http://www.faz.net/-hrx-9034i

Helgoland : Hummerfischer vom Aussterben bedroht

  • -Aktualisiert am

„Klar, das ist Käpt’n Iglo“: Detlef Nitze auf See. Bild: Tadday, Lilo

Hummer werden in Deutschland nur vor Helgoland gefangen. Der Genuss der Delikatesse hat jedoch seinen Preis. Der Bestand der Krebstiere ist akut gefährdet – und auch Helgolands Hummerfischer kämpfen ums Überleben.

          Frühmorgens, wenn die roten Klippen langsam erst wieder Farbe bekommen, wollte uns Iglo nicht mitnehmen: zu gefährlich! Mit all den Seilen und den Körben an Deck, die er und Scholle aus bis zu 20 Metern Tiefe hochholen. Womöglich dazu lange, glitschige Streifen Seetang, auf denen die Fotografin und die Reporterin ausrutschen und über Bord gehen könnten. 86 rechteckige Käfigkörbe mit Metallrahmen und Netzbespannung leeren sie bei jeder Fahrt, das muss schnell gehen: Hummer von hinten packen, die breiten Scheren vorne mit Kabelbinder fesseln, ab in die Kiste. Das alles in einem offenen Boot, das auf den Nordseewellen schaukelt.

          Vielleicht wollte er uns auch nur den Anblick ersparen, wie sie die gefangenen Taschenkrebse noch an Deck töten, ihre Körper zurück ins Meer werfen („fressen die Fische“), die abgedrehten Sceren in riesigen Plastikkörben sammeln. Vier davon, bis oben hin gefüllt, landen sie an diesem Morgen im Binnenhafen an, dazu nur ein paar Hummer. Das ist seit Jahren das Beute-Schema: viel Taschenkrebs, wenig Hummer. Homarus gammarus, der Europäische Hummer, steht auf der Roten Liste, sein Bestand ist aber nur gefährdet. Auch im einzigen deutschen Fanggebiet rund um Helgoland. Vom Aussterben bedroht sind hingegen die, die ihm hier nachstellen. Die letzten Hummerfischer auf der Insel, es sind nicht mal mehr eine Handvoll. Mit ihnen wird ihr Beruf verschwinden wie der des Fischbeinausreißers und des Wasserstiefelmachers.

          Hält Kurs: Detlef Nitze ist einer der letzten Hummerfischer.
          Hält Kurs: Detlef Nitze ist einer der letzten Hummerfischer. : Bild: Tadday, Lilo

          Iglo heißt eigentlich Detlef Nitze. So nennt ihn aber kaum jemand auf Deutschlands einziger Hochseeinsel, seit eine Besucherin vor Jahren miterlebte, wie der große, kräftige, bärtige Mann mit bloßen Händen beim Fischen mit Stellnetzen ackerte: „Klar, das ist Käpt'n Iglo“, soll sie gerufen haben – und Nitze hatte einen neuen Namen. Weil sein Mitarbeiter Andreas Schulz als Kind auf Sylt Schollen mit dem Dreizack fing, wird der Mann mit dem grauen Zopf „Scholle“ gerufen, so steht es auch in schwarzer Blockschrift auf dem Brustlatz seiner knallorangefarbenen Fischerhose. Acht Jahre schon fahren die beiden gemeinsam zur See, beliefern aus Nitzes „Werkstatt“ im kleinen Industriegebiet am Hafen die örtlichen Restaurants mit Hummern und den Scheren des Taschenkrebses, die im Helgoländer Friesisch, dem Halunder, „Knieper“ genannt werden.

          Beliebtes Fingerfood für Einheimische und Touristen

          Von Mitte April bis Anfang Oktober ist es das liebste Fingerfood der 1500 Einheimischen, der rund 3000 Urlauber und der bis zu 3000 Tagesgäste, die von Hamburg, Cuxhaven, Büsum, Bremerhaven und Sylt für drei, vier Stunden herbeischippern. Ein Wirt belegt sogar Pizza mit Knieperstückchen. „Die hohe Nachfrage können wir mit Ach und Krach bedienen“, sagt Iglo. Das Fleisch der braun-schwarzen Scheren kann für viele geschmacklich mit dem des Hummers mithalten.

          Es muss schnell gehen: 86 rechteckige Käfigkörbe mit Metallrahmen und Netzbespannung leeren die Fischer bei jeder Fahrt.
          Es muss schnell gehen: 86 rechteckige Käfigkörbe mit Metallrahmen und Netzbespannung leeren die Fischer bei jeder Fahrt. : Bild: Tadday, Lilo

          Auch deshalb dümpelt der Hummer, obwohl selbst ein Großkrebs und sogar eine Delikatesse, in den kostspieligen Gefilden der Speisekarte. Mit rund 200 Euro für ein ganzes 1,5-Kilogramm-Tier, eine Portion für zwei, ist er den meisten aber vor allem zu teuer. Entsprechend wenig Order gehen dafür bei Iglo ein. Er selbst verkauft die Hummer zum Großhandelspreis von gut 30 Euro das Kilo. Auch direkt an Touristen, die ihn sich in der Ferienwohnung selbst zubereiten. Oder wie neulich diesen Viereinhalb-Kilo-Kerl, „der passte kaum in die Kiste an Bord“, direkt beim Anlegen an einen Helgoländer, „der bevorzugt die großen“. Den Zahlen nach ist Nitze ein Knieperfischer, aber sein Herz, das gehört dem Hummer.

          Weitere Themen

          Quiksilver-Chef nach Angelausflug verschollen Video-Seite öffnen

          Pierre Agnes : Quiksilver-Chef nach Angelausflug verschollen

          Der Chef der Modemarke Quiksilver, Pierre Agnes, wird nach einem Bootsunfall vor der südfranzösischen Atlantikküste vermisst. Agnes war am frühen Dienstagmorgen zum Angeln in den Golf von Biskaya hinausgefahren. Etwas später verständigte er die Hafenbehörde, dass dichter Nebel seine Rückkehr verzögern werde.

          Ohne ist das neue mit Video-Seite öffnen

          Alkoholfreie Drinks : Ohne ist das neue mit

          Als Menübegleitung muss es nicht immer Wein und Wasser sein: eine neue Generation von Drinks aus Kräutern, Hölzern und Früchten bietet raffinierte Geschmackserlebnisse ganz ohne Alkohol.

          Topmeldungen

          Start der Groko-Abstimmung : Die neue Zuversicht der SPD

          Ganz Europa wartet auf die Entscheidung der SPD-Basis über eine weitere Koalition mit der Union. Trotz Widerstands aus den eigenen Reihen glaubt die Parteispitze fest an ein „Ja“ zur geplanten Regierung. Scharfe Worte kommen derweil aus der Union.
          Folgt bei Siemens bald wieder mehr Licht auf den zuletzt größer werdenden Schatten?

          Verhandlung mit Diktatur : Neuer Großauftrag für Siemens aus Thailand?

          Weil die Qualität der Konkurrenz aus China nicht überzeugend ist, könnte der Siemens-Konzern stark vom Bau eines Flughafens in Indonesien profitieren. Doch die dortige Regierung verhandelt noch mit einem weiteren Unternehmen aus Europa.
          Ein Marine besteigt mit dem „Football“ den Präsidentenhubschrauber.

          Besuch in China : Gerangel um Trumps Atomkoffer in Peking

          Beim Besuch in der Großen Halle in Peking wollte ein chinesischer Wachmann den amerikanischen Offizier mit den Nuklearcodes nicht einlassen. Deshalb machte er schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Secret Service.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.