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© Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister

Zurück zum Rücken

Von JULIA STELZNER

17.06.2016 · Auf Instagram haben Landschaften plötzlich ganz neue Dimensionen. Und der Blick geht in romantische Welten.

Auf Instagram kommt man nicht mehr vorbei an den Männern und Frauen ohne Gesicht. Irgendwann begegnen sie jedem, die Rückenansichten vor türkisgrünen Bergseen, graubraunen Gebirgszügen und endlos langen Highways. Die Hauptfigur schaut geradeaus in die Ferne. Vom Betrachter hat sie sich abgewandt. Posen nicht nötig. Das Duckface ist ohnehin zu dämlich. Also verharren die Protagonisten statisch im Moment der Stille. Das ist in Anbetracht narzisstischer Selfies und aufgescheuchter Sprungfotos, die auf anderen Kanälen pausenlos zu imponieren versuchen, fast schon wieder angenehm. Der #naturelover spielt sich nicht in den Vordergrund, obwohl er rein kompositorisch vorne steht. Seine Intention ist #exploreeverything, ob Pfalz, Pyrenäen oder Portland. Sein Stilmittel ist die #vscocam, eine App, die für den entsättigten und nebulösen Look sorgt, den keine Postkarte hergibt – gewissermaßen das krasse Gegenteil eines Windows-XP-Bildschirmschoners.

  • © Minh T #thismintymoment: Blick vom Glockenturm des Markusdoms auf Venedig
  • © Daniel Faro #daniellfaro: Frau mit Blick aufs offene Meer

Der Trend zum Eskapismus hat seinen Ausdruck gefunden. Die Devise: back to the roots, hin zum Ursprünglichen, zum Echten, zum Handgemachten, raus in die Wildnis. Kein Schnickschnack wie eine Smartphone-Uhr oder ein Obstsalat zum Trinken. Hier geht es um Emailletassen und das leatherman tool. Die gibt es, gleich neben den Coffeetable Books über die schönsten Holzhütten, neuerdings auch im Concept Store zu kaufen, nicht mehr nur im Camping-Bedarf. In Holzfällerhemd und Timberlands kann man Holz in Kanada fällen und Kaffee in Kreuzberg aufbrühen, und sei es kalter. Die Landflucht hat sich zur Stadtflucht umgekehrt. Schlechte Metaphern dafür hat man ja genug: Man lädt den Akku auf oder lässt womöglich sogar die Seele baumeln. Auf Instagram sieht man’s: Jedes dieser hippen Von-hinten-vor-dem-Himmel-Motive strahlt mehr Ruhe aus als ein Schweigekloster.

Neu ist das Melancholie-Motiv nicht. Parallelen zu Caspar David Friedrich liegen in der Luft. Der Maler der deutschen Romantik porträtierte sich entweder selbst als „Wanderer über dem Nebelmeer“ oder zeigte eine „Frau vor der untergehenden Sonne“. Auch Carl Spitzweg und Eduard Schleich lassen zuweilen Menschen in der Natur versinken. Der Betrachter wird in die gefühligen Weltfluchtphantasien geradezu hineingezogen, weil die Figur auf dem Bild geschickt den Blick in die Ferne lenkt. Da gilt das Mantra aus dem Leistungskurs Kunst: „Vordergrund macht Bild gesund.“ Vor allem in der Landschafts- oder Architekturfotografie. So reicht Minh T kein simples Foto vom Markusturm in Venedig herab, nein, eine Freundin schaut hinab, von hinten sieht man ihr wehendes Haar. „Die Situation ergab sich einfach, als ich sie beim Ausblick beobachtete“, sagt der kalifornische Designer und Fotograf. „Ich stelle oft Menschen in Architekturaufnahmen, wegen des Größenverhältnisses, als emotionales Element, um Geschichten zu erzählen.“ Dabei beruft sich Minh T auf die ehe malige Chefin der amerikanischen „Vogue“, Diana Vreeland, die einst postulierte: „Das Auge muss wandern.“ Für Minh T sind das Bilder, die emotional sind, in den Kontext eingebunden und graphisch spannend.

Wie eine larmoyante Romantikerin navigiert die Hamburger Illustratorin und Fotografin Sarah Niemann den Betrachter mittels der Person in ihrem Bild: Ihr Surfer mit Board lenkt den Blick. „Damit ist das Foto nicht nur eine Abbildung eines interessanten Motivs, sondern eine Momentaufnahme von dem, was eine Person gerade sieht und erlebt. Für mich visualisiert das ein Gefühl von Fernweh.“

© Sarah Niemann #sarah.niemann: Surfer am Strand der baskischen Stadt Zarautz

Auf Instagram, dem gerade einmal sechs Jahre alten Online-Fotodienst, sind solche Motive beliebt. So gibt es schon Tutorials, wie man die Hauptfigur am besten in die Landschaft setzt. Die iphonephotographyschool.com rät: „Ob man in einer faszinierenden offenen Landschaft fotografiert, auf einem kleinen Feld, in einem Wald oder im Park – eine Person auf dem Bild zu haben ist die beste Methode, das Foto aus der Masse herausstechen zu lassen.“ Ohne Menschen seien Fotos fad. Was Pressefotografen im Schlaf wissen – hier wird es im Online-Lehrbuch mit den passenden Bildbeispielen illustriert.

Ein Mensch ist eben nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Bildoptimierer. Größenverhältnisse lassen sich leichter ermessen, Symmetrie wird ganz easy hergestellt. Und das schöne Ebenmaß gehört zur Ästhetik des Hipsters wie das Bartpflegeöl. So greift Patrick Monatsberger aus Nürnberg regelmäßig auf die Person als Maßstabgeber zurück. Das Instagram-Feed des Industriekaufmanns verheißt Wanderlust. Gerade in Schottland, kurz davor noch in den Alpen. Auf einem seiner Bilder stellt sich der Fotograf selbst mittig auf eine Straße in der kanadischen Provinz British Columbia. Drumherum nichts als dichter, dunkler Wald. „Ich mag es, solche magischen Momente zu schaffen“, sagt Monatsberger. „So kann man aufzeigen, wie klein der Mensch doch eigentlich ist im Vergleich zu unserer schönen Natur.“

Vom Menschen selbst sieht man recht wenig. Eigentlich nur eine schwarze Silhouette, einen Schattenmann. Aber das ist schon wieder fortschrittlich. Der nächste Trend auf Instagram will es nämlich, dass man das Gesicht vollständig hinter Kapuze oder Kappe versteckt.

© Patrick Monatsberger #moners_: Straße im Wald in British Columbia.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.06.2016 12:01 Uhr