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Gärtnerin über Tomaten : „Wenn man sie richtig behandelt, sind sie überhaupt nicht untreu“

Tomatensorten von Gisela Ewe: Darunterr Fuzzy Wuzzy (rechts unten), Red Currant (ganz unten) und Yellow Ruffled (links unten) Bild: privat

Gisela Ewe hat in ihrem Garten 600 Tomatensorten: runde, kleine, große, dicke, dünne, lange. Ein Interview über geschmacklose Holländer, Fuzzy Wuzzy und Aussaat-Geheimnisse.

          Guten Tag, bin ich richtig bei Tomatenkönigin Gisela?

          Ja, aber bitte nicht übertreiben. Ich bin eine Tomateninteressierte. Ich liebe Tomaten, runde, kleine, große, dicke, dünne, lange, Minitomaten, Riesentomaten und in all den verschiedenen Farben.

          Wie kamen Sie zu dem royalen Titel?

          Das hat mal eine Zeitung geschrieben, aber das ist natürlich Quatsch.

          Die Bürger Ihrer Heimatstadt Aschersleben hießen schon im Mittelalter Möhrenköppe.

          Aschersleben liegt im Regenschatten des Harzes und hat dadurch ein trockenes, warmes Klima. Da konnte man sehr gut Samenanbau betreiben. Historiker sagen: Die Ascherslebener haben die Möhren nicht im ersten Jahr aufgegessen, sie waren schlauer. Sie haben die Samen gesammelt. Und die haben Aschersleben Reichtum gebracht.

          Und wie kamen Sie gerade auf Tomaten?

          Ich habe Agrarwissenschaften in Halle studiert. Da lag es nahe, im Großmarkt mal zu gucken: Was gibt’s für Tomaten? Und ich habe festgestellt: Es gibt nur drei, vier, fünf Sorten. Das fand ich ein bisschen dürftig.

          Leuchten die Tomaten im Supermarkt nicht besonders schön rot?

          Früher hat man ja gesagt: Den Holländern ist es gelungen, rotes Wasser in Tomatenform zu pressen. Weil die Tomaten sich gut halten müssen, bei der Ernte, im Großmarkt und so weiter, haben die gar keinen Wert mehr auf die Inhaltsstoffe gelegt, sondern nur noch aufs Äußere. Inzwischen haben die Züchter aber gemerkt, dass sie wieder mehr Geschmack in die Tomaten hinein züchten müssen.

          Gärtnerin Gisela Ewe
          Gärtnerin Gisela Ewe : Bild: privat

          Wie viele Sorten haben Sie in Ihrem Tomatengarten?

          Im ersten Jahr hatte ich 56. Da meldete sich der MDR aus Leipzig und berichtete, dass es hier so viele Tomaten gibt. Das fanden die viel! Ich habe in dem Interview gesagt: Nächstes Jahr mache ich 100. Aber wo sollte ich die alle hinstellen? Zum Glück hat mir der Regionalverband der Kleingärtner einen leerstehenden Kleingarten zur Verfügung gestellt. Da kann ich mich austoben. Inzwischen haben wir 600 Sorten.

          Woher bekommen Sie die Samen?

          Begonnen haben wir mit 200 Sorten vom Institut für Genetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben. Seitdem sammeln wir, was wir bekommen. Meine Hausärztin – sie kommt aus der Ukraine – hat mir fünf Sorten aus ihrer Heimat mitgebracht. Es melden sich auch Leute bei mir, die ich vorher noch nie gesehen habe, und bringen mir Samen von ihren Reisen vorbei. Einmal war ich in einer Gaststätte, die hatten wunderbare Tomätchen auf dem Essen, klein, eierförmig, Typ Romatomaten. Da hab’ ich mir den Samen rausgekratzt, die Tomate aufgegessen, den Samen ausgesät. Und weil die Gaststätte Astroklause hieß, heißt die bei uns jetzt Astrotomate.

          Sprichwörtlich gelten Tomaten ja als treulos.

          Eigentlich sind sie überhaupt nicht treulos. Wenn Sie die richtig behandeln, dann sind sie auch sehr willig.

          Wie weit sind Sie mit der diesjährigen Ansaat?

          Wenn Sie den Samen in die Erde legen, guckt zuerst ein Bogen raus. So weit sind wir schon.

          Wer jetzt noch aussäen will – auf was sollte der achten?

          Auf unkrautfreie, ungedüngte Aussaaterde. Das Substrat gut feucht halten, aber nicht zu nass. Und natürlich eine entsprechende Bodentemperatur. Draußen oder in einem Gewächshaus ungeheizt auf der Erde, das würde nicht gehen. Ich stelle meine Tomaten im Wintergarten auf eine Polyurethanplatte, damit das nicht so kalt ist an den Füßen, das mögen Tomaten überhaupt nicht.

          Welche ist Ihre Lieblingssorte?

          Das ist die Fuzzy Wuzzy. Und die Nadja, eine sehr frühe Tomate. Die säe ich nicht nur einmal aus, sondern ein zweites Mal im Mai. Dann habe ich mindestens bis Oktober frische Tomaten.

          Welche Sorte hat die dicksten Tomaten?

          Die Ananastomate, die kann ein Kilo werden das Stück.

          Haben Sie auch einen Tipp für Großstädter mit Balkon?

          Für Hängetöpfe eignen sich Buschtomaten wie Rotkäppchen, Balkonia Yellow, Balkonia Red. Und eine hübsche Minitomate ist die Red Currant, also Rote Johannisbeere. Wenn Sie die aufs Essen legen, können Sie Ihre Leute erschrecken und sagen: Wir haben hier Johannisbeeren, die schmecken wie Tomaten.

          Kümmern Sie sich eigentlich allein um all Ihre Pflanzen?

          Nein. Ich werde bald 71. Und ich leide unter multipler Sklerose. Manchmal kann ich gar nicht mehr laufen. Darum habe ich mir 2013 Hilfe gesucht. Da kam Kevin Grimm, ein interessierter junger Mann, zu uns in den Tomatengarten und wollte Samen. Ich habe gesagt: Nee, ich brauche jemanden hier. Und nun wird er Tomatenprinz genannt. Außerdem haben wir Ein-Euro-Jobber, die uns bei der Aussaat und Ernte helfen.

          Was machen Sie nach der Ernte mit den Tomaten?

          Wir nehmen jeweils nur eine einzige, damit wir wieder den Samen haben. Alles andere geht an die Speisekammer für Bedürftige. Inzwischen haben wir ja auch eine Gruppe von Syrern und Menschen aus anderen Ländern hier. Die kommen gern und holen sich Tomaten.

          Quelle: F.A.Z.

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