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Hier pflanzte Hermann Hesse : In Dichters Garten

Der Garten, in dem Hermann Hesse einst seine ersten Pflanzen setzte: Biologin Eva Eberwein lässt ihn nun wieder blühen. Bild: Ferdinand Graf Luckner

In Gaienhofen am Bodensee plante und bepflanzte Hermann Hesse seinen ersten eigenen Garten - und verwirklichte sich den Traum vom Leben auf dem Land. Die Biologin Eva Eberwein hat ihm zu neuer Blüte verholfen.

          Als das 20. Jahrhundert noch jung war, der Dampf immer dichter aus den Schornsteinen rauchte, die Städte enger und elender wurden und in vielen Tellern Tütensuppe mit Maggifix landete, wurde der junge Hermann Hesse der Metropole überdrüssig. Er beschloss, mit seiner zukünftigen Frau Maria Bernoulli von Basel aufs Land zu ziehen. Es war die Zeit der Künstlerkolonien und genossenschaftlichen Gartenstädte, die mit ihrem naturnahen Lebensstil der Industrialisierung und Entfremdung etwas entgegensetzen wollten. Am Einfachen, Nützlichen, Zweckmäßigen wollten Künstler und Intellektuelle sich orientieren.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Auch Hesse und seine Frau träumten von einem autarken Leben auf dem Land. Und fanden im baden-württembergischen Dorf Gaienhofen, am schmalen Untersee des Bodensees gelegen, das Schweizer Ufer in Blickweite, den geeigneten Platz. Erst mieteten sie im Sommer 1904 ein altes Bauernhaus im Ortskern, ohne Strom und fließendes Wasser. Drei Jahre später kaufte Hesse für die Familie, Sohn Bruno war gerade geboren, ein Stück Ackerland mit Garten, das abgeschieden vom Dorf an einem sanften Hügel lag - 1600 Quadratmeter für 480 Reichsmark. Hier bauten die neuen Grundbesitzer ein großzügiges Haus im Schweizer Reformstil, zur damaligen Zeit so modern, dass es 1909 in der „Architektonischen Rundschau“ Erwähnung fand.

          Die Liebe zur Gartenarbeit

          Viel mehr als das Haus, das Hesses Frau Maria ausgesucht und ihre Eltern maßgeblich finanziert hatten, lag Hesse aber der Garten am Herzen, sein erster und wohl der einzige, den er selbst geplant und gestaltet hat. Mit den Händen in der Erde graben, an der frischen Luft arbeiten und die Familie mit der eigenen Ernte versorgen - zumindest anfangs war das für Hesse eine willkommene Abwechslung zur sitzenden Tätigkeit des Schriftstellers. Doch nicht der Zierde sollte der Garten dienen, er sollte ein Nutzgarten sein, nach dem Vorbild der bäuerlichen Gärten in der Umgebung.

          Im Winter 1907/08 hielt er in einem Gartenplan genau fest, was schon dort war und was noch hinzukommen sollte. Ein Birnbaum stand auf dem Gelände, das Haus bauten die Besitzer daneben. Wie ein Hausbaum stand er westlich schräg vor der Eingangstür, als sei es schon immer so gewesen. Im Sommer hielt der Schatten der Baumkrone Küche und Speisekammer kühl. Auf der Nordseite des Hauses erstreckte sich der größere Teil des Gartens, von Hesse „oberer Garten“ genannt, südlich des Gebäudes lag eine kleinere Fläche. Im Frühjahr 1908 begann Hesse, sein Land zu bewirtschaften, bepflanzte die Beete, setzte Bäume, legte einen Beerengarten, Wasserstellen, Wege und einen Kiesplatz an. Auf dem Kiesplatz, direkt hinter der nördlichen Seite des Hauses, setzte er im Zickzack fünf Kastanienbäume, mit denen er Kindheitserinnerungen an seine Heimatstadt Calw verband und die neugierige Blicke der Dorfbewohner abhielten. Von hier aus führte ein Weg weiter nördlich durch bunte Blumenbeete, hohe Stauden und üppige Gemüsebeete. Dahinter lag ein Holzschuppen und weiter nördlich ein kleiner Platz, wild bepflanzt mit Sträuchern, einem Flieder und ein paar Wildrosen. Auf dieser Fläche, die besonders reichhaltige Erde besaß, legte Hesse auch einen Komposthaufen an.

          Ideal war die nördliche Ausrichtung des Nutzgartens nicht, doch halfen Hesse die Lage am stets besonnten Hang und der fruchtbare Boden, der sehr kalk- und mineralstoffhaltig war. Außerdem schaute sich der Gartennovize, gerade 31 Jahre alt, viel bei den Bauern in der Nachbarschaft ab, um seine Beete fruchtbar zu halten. Skeptisch gegenüber industriell hergestelltem Mineraldünger, verteilte er Gülle aus der Grube auf den Beeten und reicherte die Erde mit verschiedenen Aschen an - zu diesem Zweck brannte in Hesses Gärten meistens ein kleines Feuer. Später nahm er bei den Besuchen seines Freundes Ludwig Finckh gern den Kot seiner zwei Esel mit, um ihn dem Kompost beizumengen. Im Verwerten von Gebrauchtem hätte der Dichter heutigen Upcyclern Konkurrenz gemacht: Weil Pflastersteine und Asphalt teuer waren und er nichts anderes zur Hand hatte, befestigte Hesse den Hauptweg seines Gartens mit alten Gartenzeitschriften und überflüssigen Büchern, die er als Rezensionsexemplare von Verlagen zugeschickt bekam.

          Früher waren die Wege mit Büchern befestigt, heute sind sie es mit Steinen.
          Früher waren die Wege mit Büchern befestigt, heute sind sie es mit Steinen. : Bild: Ferdinand Graf Luckner

          Pflanzlich und literarisch fruchtbare Zeit

          Später, im November 1908, kaufte er eine weitere Fläche hinzu, den sogenannten „unteren Garten“, der im Osten an das Gelände anschloss - zunächst um die Sichtachse auf den See freizuhalten. Hier pflanzte er über 30 Obstbäume, Apfel, Quitten, Birnen, Mirabellen, Zwetschgen und einen Nussbaum. Das gesamte Gelände umfasste der Schriftsteller mit einem improvisierten Zaun aus Holzpflöcken und pflanzte rundherum Setzlinge für eine Hainbuchenhecke - ein Zeichen, dass er wohl länger bleiben wollte, hätte es doch zehn Jahre gedauert, bis die Hecke groß und dicht gewesen wäre. Spätere Besitzer ließen die Hecke wachsen, die das Gelände hufeisenförmig umschließt. Auch dabei hatte Hesse sich etwas gedacht: Im halbrunden Schirm der Hecke blieb der Boden geschützt und einige Grad wärmer als außerhalb des Bogens, so dass Obst und Gemüse besonders prächtig gediehen. Im Süden und Osten sparrte er die Hecke aus, damit kein Schatten auf seine Blumenbeete fiel.

          Doch Hesse blieb nicht lang genug, um die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Nur fünf Jahre hielt der Freigeist es hier aus, bis es ihn weiterzog. Zwar war es auch literarisch eine fruchtbare Zeit: Hesse veröffentlichte 25 große Erzählungen, einige Gedichtbände und die Romane „Unterm Rad“ und „Gertrud“. Doch die bürgerliche Existenz mit Haus, Garten und Familie, arm an neuen Anregungen, begann ihn zu langweilen, die Gartenarbeit wurde ihm zunehmend zur Last: „Gaienhofen hatte sich erschöpft.“ Im September 1911 brach er zu einer Reise nach Ceylon und Indonesien auf - und vernachlässigte zunehmend seinen Garten. Kurz zuvor ließ er noch eine Laube mit nur einem Sitzplatz am äußersten Rand seines Grundstücks bauen, ein Vorbote von Distanz und Trennung. Nach seiner Rückkehr zog er mit der Familie nach Bern, einige Knollen im Gepäck - doch auch der Ortswechsel sollte Hesse und seiner Frau kein Glück bringen. Das Grundstück samt Garten verkaufte er im September 1912 an Clara Auffermann, eine Gärtnerin aus Hameln, in der Hoffnung, es möge bei ihr in guten Händen sein.

          Dichter Hesse bei der Gartenarbeit, Sohn Bruno hilft mit.
          Dichter Hesse bei der Gartenarbeit, Sohn Bruno hilft mit. : Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbac

          Viele Jahre später ist der Garten heute in den Händen von Eva Eberwein. Die Biologin kennt Hesses Haus und Garten aus Kindertagen. Fast jeden Sommer verbrachte sie damals bei ihrer Tante in Gaienhofen. Als das Grundstück 2003 zum Verkauf stand und schon mit Doppelhäusern überbaut werden sollte, schlug Eberwein zu. Sie kündigte ihren Job, sanierte mit ihrem Mann das Haus und nahm sich des verwilderten Gartens an. Nach den alten Bauplänen von Hesse suchte sie die Erde in seinem Sinne zu bepflanzen und den Garten zu rekonstruieren. Darüber hat sie jetzt ein Buch geschrieben, das kommende Woche erscheint.* Eberwein schildert darin schön und anschaulich, wie sie sich dem ursprünglichen Dichter-Garten mit genauer Beobachtungsgabe, historischer Kenntnis, Studium von Hesses Texten und viel Einfühlungsvermögen angenähert und ihm so zu neuer Blüte verholfen hat - auch wenn der ein oder andere persönliche oder allgemeine Exkurs vielleicht verzichtbar gewesen wäre. Heute steht der Garten sogar im Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg. Eberwein ging es aber nicht darum, alles zwanghaft in den damaligen Zustand zu versetzen, sondern mit dem zu arbeiten, was sich entwickelt hatte, was vorhanden war.

          Führungen durch den Dichtergarten

          Von Ostern bis Mitte Oktober führt die Autorin auf Anmeldung Gäste durch den Dichtergarten, etwa ein bis zwei Führungen gibt es pro Monat. Den Besuchern bietet sich ein neues Bild: Heute steht nur noch eine alte Kastanie auf dem Kiesplatz nördlich des Hauses, umgeben von vier neu gepflanzten Kastaniensetzlingen. Wo früher Blumen und Gemüse wuchsen, hat Eberwein heute einen Schattengarten angelegt, weil hohe, in den vergangenen 100 Jahren gewachsene Eichen und Buchen den Platz dunkel und eng gemacht haben. Im Frühjahr blühen hier wilde Zwiebelblumen unter den Bäumen, im Sommer wachsen grüne Staudendecken. Um an den ursprünglichen Garten zu erinnern, ordnete Eberwein die Pflanzen wie in einem Gemüsebeet rechts und links des alten Mittelweges an, etwa Küchenschellen, Diptam, Glockenblumen, Salomonssiegel, Farne und den Seidelbast, ein Gehölz, das im Frühjahr violette, duftende Blüten trägt. Gen Süden erinnert ein Kräuterbeet an die Gärtnerin Clara Auffermann und ihre Heilpflanzen, mit Engelwurz, Eibisch, Schwalbenwurz und Fingerhut. Außerdem hat Eberwein hier ein Gemüsebeet angelegt und 2009 eine Orangerie gebaut. Von einem Freisitz aus, den es auch zu Hesses Zeit schon gab, kann der Besucher über den Kräutergarten, den Untersee bis hin zum Schweizer Ufer blicken.

          Als Garten mit mehreren Hütern nach Hesse sei die Anlage, wie so viele Künstlergärten, längst nicht mehr allein Hesses Garten, sondern ein mehr oder weniger gelungenes Bild davon, schreibt Eberwein. Der Garten ist flüchtig, lebendig, so die Biologin, selbst wenn er das Andenken des Dichters bewahren soll. Hesse würde ihr da wohl nur beipflichten.

          * „Der Garten von Hermann Hesse“ von Eva Eberwein, DVA, München 2016.

          „Es ist ja etwas von (...) Schöpferübermut beim Gartenbau, man kann ein Stück Erde nach seinem Kopf und Willen gestalten.“ Hermann Hesse: Im Garten, 1908 „...und es geht nicht lange, so steigen aus dem trüben Schutt und Tod von neuem Keime und Sprossen.“ Hermann Hesse: Im Garten, 1908

          Quelle: F.A.S.

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