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Piet Oudolf : Der Meister der Stauden

  • -Aktualisiert am

Piet Oudolf setzt auf eine „visuelle Ökologie“. Bild: Ulrike Romeis

Piet Oudolf zählt zu den berühmtesten Gartendesignern der Welt. Touristenmagnete wie der Highline Park in New York tragen seine Handschrift. Am besten versteht man den naturalistischen Stil des Niederländers in dessen Privatgarten in Hummelo.

          Von der Straße aus sind vor allem Hecken zu sehen und eine schmale, lange Auffahrt. Kurz vor dem weit zurückgesetzten Wohnhaus jedoch öffnet sich der Blick plötzlich nach rechts auf eine Rasenfläche. Unter alten Bäumen führt ein Weg diagonal auf ein Rondell mit Chinaschilf zu. Gegenüber sind Buchen zu einem schnurgerade gestutzten Laubengang zusammengewachsen. Unweigerlich angezogen wird der Blick von einer überbordenden Pflanzenfülle, die dahinter sichtbar wird: Im vorderen, zur Straße gelegenen Teil des Gartens führen gepflasterte Wege durch Beete voller Stauden und Gräser, die kaum aussehen, als wären sie von Menschenhand gepflanzt. Dicht eingewachsen sind die Pflanzen, wie in der Natur, selbst im Winter gibt es kaum Lücken. Zwischen mannshohen Skeletten von Doldenpflanzen stehen Büschel gelben Laubes und unzählige braune Samenstände. Tautropfen hängen an den feinen Wedeln von Gräsern. An manchen Tagen überzieht Rauhreif die Pflanzen und verleiht dem Garten beinahe magischen Charme. Keine Frage: Dies ist der Garten von Piet Oudolf.

          Der Niederländer ist international bekannt durch seine naturalistische Gestaltung mit Stauden, vor allem Präriestauden wie Sonnenhut und Wasserdost. In Wisley, dem Hauptgarten der britischen Gartengesellschaft in der Nähe von London, legte Oudolf Rabatten an - eine Ehre, die nur den angesehensten Designern zuteilwird. In den Vereinigten Staaten plante er den Chicagoer Lurie Garden, in New York gab er der Highline, einer stillgelegten Hochbahntrasse, ein grünes Gewand. Auch in Deutschland gibt es Oudolf-Gärten: Im Maximilianpark in Hamm hat er Flächen gestaltet, auch in Bad Driburg und im Bernepark Bottrop. Der Designer, der kürzlich 70 geworden ist, gilt als Mitbegründer des „Dutch Wave“, einer Strömung im internationalen „New Perennial Movement“, das die Pflanzen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und Ästhetik aus der Natur ableitet.

          Silberkerze und Distel sind nach dem Sommer erst richtig schön
          Silberkerze und Distel sind nach dem Sommer erst richtig schön : Bild: Ulrike Romeis

          Doch so sehr sein Garten hier in Hummelo, etwa 30 Kilometer westlich von Arnheim, an eine Wildnis erinnert - an eine Wildnis wohlgemerkt, die durch die strengen Hecken im Zaum gehalten wird -, so wenig hat er doch mit Natur zu tun. „Ich setze Pflanzen zusammen, die sich zusammen wohl fühlen“, sagt Oudolf. „Aber es ist eine eher visuelle Ökologie, die von der Ästhetik ausgeht.“

          Sein Garten braucht Pflege, um so auszusehen, als wäre er natürlich entstanden. Zwar haben sich die Pflanzen längst etabliert, doch Oudolf editiert: Beim Rundgang streift er hier ein paar Samenkerne in die hohle Hand, lässt sie dort ins Beet rieseln. „Wir haben gerade ein Mäuseproblem“, erzählt er. Sie kommen vom Feld, fressen Saat und knabbern an den Pflanzen. Sie bringen das Bild durcheinander, in das sich Besucher angesichts der Fülle erst einmal einsehen müssen, dessen Details Oudolf jedoch stets im Blick hat.

          Plötzlich galoppieren Kühe auf Augenhöhe vorbei

          Der Garten zieht sich um das Haus, ein Bauernhaus aus den 1850er Jahren, hinter dem bis vor vier Jahren die Gärtnerei der Oudolfs lag. Heute steht dort, am anderen Ende des Grundstücks, Oudolfs Studio, ein modernes Gebäude mit großen Fenstern. Aus ihnen blickt man nicht nur auf die noch erhaltenen Mutterbeete der „Kwekerij“, die viele Pflanzenschätze bergen, sondern auch auf eine benachbarte Weide. Plötzlich galoppieren Kühe auf Augenhöhe vorbei - ein kleines Schauspiel, das Oudolf auch nach Jahren noch fasziniert verfolgt. Im Studio stehen ein großer Arbeitstisch, Rechner, aber auch eine Sammlung farbenfroher Objekte, Comicfiguren. Sie wollen nicht recht zum Bild des ernsten, zurückhaltenden Designers passen, der so naturnah wirkende Gärten schafft. „Spielzeug“, sagt Oudolf, gerne lasse er sich von moderner Kunst inspirieren. Anja Oudolf bringt ein Thermoskännchen mit Kaffee und einen Teller Gebäck, später noch eine Gemüsesuppe - kein Besucher darf hungrig das Haus verlassen.

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