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Florist Jean-François Boucher: Der Blumenmagier im Damenschloss

Der Blumenmagier im Damenschloss

Von CHRISTA HASSELHORST
Foto: chateau de chenonceau

24.10.2017 · Florist Jean-François Boucher verwandelt das Loire-Schloss Chenonceau in ein blütensattes Wunderland.

D er „Salon Ludwig XIV.“ gehört zu den prunkvollsten im Schloss Chenonceau. Bordeauxrote Stoffe an den Wänden, ein raumhoher Renaissance-Kamin, kostbare Gemälde in breiten verzierten Goldrahmen, mit Aubousson-Gobelins bezogenes Mobiliar. Unter einem Rubens-Gemälde steht ein Konsolentisch des berühmten Kunsttischlers André- Charles Boulle. Pracht konkurriert mit Kunst. Und dann ist da dieser hinreißende frische Blumenschmuck, der auf dem Konsolentisch – Rubens und Boulle zum Trotz – den Besucher bannt: sechs schlichte Glasschalen, gefüllt mit je einer Pfingstrose in hauchzartem Rosé, einer Hortensie in kraftvollem Pink, einer Rispe weißem Wollziest und einer Dolde Engelwurz in Resedagrün. Perfekte kleine Kunstwerke, Blütenträume, irgendwie barock und doch trendy. Typisch für Jean-François Boucher, den gefeierten Floristen von Chenonceau.

Jean-Francois Boucher, Florist des Schlosses Foto: chateau de chenonceau

„Wir sind das einzige Schloss in Frankreich mit einem eigenen Floristen“, sagt stolz Caroline Darrasse, Pressefrau des Schlosses. Es gehört zu den beliebtesten und meistbesuchten Schlössern an der Loire, immerhin reihen sich über dreihundert Prachtbauten wie eine Perlenkette entlang des Flusses. Chenonceau ist sicher eines der romantischsten, sowohl mit Blick auf die Gestaltung als auch auf die Geschichte. Berühmt wurde es als „Damenschloss“, denn drei starke Frauen – Louise von Lothringen, Katharina von Medici und ihre Nebenbuhlerin Diana von Poitiers – prägten mit ihren tragischen Biographien im 15. und 16. Jahrhundert auch seine Geschichte. Chenonceau ist ein kleines Schloss, idyllisch am Fluss Cher gelegen, mit barocken Gärten und exquisiter Ausstattung.

Jeder Raum, jedes Gemach, jedes Vestibül erhält von Florist Boucher ein eigenes Bukett, speziell abgestimmt auf die Atmosphäre, das Licht, die Farben, das Interieur – und manchmal auch auf die Historie der Bewohnerinnen. Der faszinierendste Raum ist im zweiten Stock das Schlafzimmer der Louise von Lothringen, die sich nach der Ermordung ihres Gatten 1589 hierhin zurückzog. Nach königlicher Etikette kleidete sich die Witwe nur in weiße Trauerkleidung. Ihr Gemach aber ist bis auf den roten Ziegelfußboden in Schwarz gehalten, die bemalte Decke mit vielen Trauersymbolen verziert, Federn (für Schmerz) und Dornenkränze. Boucher unterstreicht mit sublimen floralen Gebilden die von Trauer umflorte Magie dieses Ortes, mit schwarzen oder weißen Callas, Rosen, Orchideen und Hortensien in Weiß, sanft ergänzt durch zartgrünen Dill.

Foto: chateau de chenonceau
Foto: chateau de chenonceau

Das grüne Kabinett, Arbeitszimmer von Katharina von Medici, wird beherrscht durch eine kostbare große Brüsseler Tapisserie aus dem 15. Jahrhundert, ein blaugrundiertes Meisterwerk mit exotischen Motiven in Pastelltönen. Hier reagiert der Florist mit Arrangements, die mit den Farben des Wandteppichs, aber auch mit dem einfallenden Licht korrespondieren. Dahinter ist Katharinas Arbeitszimmer, ein intimes Kabinett mit Blick auf den Fluss. Auf einem schlichten Holztisch steht eine ovale rustikale Keramikschale, aus prallen Hortensienbällen in kräftigem Pink kringeln sich in gleicher Farbe bizarre Stengel empor, an denen jadegrüne kleine Triebe abstehen. Rätselhaft, was ist das? Boucher lacht triumphierend über die gelungene Überraschung: „Das ist ,geschossener‘ Mangold.“ Das nicht geerntete Gemüse hat Blüten mit Samenständen gebildet. Dafür muss man ein Auge haben – der Meister hat’s. Ebenso wie das virtuose Händchen, auch grandiose Blumen-Stillleben Alter Meister sinnlich in die Gegenwart zu übertragen.

Boucher verwandelt Profanes in Poetisches, weil er noch im Unscheinbarsten das Besondere entdeckt. Nichts ist für ihn unwert, in den ungewöhnlichsten, oft nicht geschätzten Pflanzen erkennt er Schönheit oder Originalität. Während ordnungsliebende Gärtner die einstige Zierpflanze Kermesbeere längst als Unkraut ausrupfen, lässt er sie gedeihen. Erntet im Sommer die langen leuchtend pink-violetten Stengel mit den ausgefallenen Fruchtständen voll schwarzer Beeren, entfernt die großen Blätter – und schon ist ein Strauß exotisch verwandelt.

Foto: chateau de chenonceau

Virtuose Akrobatik zwischen Klassik und Avantgarde. Seine Kreationen sind lebende, wenngleich sehr flüchtige Kunstwerke voller Grazie, Eleganz und Anmut, manchmal auch mit einer Prise provokanter Wildheit. Wenn hier und da vorwitzig grazile Gräserähren herauslugen, grüne Spargelspitzen neben Pfingstrosenkugeln emporsprießen, pastellfarbene Hortensienbälle mit morbiden, grindigen Ästen kombiniert werden. Das Artifizielle von Orchideen wird gemildert durch die Kombination mit Pfingstrosen, darüber ragen grazile Akeleien in Gelb und Pink.

Besucher bestaunen diese Kunstwerke, machen Fotos als Inspiration für zu Hause. Sinnlich und atemberaubend bildschön sind Bouchers Werke, ob luftig-leger wie vom Wind verweht, kunstvoll zum großen Tuff oder zur zerbrechlichen Etagere aus Blüten getürmt.Täglich inspiziert der Herr der Blumen sämtliche Räume, mindestens alle drei Tage werden die floralen Kostbarkeiten aufgefrischt oder gleich ganz erneuert.

Bei fast jedem Strauß rast er vorher schnell hin, rückt Vase oder Schale zurecht, knipst geschwind eine Blüte ab, die ihm „nicht mehr frisch genug“ erscheint, zwirbelt blitzschnell ein Blatt zurecht, biegt einen Zweig nach links, bittet fast entschuldigend um Pardon: „Wird morgen ausgewechselt!“ Wieso, sieht doch alles phantastisch aus? „Nein, nein“, widerspricht der Perfektionist, zupft an einer Dolde, damit sie mittig ist. Bei einem artistisch komponierten Gesteck dreht er sich noch einmal um, tätschelt liebevoll ätherische Grashalme, grinst, weil er sich ertappt fühlt. Dieser Florist hält garantiert heimlich flüsternd Zwiesprache mit seinen Blumen.

Foto: chateau de chenonceau

Beim Rundgang durch das Schloss bestätigt sich der erste Eindruck: Dies ist kein Beruf, sondern Bouchers Berufung, die er leidenschaftlich lebt. Vermutlich steckt es ihm auch in den Genen, schon Großmutter und Mutter waren Floristinnen. „Ich erinnere mich in meiner Kindheit an Gewächshäuser und den Geruch von Erde“, berichtet er. Boucher wusste schon sehr früh, dass auch er Blumen und die Präsentation ihrer Schönheit zu seiner Profession machen muss. Überraschend seine Vorbilder: „Die Deutschen sind tolle Floristen“, vor allem Gregor Lersch in Bad Neuenahr bewundere er seit seinen Anfängen, aber auch den belgischen Blütenmagier Daniel Ost. Zwanzig Jahre besaß Boucher ein eigenes Geschäft in der Nähe von Tours, bis dem mehrfach prämierten Floristen die Arbeit im Schloss Chenonceau angeboten wurde. „Hier wollte ich unbedingt arbeiten, mein zweites Leben begann“, strahlt er.

Die architektonische Besonderheit des Schlosses ist die 60 Meter lange und sechs Meter breite Galerie, die sich auf zwei Geschossen über den Cher erstreckt. Ein prachtvoller Ballsaal mit Steinboden im Schachbrettmuster und weißer Holzbalkendecke im ersten Stock, 18 Rundbogenfenster schenken Panoramablicke auf den trägen Fluss. Bei diesen Dimensionen muss Boucher mit XXL-Kreationen dagegenhalten: aus großen Bodenvasen und Amphoren ragen mannshohe Gestecke. Im Frühling mit fetten violetten Bällen von Zierlauch, im Sommer recken sich imposante Blütenkerzen von Ritterspornen in leuchtendem Blau oder elegantem Weiß empor.

Foto: chateau de chenonceau
Foto: chateau de chenonceau

Das Floristenatelier ist in einem historischen Nebengebäude untergebracht. Der kleine Raum quillt über von vollgestopften Regalen mit Accessoires, Werkzeug, Deko-Utensilien. Von hier ist es nicht weit zum großen Küchengarten, dem „Potager“, in dem viele seiner Blumen sprießen. Aber auch jede Menge Gemüse, das schätzt Boucher als Inspirationsquelle für seine Kreationen sehr. Er liebt die Liaison von Blumen und Gemüse, oft verblüffend vereint, immer stimmig. Der amerikanische Chefgärtner Nicholas Tomlin toleriert die Begehrlichkeiten seines Kollegen verständnisvoll, verdreht gespielt entsetzt die Augen, wenn Jean-François frühmorgens mit energischem Schritt auftaucht: „Jetzt geht er wieder shoppen in meinen Beeten!“ Große resedagrüne Blütendolden von Engelwurz, purpurviolette gekräuselte Blätter des Grünkohls ’Red Bor‘, aparte lila Blüten von Artischocke und ihre Verwandte, die stachlige Karde, silbrige Disteln, Dill, feinstgefiederter Fenchel – alles wandert in Bouchers Zauberwerkstatt und wird mit Blumen, federleichten Gräsern und knorrigen Ästen mit Moos-Patina zu phantasievollen Gebilden verwoben. Jedes Bukett ist ein Solitär von höchster Sensibilität.

Foto: chateau de chenonceau

Im Winter verwendet der Florist vor allem Amaryllis, Orchideen und Christrosen, aber auch Rosen. Zur Weihnachtszeit verwandelt er das ganze Schloss in ein märchenhaftes Winterwunderland mit prunkvoll geschmückten Christbäumen. So spektakulär, dass es Tausende von Besuchern anzieht. Weihnachten im Damenschloss – das sind Bilder, wie von einer Fee inszeniert. In diesem Falle ist sie jedoch ein Mann: der Blumenmagier Jean-François Boucher.

Die Reise wurde unterstützt von Atout France & Tourismusbüro Loiretal

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.10.2017 10:01 Uhr