http://www.faz.net/-hrx-8vqto

Eine Historie des Bads : Wanne im Wandel

Früher war das Bad nicht privat: Im Wasser wurde angebändelt und Politik gemacht. Mit dem aufkommenden Christentum kehrte die Prüderie zurück. Geben wir unsere Intimität jetzt wieder auf?

          Es gibt einen kleinen, stillen Ort, an dem das Private noch Raum hat. Man schließt die Tür ab, ohne dass jemand es merkwürdig fände. Hierhin entschuldigt sich der Partygast höflich, wenn der Gesprächspartner ihn allzu langweilt, oder flüchtet die Büroangestellte, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen, ohne dass die Kollegen es bemerken. Einfach mal kurz allein sein, tief durchatmen und intimen Gedanken nachhängen, das geht oft nur im Bad.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Nasszelle schafft auf wenig Quadratmetern eine Intimsphäre für Körper und Seele. Diese kulturelle Errungenschaft ist jedoch jung. Das Bad als Rückzugsort, wie wir es kennen, gehört nur seit etwa einem halben Jahrhundert zur deutschen Standardwohnung. Viele Jahrtausende lang war Baden ein öffentliches Ritual, Badehäuser galten nicht nur als Ort der Körperpflege, sondern auch als gesellschaftlicher Treffpunkt. Menschen entblößten sich beim Baden voreinander, lagen an beheizten Orten gemeinsam im warmen Wasser – und schämten sich gar nicht dafür.

          Den frühesten Kulturen war das Bad bekannt: So gab es im mesopotamischen Mari in den Privaträumen der Herrscherin schon 2000 vor Christus ein Badezimmer mit Ofen zum Erwärmen von Wasser, zwei kleine, halb in den Boden eingelassene Badewannen aus Ton sowie eine Art Dusche. Im antiken Griechenland betrieb man kleine öffentliche Badeanlagen, die beheizbar und mit Sitzwannen, offenen Becken und Schwitzbädern ausgestattet waren. Die Römer bauten prunkvolle Thermen im XXL-Format, in denen bis zu 1000 Personen Platz fanden, mit Bibliotheken, Läden und Friseuren, Faustballplätzen und Bordellen. Warmluftheizungen, die Hypokausten, in Ziegelböden und Wänden sorgten für angenehme Temperaturen. Das Baden war Bestandteil des öffentlichen Lebens, hier wurden Geschäfte und Politik gemacht.

          Christen wollen es lieber sittlich

          Nach dem Untergang des Römischen Reiches ging es mit dem öffentlichen Badewesen bergab – auch weil der christlichen Kirche die antike Badekultur ob ihrer Freizügigkeit nicht behagte. Erst im Mittelalter erlebten die Badestuben ein Comeback, allerdings als halbseidene Vergnügungsstätten: Hier wurde gegessen, getrunken, musiziert, vom Bader Blutegel gesetzt und kleine chirurgische Eingriffe durchgeführt; es wurde dem Glücksspiel und amourösen Tändeleien gefrönt. Grund genug für die Kirche, das gemeinsame Baden von Männern und Frauen im 15. Jahrhundert zu verbieten. Hinzu kamen Pest und Seuchen, die sich ab dem 14. Jahrhundert in den mittelalterlichen Städten verbreiteten.

          Fast alle Badestuben wurden geschlossen, wegen zu großer Ansteckungsgefahr. Das warme Baden geriet in Verruf: Man nahm an, dass Wasser an sich schädlich sei, da es über die Poren in den Körper eindringe und mit ihm die Krankheiten. Deshalb rieb man sich fortan nur trocken ab, parfümierte und puderte, was Flakon und Dose hergaben. In der Zeit von Barock und Rokoko empfand man es durchaus als ausreichend, zwei Mal im Leben zu baden – mit olfaktorischen Folgen.

          Ein Bewusstseinswandel setzte erst im Zeitalter der Aufklärung Mitte des 18. Jahrhunderts ein, das ausgedehnte Baden kam in gut betuchten Kreisen in Mode. So war es für den französischen Adel unter seinesgleichen durchaus üblich, von der noch mobilen Badewanne aus Hof zu halten. Der bürgerliche Haushalt, der zwischen öffentlich und privat unterschied, entwickelte sich gerade erst. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Baden in solchen Séparées reiner Luxus. Wer sich keine eigene Wanne leisten konnte, ließ sich ab und zu eine mit heißem Wasser per Karren ins Haus liefern.

          Weitere Themen

          Kreuzzug? Von wegen

          Arte-Doku über Mahdi-Aufstand : Kreuzzug? Von wegen

          Arte zeigt eine Dokumentation über den Mahdi-Aufstand, in dem von 1881 bis 1899 Briten und Ägypter gegen den Scheich Muhammad Ahmad kämpften. Drängen sich Parallelen zum zerfallenden „Kalifat“ des IS auf?

          Warmes und sonniges Wochenende Video-Seite öffnen

          Goldener Herbst : Warmes und sonniges Wochenende

          In fast ganz Deutschland hat sich der Herbst am Samstag zum Start ins Wochenende noch einmal von seiner goldenen Seite gezeigt. Milde Temperaturen um die 20 Grad Celsius und strahlender Sonnenschein lockten zahlreiche Münchener ins Freie, in Parks oder in den nächsten Biergarten, um eine kühle Maß Bier in der Herbstsonne zu genießen.

          Größer ist nur der Petersdom

          Kathedrale in Brasilien : Größer ist nur der Petersdom

          In Brasilien ist das zweitgrößte katholische Gotteshaus der Welt gebaut worden. Bis zu 45.000 Gläubige finden darin Platz. Anteil daran haben auch drei Fischer, denen 1717 eine zerbrochene Marienstatue ins Netz ging.

          Topmeldungen

          Auch Andrea Nahles hat in der deutschen Politik schon häufig Erfahrungen mit Sexismus gemacht.

          SPD-Fraktionschefin : Nahles: Viel Sexismus in der deutschen Politik

          Sexismus in der deutschen Politik? Überall, immer wieder, sagt Andrea Nahles und beschreibt typische Situationen. Zumindest in der SPD will die neue Fraktionschefin das nun ändern. Frauen sollten Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen.
          Mitte September in München: Urteilsverkündung im Prozess gegen zwei mutmaßliche islamistische Kämpfer aus Syrien. 2017 leitete die Bundesanwaltschaft schon mehr als 900 Verfahren wegen Terrorismus ein.

          Bundesanwaltschaft : 2017 schon mehr als 900 Terror-Verfahren

          Die Zahl der Terrorismus-Verfahren in Deutschland nimmt deutlich zu. Das geht einem Bericht zufolge aus den aktuellen Zahlen der Bundesanwaltschaft hervor. Der rapide Anstieg stellt die Behörde vor große Probleme.

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont bezeichnet Madrids Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens als „schlimmste Attacke“ gegen die Region seit der Franco-Diktatur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.