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Leben in der Arktis : So hell kann die Dunkelheit sein

Die Neumayer-Station liegt auf dem Ekström-Schelfeis in der Antarktis. Im Winter leben hier zwölf, im Sommer bis zu 60 Menschen. Das Polarlicht gehört zu den schönsten Himmelserscheinungen. Bild: Tim Heitland

Mehr als ein Jahr lebt Tim Heitland in der Antarktis. Im FAZ.NET-Interview spricht der Deutsche über das Leben ohne Licht, den Verlust der Orientierung – und das Ende der Polarnacht.

          Herr Heitland, wie sind die Lichtverhältnisse bei Ihnen?

          Bei uns ist es jetzt 15 Uhr und taghell. Eigentlich ist es gerade wie in Deutschland, die Sonne geht auf und sie geht unter. Das ist hier ja nicht immer so. Es ist bei uns natürlich trotzdem viel heller als in Deutschland, weil die riesigen weißen Schneeflächen das Licht so enorm reflektieren. Außerdem driftet es.

          Was heißt das?

          Wenn der Wind den Schnee vor sich her treibt, sprechen wir von einer Drift. Immer wenn Schnee in der Luft ist, schneit es entweder, oder der Wind bläst uns den Schnee von irgendwo anders vor die Haustür. Die Antarktis ist generell relativ trocken, und bei uns driftet es häufiger, als dass es schneit.

          Was geschieht dann mit dem Licht?

          Drift sorgt für ein diffus-gedämpftes Licht. Alles, was vor dem Auge erscheint, ist mit kleinen Schneekristallen bedeckt. Wenn sich darin die Sonne bricht, wird das Licht nach überall hin abgelenkt. Ist die Drift stark, dann sieht man nichts, aber es leuchtet. Geringere Drift wischt über die geriffelte Oberfläche des Schelfeises. Das sieht sehr hübsch aus.

          Vor lauter Leuchten nichts zu sehen: Kommt das dem sogenannten Whiteout nahe?

          Mit dem Whiteout ist es ein bisschen komplizierter. Es kann eintreten, wenn der Himmel ganz wolkenverhangen ist. Dann wird das Licht schon durch die Wolken diffus abgelenkt und strahlt ungebündelt aus allen Richtungen gleichzeitig ein. Das ist so, wie wenn man ein Fotostudio von allen Seiten ausleuchtet. Es entstehen keine Schatten mehr und kein einziger Kontrast. Im Whiteout verliert man die räumliche Orientierung, nach oben, unten, überall. Das ist ganz seltsam. Man geht zu Fuß, und plötzlich haut's einen auf die Nase.

          Haben Sie das schon erlebt?

          Ja, mehrfach. Es ist, als ginge man im Dunkeln eine Treppe runter. Man denkt, da kommt noch eine Stufe, tritt dann aber ins Leere. Man läuft und läuft, und plötzlich sitzt man auf dem Hintern. Erst wenn man dann um sich herum tastet, bemerkt man die riesige Bodenwelle. Trotzdem kann man ganz weit gucken. Wenn wir einen Spaziergang machen, sehen wir Hunderte Meter entfernt ganz deutlich unsere Station. Bei Drift sieht man mitunter nur bis zur Hand.

          Ist die Sonne endgültig verschwunden, geht man nicht mehr hinaus. Daher sollte man den letzten Sonnenaufgang vor der Polarnacht um so intensiver wahrnehmen.
          Ist die Sonne endgültig verschwunden, geht man nicht mehr hinaus. Daher sollte man den letzten Sonnenaufgang vor der Polarnacht um so intensiver wahrnehmen. : Bild: Tim Heitland

          Hinter Ihnen liegt die Polarnacht, in der die Sonne gar nicht aufgeht. Wie lange dauert diese Phase?

          Hier dauert die Polarnacht acht Wochen, am Südpol ein halbes Jahr. Von dort sind wir aber immer noch 2.000 Kilometer entfernt. Wie lange es dunkel bleibt, hängt davon ab, wie weit man in den Süden beziehungsweise auf der Nordhalbkugel gen Norden geht. Je höher die Breite, desto länger die Dunkelzeit.

          Ist die antarktische Dunkelheit mit unserer Dunkelheit vergleichbar?

          In Skandinavien gibt es eine vergleichbare Polarnacht, das Nordkap ist schließlich so weit vom Nordpol entfernt wie unsere Station vom Südpol. Südlich vom Nordkap gibt es diese Art der Dunkelheit nicht. Sie ist anders als eine deutsche Nacht.

          Inwiefern?

          Ich habe sie als eine sehr helle Dunkelheit empfunden. Sie hatte nichts Bedrückendes oder Beängstigendes. Im Gegenteil: Die Polarnacht war ein wunderschönes Erlebnis für mich.

          Wie kann Dunkelheit hell wirken?

          Vor allem der Sternhimmel sorgt dafür. Wir haben hier überhaupt keine Lichtverschmutzung, denn weit und breit ist niemand um uns. Der Sternhimmel kann sich deshalb vollständig ausbreiten, ohne dass einem ein Lichtdunst die Sicht nimmt. Die Milchstraße zieht sich wie eine große Linie vom Horizont über den Himmelszenit bis zum gegenüberliegenden Horizont. Es ist wie unter einer sich drehenden Käseglocke, über die jemand eine Linie aus Licht gemalt hat. Die Sterne wandern ja überall übers Firmament, aber hier sind sie wahnsinnig eindrucksvoll. Sie sehen nicht nur aus wie kleine weiße Punkte auf einer schwarzen Fläche, sondern wirken ganz plastisch. Hinzu kommen die vielen Farben, etwa Polarlichter. Vor allem in der Dämmerung entstehen tolle Lichtstimmungen.

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