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Neue Möbel-Editionen : Lauter alte Bekannte

Die neuen Alten: Jaques Adnets „Circulaire“-Spiegel von Gubi Bild: HEIDI LERKENFELDT

Möbel mit Geschichte haben Konjunktur. Wohl dem, der etwas zu erzählen hat - und wenn es eine Legende ist. Doch warum muss es denn ausgerechnet alt sein?

          Spiegel machen selten als Design-ikonen Karriere. Jacques Adnets „Circulaire“ schon. 1950 entwarf ihn der Franzose für Hermès. Das luxuriöse Pariser Modehaus hatte den Architekten und Designer Ende der vierziger Jahre beauftragt, einige seiner Verkaufsläden auszustatten und eine Möbel- und Accessoireskollektion zu kreieren. In Anlehnung an Hermès’ Unternehmensursprung als Sattlerwerkstatt setzte der Franzose auf Lederbezüge. In einen solchen packte er auch den „Circulaire“. Zudem versah er ihn mit einer verstellbaren Aufhängung, die mit ihren robusten Schnallen Reitstallatmosphäre in Salon und Boutique brachte. Die Legende will es, dass Adnet in den folgenden Jahren nicht zuletzt seiner Spiegel wegen als gefragter Inneneinrichter in höchste Kreise aufstieg. So richtete er die Privatwohnung des französischen Präsidenten im Élysée-Palast und den Versammlungsraum im Hauptquartier der Unesco in Paris ein. Seine Bekanntheit jedoch verdankt Adnet heute vor allem dem „Circulaire“. Der aber ist uns nur deshalb präsent, weil ihn ein Unternehmen aus Dänemark als Designklassiker zurück in den Handel gebracht hat.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit dem Spätherbst 2011 führt Gubi den markanten Spiegel als Reedition. Zufall ist es nicht, dass ein französisches Luxusaccessoire von einem Designunternehmen aus Kopenhagen in Umlauf gebracht wird. Denn Gubi, Ende der sechziger Jahre vom Designerehepaar Gubi und Lisbeth Olsen gegründet, ist darauf spezialisiert, alte Einrichtungsgegenstände wieder aufzulegen, seit 2001 Sohn Jacob die Leitung übernahm.

          Die erste Klassikerkollektion war naheliegend. Schon die Eltern hatten die Lampenserie „Bestlite“ von Robert D. Best aus dem Jahr 1930 vertrieben. Jacob Gubi erwarb die Rechte und legte damit den Grundstein für das, was er Timeline nennt: eine sich derzeit über 90 Jahre erstreckende Zeitachse. Fünfzehn sogenannte Collections hat Gubi unter Geschäftsführer Jacob herausgebracht. Zehn davon bestehen aus Reeditionen. Allein 2011 kam das Unternehmen mit sechs Neuauflagen auf den Markt, darunter die Stehlampe Gräshoppa, die die schwedische Designerin Greta M. Grossmann 1949 entworfen hatte. Sie ist neben dem Adnet-Spiegel der zweite Topseller des Unternehmens.

          Kaum ein Unternehmen kann ohne Designgeschichte

          Binnen weniger Jahre hat Gubi eine stattliche Sammlung von Reeditionen im Programm, zu dem aber auch neue Entwürfe, unter anderem von Komplot Design (Gubi Chair), GamFratesi (Beetle Chair) und Sebastian Herkner (Collar Leuchte) gehören. Am unüberschaubaren Markt für Reeditionen von echten und angeblichen Designikonen fällt der dänische Hersteller auf, weil er ausgeprägter als viele andere auf die Wiederauflage alter Entwürfe setzt.

          Er schwimmt damit auch auf einer Angebots- wie Nachfragewelle nach Möbeln mit Geschichte, die offenbar stets größer wird und an deren Anfang Ludwig Mies van der Rohes „Barcelona Chair“ aus dem Jahr 1929 steht. Für dessen Wiederauflage hatte sich die amerikanische Unternehmerin Florence Knoll schon Ende der vierziger Jahre die Rechte gesichert. Bis heute produziert Knoll International das berühmte Möbel.

          Einen solchen Klassiker wie auch den allgegenwärtigen Eames Plastic Chair haben die wenigsten im Programm. Gleichzeitig kommt kaum ein Unternehmen ohne Designgeschichte aus. Beliebt zum Beispiel sind Firmengeburtstage, um mit einer Wiederaufnahme aufzuwarten. Artek, ohnehin ganz den Entwürfen seines Gründers Alvar Aalto verschrieben, feierte in diesem Herbst achtzigjähriges Bestehen. Anlässlich dessen kommt im Januar eine limitierte Reedition eines Tischchens der Maison Louis Carre heraus, eines der berühmtesten Häuser des finnischen Architekten.

          Wie Artek sind jene Hersteller gut dran, deren Unternehmensgeschichte mit längst legendären Entwürfen großer Architekten eng verknüpft ist. Zu ihnen zählt auch Thonet. Von dessen Firmengründer stammt jener Bugholzstuhl Nr. 14 (1859), der als Wiener Kaffeehausstuhl bekannt wurde. Weltweit machte sich das Unternehmen in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als größter Produzent der damals neuartigen Stahlrohrmöbel einen Namen, die Bauhaus-Architekten wie Mart Stam, Mies van der Rohe und Marcel Breuer entworfen hatten. Aktuell erzielt Thonet fast die Hälfte seines Geschäfts mit den Klassikern. Unangefochtenes Zugpferd ist dabei Marcel Breuers Freischwinger S 32, auf den allein fast 20 Prozent des Umsatzes im Klassiksegment entfallen.

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