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Aktualisiert: 17.05.2014, 18:42 Uhr

Hobbygärtner Vom Büro direkt auf den Acker

Viele Städter suchen die Nähe zur Natur. Immer mehr pachten sich auch ein Stück Land, um ihr eigenes Gemüse anzubauen. Selbsterntegärten machen das einfach möglich. Doch schadet die Nähe zu Stadt dem Gemüse?

von Monika Herbst
© Röth, Frank Übersetzerin und Hobbygärtnerin Florence d’Anterroches bei der Arbeit in „ihrem“ Frankfurter Garten

Ratlos blickt Susanne Seitter auf die Pflänzchen in ihrem Acker in Teltow, im Südwesten von Berlin. Das Problem: Die Kohlpflanzen sehen ziemlich schlapp aus, und sie hat keine Ahnung, warum. Was tun? Die Kulturwissenschaftlerin, 34, fotografiert die Pflänzchen mit ihrem Smartphone und schickt das Bild ins Büro der „Ackerhelden“, die Seitter den Bio-Gemüsegarten auch verpachtet haben. Wenig später bekommt sie per SMS den Tipp, mehr Erde anzuhäufeln, um die Pflanzen zu stabilisieren.

„Landwirtschaft light“ könnte man das Konzept nennen, das Unternehmen wie die Essener „Ackerhelden“ anbieten: Ein Hobbygärtner bekommt von ihnen im Frühjahr ein vorbepflanztes Ackerstück und darf später im Jahr das Gemüse ernten, inklusive Beratung und regelmäßigen Informationen.

Die Nachfrage nach solchen Selbsterntegärten ist groß: Jedes Jahr kommen neue Standorte hinzu, manche sind lange vor Saisonbeginn ausgebucht. Neben den beiden bundesweiten Anbietern „Ackerhelden“ und „Meine Ernte“ mit zehn beziehungsweise 24 Standorten, gibt es viele regionale Initiativen. Zum Teil verpachten Landwirte ihre Felder auch direkt.

Bis zu 50 Anbieter sind es inzwischen bundesweit, schätzt Professor Jürgen Heß vom Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau der Uni Kassel. Er gehört zu den Pionieren der Selbsterntegärten in Deutschland. Das Konzept hat er sich in Wien abgeschaut und 1999 erstmals in einem studentischen Projekt umgesetzt.

Sprechstunden für Neugärtner

Genutzt wird das Angebot überwiegend von Städtern, die, wie Seitter, weder Garten noch Balkon haben. Die meisten haben keine Ahnung, wie man gärtnert - wollen aber frisches, pestizidfreies Gemüse, das ohne lange Transportwege in ihre Küche kommt. Auf dem Acker jäten und hacken sie nicht nur das Unkraut weg - sondern oft auch den Alltagsstress.

Vor allem die erste Saison ist sehr lehrreich für die Neugärtner: Viele wissen nicht, dass Freilandgurken schon mit 15 Zentimetern erntereif sind und Exemplare in Supermarkt-Länge oft schon bitter schmecken. Sie hören zum ersten Mal, dass sie Salat und Mangold am besten nachmittags vom Acker holen, weil dann am wenigsten Nitrat und am meisten Vitamine drinstecken.

Solche Infos bekommen sie zum Beispiel aus der „Heldenpost“, dem Online-Kundenmagazin der „Ackerhelden“. Bei „Meine Ernte“ gibt es neben Infos per Mail auch Gärtnersprechstunden mit dem Landwirt, dem der Acker gehört. Ihn können die Neugärtner fragen, welche Käfer auf ihren Pflanzen krabbeln und was die braunen Stellen am Blatt zu bedeuten haben.

Zwei bis drei Stunden Arbeit pro Woche

Auch sonst wird den Pächtern vieles abgenommen: Die Flächen sind bei der Übergabe bereits bepflanzt, Gartengeräte und Wasser stehen bereit. Sie müssen nur noch Unkraut jäten, den Boden hacken, gießen, bei Bedarf nachpflanzen - und natürlich ernten.

Etwa zwei bis drei Stunden Gartenarbeit pro Woche muss man dafür einplanen. Dazu kommt das Verarbeiten des Gemüses, inklusive Einkochen und Einfrieren. Die gebürtige Französin Florence d’Anterroches ist froh, dass sie sich die Arbeit mit ihrem Mann teilen kann. Die Übersetzerin hat seit vier Jahren einen Garten von „Meine Ernte“ in Frankfurt gepachtet: „Die Qualität ist unvergleichbar. Das Gemüse schmeckt viel besser“, schwärmt die Einunddreißigjährige.

Die erste Zeit in Deutschland hat sie sich gewundert, warum zum Beispiel Birnen und Avocados aus dem Supermarkt nicht kaputtgehen, wenn sie versehentlich auf den Boden fallen. Bis ihr klarwurde, dass sie unreif geerntet worden waren - für den Transport. Das kannte sie aus Paris nicht, da kamen Obst und Gemüse überwiegend aus dem nahen Südfrankreich und schmeckten besser.

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