden auch zu ihrer Blütezeit nur selten wirklich umgesetzt - später ohnehin nicht mehr.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden bestehende Siedlungen erweitert, vereinzelt auch neue gebaut. Stets folgten sie dem jeweiligen Zeitgeist. Jüngstes Beispiel ist die 2015 fertiggestellte „Gartenstadt Weiche“: Dabei handelt es sich um eine gewöhnliche Einfamilienhaussiedlung plus Seniorenwohnanlage, errichtet von einem lokalen Bauunternehmen. „Gartenstadt“ schien auf dem Weg zu einem bloßen Marketingbegriff.

          Runde Sache: Die kreisförmige Anlage der Gartenstadt „Marga“ in Brandenburg kommt dem Ideal sehr nahe.
          Runde Sache: Die kreisförmige Anlage der Gartenstadt „Marga“ in Brandenburg kommt dem Ideal sehr nahe. : Bild: Picture-Alliance

          Nun geht es in der aktuellen Fachdiskussion darum, wieder an die ursprünglichen Ideen anzuknüpfen. Im Frühjahr hat das Bundesinstitut BBSR daher „10 Thesen zur Gartenstadt 21“ vorgelegt. Eine davon lautet: „Die Gartenstadt 21 verfügt über stadträumliche Qualitäten, bei denen eine hohe bauliche Dichte und öffentliche Freiräume in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen.“ Weitere Thesen besagen, dass eine neue Gartenstadt „vielfältige bezahlbare Wohnangebote für verschiedene soziale Gruppen“ bietet und durch „gemeinschaftliche Organisations- und Finanzierungsmodelle“ geprägt sein soll.

          Ganz ähnlich klingen die ebenfalls vor einigen Monaten vorgelegten „Leitlinien für die Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ des Berliner Landesministeriums für Stadtentwicklung: Die neuen Gartenstädte sollen sozial und funktional durchmischt sein, bezahlbar, klimaneutral und barrierearm. Und im offenen Dialog mit den Bürgern sollen sie entstehen. Es sind kluge, sehr zeitgemäße Forderungen - und es sind Forderungen, die heute ohnehin Standard sind unter Stadtplanern. Sie entsprechen den aktuellen Leitbildern, egal, ob Neubauprojekte das Etikett „Gartenstadt“ tragen oder nicht. Inwiefern die Leitlinien also wirklich einen Unterschied machen, wird sich schon bald zeigen. „Noch gibt es keine konkreten städtebaulichen Vorstellungen davon, wie eine neue Gartenstadt heute aussehen kann“, räumt Bastian Wahler-Zak ein. „Um aus der rein theoretischen Diskussion rauszukommen, aber auch um den historischen Bildern etwas entgegenzusetzen, wollen wir jetzt aktuelle Bilder produzieren.“ Ende Juli wurden dazu drei Stadtplanungsbüros ausgesucht, die nun in einem „Zukunftslabor“ diese Bilder erstellen sollen.

          Auch Berlin will neuer Großquartiere auf der grünen Wiese bauen

          Fast gleichzeitig legen Berlin und Hamburg einfach schon mal los mit neuen Gartenstädten: In Hamburg soll auf bislang landwirtschaftlich genutzten Flächen bei Bergedorf die Gartenstadt Oberbillwerder wachsen. Es ist nach der Hafencity das zweitgrößte Stadtentwicklungsvorhaben Hamburgs. Zahlen nennt die Stadt noch nicht, aber auf der 120 Hektar großen Fläche wäre wohl Platz für weit mehr als 5000 Wohnungen. Unmittelbar angrenzend, sind bereits in den 1960er, 80er und 90er Jahren große Stadterweiterungsgebiete entstanden. „Drei unterschiedliche Großsiedlungen aus drei Jahrzehnten“, erklärt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter. Hochhaussiedlungen und Einfamilienhausgebiete. Hier könne man exemplarisch sehen, welche Fehler in der Vergangenheit bei Großsiedlungen häufig gemacht wurden, sagt Walter. Städte wie Hamburg und Berlin würden daher heute nach besseren Vorbildern aus der Vergangenheit suchen, nach Stadtquartieren mit mittlerer Bebauungsdichte, gefassten Stadträumen, Freiflächen, sozialer Infrastruktur und fußläufig erreichbaren Arbeitsplätzen. „Die Gartenstadt bietet hierfür gute Ansätze“, urteilt Walter.

          Bestes Beispiel: Hellerau gilt als Deutschlands einzige „echte“ Gartenstadt.
          Bestes Beispiel: Hellerau gilt als Deutschlands einzige „echte“ Gartenstadt. : Bild: F1online

          Im Herbst soll mit der Bürgerbeteiligung für Oberbillwerder begonnen werden, 2017 folgt ein städtebaulicher Wettbewerb und 2020 voraussichtlich der Baubeginn. Noch schneller gehen soll es in zwei weiteren Gartenstädten, die allerdings deutlich kleiner ausfallen: In Billstedt-Öjendorf im Nordosten und im Stadtteil Neugraben-Fischbek südlich der Elbe. Für die Gartenstadt „Fischbeker Reethen“ läuft aktuell der städtebauliche Wettbewerb. Rund 2000 Wohneinheiten sollen hier am Übergang zu einem Landschaftsschutzgebiet überwiegend im Geschosswohnungsbau realisiert werden. „In allen drei geplanten Gartenstädten soll in der Regel drei- bis viergeschossig gebaut werden. Punktuell auch höher. Anders erreichen wir keine Urbanität“, sagt Walter. Auch auf die Mischung unterschiedlicher Bauherren will die Stadt achten: Das kommunale Wohnungsunternehmen SAGA, Baugenossenschaften und private Bauherren sollen zum Zuge kommen. „Ausdrücklich erwünscht sind auch Baugemeinschaften“, kündigt Hamburgs Oberbaudirektor an. Denn „Baugemeinschaften können der soziale Kitt für neue Stadtquartiere sein“. Fast die Hälfte des 70 Hektar großen Gebiets sei zudem der Gewerbeentwicklung vorbehalten, um so den angestrebten Mix aus Wohnen und Arbeiten im Grünen zu ermöglichen.

          Auch Berlin hat kürzlich den Bau neuer Großquartiere auf der grünen Wiese angekündigt. Mit der Elisabeth-Aue entsteht im Norden von Berlin-Pankow ein neuer Stadtteil mit 5000 Wohnungen. „Angesichts der besonderen Lage zwischen Landschaft und Großstadt wollen wir hier an die Qualitäten des historischen Gartenstadtmodells anknüpfen und die Ideen von Ebenezer Howard in das 21. Jahrhundert transferieren“, hat Berlins Staatssekretär für Bauen und Wohnen Engelbert Lütke Daldrup angekündigt. Orientieren werde man sich dabei an den erwähnten Leitlinien. Anfang 2017 soll ein städtebaulicher Wettbewerb gestartet und ab 2019 gebaut werden. Die Elisabeth-Aue ist das größte von mehreren geplanten Quartieren in Berlin, aber es ist das einzige, das als Gartenstadt angelegt wird. Auf dem Gelände des Flughafens Tegel etwa soll von 2019 an ebenfalls ein Quartier mit 5000 Wohnungen entstehen: bezahlbar, durchgrünt, mit eigenem Quartierspark und verschiedenen Bauherren, inklusive zahlreicher Baugruppen. Schon bald also wird sich zeigen, was die Gartenstadt des 21. Jahrhunderts von einem normalen Neubauquartier unterscheidet - und was sie, umgekehrt, überhaupt mit der historischen Gartenstadt zu hat.

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