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Geschichtsträchtige Möbel : Stühle mit Seele

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Faible für Sitzmöbel mit Geschichte: Jörg Astheimer umgeben von Frankfurter Stühlen Bild: Peter Thomas

Platz nehmen an der Schnittstelle zwischen Privatem und Kollektivem. Jörg Astheimer spürt für seine Kunden klassische Stühle aus Orten des öffentlichen Lebens auf.

          Bloß keinen neuen Lack! „Die Stühle brauchen ihre ganz individuelle Patina, sonst erzählen sie keine Geschichte mehr“, sagt Jörg Astheimer, packt einen Frankfurter Stuhl, hebt ihn empor, dreht ihn mit den Beinen nach oben. Die Gene des Sitzmöbels stammen aus der Bauhaus-Bewegung. Seit den 1930er Jahren wird der Frankfurter Stuhl von Hersteller Stoelcker produziert – heute unter anderem auch als Barhocker. Der Entwurf gehörte zur Möblierung der alten Bundesrepublik. Auf ihm saß man in Fahrschulen und in Wartezimmern, bei Bundesbahn und Bundespost.

          Ortstermin im Margarete Restaurant in Frankfurt, Erdgeschoss des Hauses des Buches. Mehrere Dutzend Frankfurter Stühle hat Astheimer für das 2012 von Raffaela Schöbel und Simon Horn eröffnete Restaurant geliefert. Sie stehen mit anderen Alltagsklassikern des guten Sitzens in langen Reihen vor den gedeckten Tischen. Die Klarheit des Entwurfs, die effiziente Konstruktion, aber auch die Zurückhaltung im Auftritt hinter der Funktion – das passt zu Margarete Schütte-Lihotzky, Architektin und Erfinderin der „Frankfurter Küche“ sowie Namensgeberin des Restaurants. Und hier bekommen die Stühle, die manche Stilfibel eher als Design-Klassiker aus der zweiten Reihe sehen mag, eine ausdrucksstarke Hauptrolle.

          „Das ist Leidenschaft im Nebenberuf“

          Erfunden von Max Stoelcker, überzeugt der Frankfurter Stuhl durch seine enorme Stabilität, obwohl er ganz bewusst auf Verstrebungen (Sprossen) verzichtet. Die notwendige Steifigkeit und Robustheit erzielte Stoelcker statt dieser klassischen Architektur durch die kraftschlüssige Verbindung von Sitz, Zarge und Vorderfuß bei der Montage. So entstand eine leichte und zugleich widerstandsfähige Konstruktion. Ursprünglich war das Modell als Küchenstuhl geplant und gehörte als ergonomisch durchdachtes Möbelstück auch zu Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche. Bald eroberte der Stuhl (dessen Form vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen verschiedenen Herstellern übernommen wurde) jedoch auch den öffentlichen Raum.

          Hauptdarsteller: Frankfurter Stühle im Margarete Restaurant
          Hauptdarsteller: Frankfurter Stühle im Margarete Restaurant : Bild: Peter Thomas

          Diesen historischen Erfolg trägt Jörg Astheimer im kleinen Maßstab in die Zukunft weiter. Denn Frankfurter Stühle gehören zu den Bestsellern im Portfolio der Sitzmöbel, die der Diplom-Soziologe und promovierte Medienwissenschaftler für seine Kunden aufspürt und über den Internet-Shop des Familienunternehmens verkauft. „Das ist Leidenschaft im Nebenberuf“, sagt der Mann aus dem hessischen Karben. Im Hauptberuf beschäftigt sich der Design-Fan mit digitalen Medien, gibt Medienkompetenz-Seminare an Schulen und unterrichtet an der Dualen Hochschule Mannheim.

          Heute sind die Stoelcker-Modelle und ihre Geschichte eher den Eingeweihten bekannt, ebenso wie zum Beispiel Werkstattstühle der Stahlrohrmöbelfabrik Anton Zeitler aus Grauelsbaum. Klassiker mit maximalem Wiedererkennungswert dagegen sind die Eames Chairs mit ihrer Glasfiberschale oder Thonets Kaffeehausstühle – alles Typen, die sich in Astheimers Stuhllager finden. Dabei sind ihm bei der Auswahl der Stücke, die er ins Programm aufnimmt, Designer und Marke zunächst einmal egal.

          Möbel mit Vergangenheit im öffentlichen Bereich

          Wichtiger ist ihm, dass die Möbel eine Vergangenheit im öffentlichen oder halböffentlichen Bereich haben. Einst haben auf ihnen Beamte und Kneipengäste, Mitglieder von Kirchengemeinden oder Fahrschüler Platz genommen. Auf ihnen wurde gearbeitet und diskutiert, gelernt und gegessen, gefeiert und auch getrauert. Das sorgt für Authentizität und verändert die Möbel. Damit meint Astheimer nicht die Schrammen und Narben, die Holz, Fiberglas und Metall über die Jahre als Gebrauchsspuren mitgenommen haben, sondern wie die heutigen Nutzer die Objekte wahrnehmen.

          „Der Typ Stuhl, für den ich mich interessiere, wurde und wird nicht nur kollektiv genutzt, sondern er ist auch fest im kollektiven Gedächtnis verankert“, erläutert der 43-Jährige. Wer solche Objekte kauft, der ist selbst vom Unmittelbaren dieser Vertrautheit fasziniert, vom Stuhl als flüchtigem Bekannten aus alltäglichen Begegnungen. „Meine Kunden richten nicht nur ihre Wohnung ein“, gibt sich Astheimer überzeugt, „sondern möblieren ganz bewusst auch den Raum der eigenen Biographie.“

          Stapelware: Stühle der Vereinigten Spezialmöbelfabriken aus Tauberbischofsheim
          Stapelware: Stühle der Vereinigten Spezialmöbelfabriken aus Tauberbischofsheim : Bild: Peter Thomas

          Das trifft auch auf den Wissenschaftler und Stühle-Stöberer selbst zu. Denn der Zündfunke für sein Interesse an den ikonischen Sitzmöbeln entsprang ganz lapidar dem privaten Bedarf: Für den eigenen Haushalt suchten Astheimer und seine Frau Stühle mit Seele. Dass moderne Allerweltsmöbel aus Kunststoff vom Einrichtungshaus nicht in Frage kämen, hatte die Tochter vorweg schon klargestellt.

          Privates Aha-Erlebnis wird zum Geschäftsmodell

          Schließlich kauften Astheimers gebrauchte Eames Armchairs in den Vereinigten Staaten. Nach einer gründlichen Wartung (vor allem neue Gummidämpfer zwischen Sitzschale und Gestell) überzeugten die Klassiker nicht nur durch ihre Gestaltung, sondern auch die Funktionalität: „Wir waren selbst erstaunt, wie bequem diese Design-Ikone ist.“

          So entstand die Idee, das private Aha-Erlebnis zum Geschäftsmodell zu machen. 2013 bot Astheimer seinen ersten Stuhl im Internet an. Und seither kaufen Restaurants, Architekten und Werbeagenturen, aber auch viele an Design interessierte Privatleute. Das ungewöhnliche Konzept hat sich im Rhein-Main-Gebiet herumgesprochen, und Astheimer hat sich an Anfragen wie die eines Museumsleiters gewöhnt: „Ich komme gerade aus Basel neu nach Frankfurt und habe gehört, dass ich bei Ihnen schöne Frankfurter Stühle bekomme.“

          Neue Stücke findet der Karbener bei Auflösungen von Ämtern genauso wie bei Geschäftswechseln oder durch den Austausch der Sitzgarnituren in Kirchengemeinden. Auch ungewöhnliches Design oder extravagante Farben (aus den 1970er Jahren zum Beispiel) bekommen eine Chance. Aus dem rein privaten Kontext hingegen kauft er prinzipiell keine Stühle an – denen fehle einfach die Geschichte. „Da bin ich wirklich restriktiv“, sagt Astheimer.

          Entscheidend ist, dass man gut sitzt

          Woher die Nachfrage nach seinen Stühlen kommt? Das Konzept, private Räume mit dem Erbe öffentlicher Einrichtungen zu möblieren, passe einfach zur Entwicklung des modernen Wohnens, erläutert der Wissenschaftler. Denn im digitalen Zeitalter trügen immer mehr Menschen zumindest bestimmte Aspekte des privaten Lebens stärker in die Öffentlichkeit. „Plötzlich gibt es in den eigenen vier Wänden einen Bereich, der ins Teilöffentliche tendiert und der durch die stimmige Möblierung gewinnt.“ Das gelte eben gerade für stereotyp anmutende Produkte wie die einst im Alltag so präsenten Stühle, deren Patina das Nutzbare unterstreicht.

          Und deshalb kämpft Astheimer so nachdrücklich dafür, die Zeichen der Nutzung zu belassen: „Die Spur zum Gebrauchskontext muss erhalten bleiben.“ Nur konstruktive Schäden repariert er an seinen Produkten. Denn gleich, ob der Stuhl einst in der Friedhofskapelle stand oder im Flur einer Behörde: Entscheidend ist, dass man gut sitzt.

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