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Neue Häuser: Schönes Grauen

Schönes Grauen

Von BIRGIT OCHS, Fotos MARIA IRL

02.10.2017 · In der Schweiz sind Sichtbetonhäuser der Hit. In der bayerischen Provinz tut man sich damit schwer. Einen jungen Bauherren hat das nicht abgehalten.

D ie Provokation wartet kurz hinterm Ortseingang, wo sie in Gestalt einer Kiste aus Sichtbeton auftaucht. Man kann sie gar nicht verfehlen. Besonders groß ist sie nicht. Andere Häuser des Dorfs machen sich deutlich breiter. Aber so etwas Graues, Schnörkelloses, „Hochmodernes“ hat es in Aiterbach und Umgebung einfach noch nicht gegeben (und wird es, wenn es nach manchem geht, auch nicht mehr). Auch goldfarbene Haustüren hat man hier bisher nicht gekannt. Aber das ist nur ein harmloses Detail an diesem so anstößigen Neuzugang im Landkreis Freising.

Architekt und Bauherr Michael Thalmair hat damit gerechnet, dass es Diskussionen geben werde, wenn er seinen Entwurf baut. Der 35-Jährige ist in Aiterbach aufgewachsen. Seine Eltern besitzen hier einen Bauernhof – in Sichtweite der Provokation. Der Boden, auf dem sein Haus steht, gehört der Familie. Nach dem Studium in München und dem Leben in der bayerischen Landeshauptstadt war es für ihn klar, dass er zurück aufs Dorf ziehen würde. Thalmair weiß, wie man hier in der Gegend baut, kennt die Tradition, die alte der Bauernhäuser und die neue der Fertighäuser. Doch wollte er weder das eine noch das andere und auch nicht die dritte Variante: „Teuer und hochwertig bauen kann jeder, individuell sind solche Häuser auch, darum geht es aber nicht“, sagt er.

Ohne Schnörkel: Auch auf dem Land kann Gradlinigkeit die passende Haltung sein. Foto: Maria Irl

Was ihn gereizt hat, war ein Material: Sichtbeton. Wohl auch, weil dessen Oberfläche alter, abgenutzter Bausubstanz am nächsten kommt. Vor allem aber, weil sich mit diesem Stoff etwas anderes bauen lässt als das, was sonst in der Gemeinde Allershausen steht, zu der Aiterbach gehört. Thalmair fand, dass es durchaus mal Zeit für etwas anderes sei. Und weil noch ein paar junge Leute seine Freude am Neuen teilten, ist es zur Provokation gekommen.

Zu den maßgeblichen Beteiligten zählt zum einen jener befreundete Bauunternehmer, der den angehenden Bauherren und dessen Frau Melanie auf sogenannten Dämmbeton aufmerksam machte. Der hat eine andere Oberflächenstruktur als normaler Sichtbeton, wie er in Deutschland verwendet wird, sieht abgenutzter, grober, unfertiger aus, fühlt sich aber zugleich nicht so staubig an. Eher samtig. Thalmair recherchierte, suchte Referenzobjekte - und fuhr unter anderem in die Schweiz, wo die Hersteller dieses Baustoffs sitzen und das Material verbreitet ist. Er war begeistert. Doch die Verhandlung mit einem Anbieter war ernüchternd.

Foto: Maria Irl

Um die 1200 Euro sollte der Kubikmeter Beton kosten. „Das war für mich zu viel“, erzählt der Architekt. Durch Zufall kam er jedoch mit einem Betontechnologen aus Deutschland ins Gespräch. „Auch meine Generation, auch fasziniert“, sagt Thalmair. Der bot an, einen ebensolchen Beton zu mischen, versprach selbstbewusst ein ebenso gutes Produkt wie das aus der Schweiz. Höchstens halb so teuer. Es war ein Experiment. Weder konnte der junge Betonexperte Erfahrungswerte für seine spezielle Mixtur vorweisen, noch gab es Referenzobjekte. „Whatever, warum nicht, so eine Chance bekommt man vielleicht nicht wieder“, habe er sich gedacht, sagt Thalmair, und die Gelegenheit am Schopf gepackt. „Ich wusste, wenn das schiefgeht, dann muss ich das Haus eben verputzen, und es sieht halt aus wie eines dieser typischen Bauhaus-Flachdachhäuser.“

Maßgeblichen Anteil daran, dass das Haus gebaut werden konnte, hat zudem die zuständige Baubehörde. „Da hat man sich was getraut – und hat dafür ganz schön einstecken müssen“, ist Thalmair dankbar. Denn dass da einer eine „Kiste“ ins Dorf stellt, „ohne Dach“ und dann auch noch aus Beton, das hätten einige noch fast zwei Jahre nach Fertigstellung nicht verwunden.

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Dabei passt das Zuhause der Thalmairs ziemlich gut auf das kleine Grundstück mit dem leichten Gefälle. Wie bei zwei aufeinandergestapelten Schachteln sitzt das größere Ober- auf dem Untergeschoss. Und von grauer Langeweile kann auch keine Rede sein. Die untere Gebäudehälfte, über die man das Haus betritt, hat der Planer mit großen, zusammenfaltbaren Fensterläden aus dunklem Holz versehen und der Haustür jenen schon erwähnten warmen Goldton gegeben. Was im katholischen Bayern ja kein ästhetischer Fehltritt ist.

Im Erdgeschoss befinden sich nicht nur die Garderobe, die Thalmair wie alle anderen Einbauten selbst entworfen hat, sondern auch zwei Wohnräume, die später einmal als Kinderzimmer genutzt werden können und die derzeit als Arbeits- und Gästezimmer dienen. Zudem hat sich das Ehepaar auf dieser Etage für eine Sauna – und gegen ein zweites Bad entschieden. „Bei der begrenzten Fläche muss man Kompromisse machen“, sagt der Planer. Im unteren Stockwerk, zum Hang hin gelegen, gibt es zudem einen Raum, der als Keller, Technikraum und Waschküche dient.

Mit Kontrast: Der samtig-graue Sichtbeton trifft im Innern auf Schwarz und Weiß. Foto: Maria Irl
Rückzug: An die offene Küche schließen sich die Privatzimmer an. Foto: Maria Irl

Über die einläufige Treppe gelangt man in den oberen Teil des Hauses, der sich zum Garten hin öffnet. Hier spielt sich das eigentliche Leben im Haus der Thalmairs ab – und hier hat auch der Beton seinen großen Auftritt. Das liegt auch daran, dass der Architekt Grau mit Weiß kontrastiert. Nicht nur die Zimmerdecken sind in Weiß gehalten, sondern auch Einbaumöbel, Küche, ein Teil des Mobiliars und die Fensterrahmen. Denn „nur Grau wäre langweilig“, sagt Thalmair. Als weiterer Akzent wurden zudem hier und da schwarze Oberflächen gewählt, etwa für die Arbeitsfläche der Küche und einige Deckenlampen. Und immer wieder sorgt Gold für Glanz: als Accessoire, in Leuchten und als Fliesen im Bad. Das schließt sich direkt an die Küche an, die zusammen mit Essplatz und großer Couch einen großen offenen Raum mit Zugang zum Garten bildet. Ein von Einbauschränken gesäumter Gang führt von dort in den privaten Rückzugsbereich des Hauses. Neben dem Bad zählt dazu ein kleiner Raum, der als Zimmer für die kleine Tochter von Melanie und Michael Thalmair dient. Später könnte sie ins Erdgeschoss umziehen. Zur Straße hin liegen Schlaf- und Ankleidezimmer. Letzteres ist von zwei Seiten begehbar und kann mittels Schiebetüren geschlossen werden.

Geht das? Das Schlafzimmer liegt zur Straße hin – den elterlichen Hof im Blick. Foto: Maria Irl

Zum Leben auf dem Dorf gehört, dass auch die Lage des Schlafzimmers keine Privatsache ist. Wie man das zur Straße hin ansiedeln kann (obwohl es gegenüber keine Nachbarn gibt), habe für Diskussionsstoff gesorgt, erzählt das junge Ehepaar. Auch die Tatsache, dass das Bett nicht immer ordentlich gemacht war, ist nicht unkommentiert geblieben. Thalmairs tragen es mit Fassung, räumen aber ein, dass sie jetzt manchmal einfach den Sichtschutz runterlassen. Grundsätzlich lassen sie sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. "Das ist auf dem Land halt so", sagt der Planer. Seine Eltern, die dorfeinwärts an der Straße in Sichtweite wohnen, hätten anfangs ganz schön schlucken und sich erst mal an das Haus gewöhnen müssen. „Aber mittlerweile finden sie es gar nicht mehr so schlecht.“

Anders wohnen: Melanie und Michael Thalmair mit Töchterchen Leonie Foto: Maria Irl

Er selbst würde ohnehin jederzeit wieder so bauen. Jedenfalls was die äußere Erscheinung samt Baustoff und die Raumaufteilung im Innern anbelangt. In einem Punkt allerdings würde er anders entscheiden: die Lüftung. Der Architekt hat für sein Haus auf eine Lüftungsanlage mit kontrollierter Wärmerückgewinnung verzichtet, weil er davon ausgegangen war, die Fenster würden für den Luftaustausch genügen. Doch angesichts der Ausrichtung des Schlafzimmers zur Straße hin habe sich das nicht als ideal erwiesen, räumt Thalmair ein: „Wir haben uns zwar an den Fahrzeuglärm gewöhnt, aber anders wäre es besser gewesen.“

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr 2015
Bauweise Massivbau aus monolithischem Sichtbeton
Energiekonzept Wärmepumpe
Wohnfläche 160 Quadratmeter
Grundstücksgröße 470 Quadratmeter
Standort Landkreis Freising

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.10.2017 19:51 Uhr