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Architektur : Feng Shui am Bau

Yin und Yang - es gibt viel zwischen Himmel und Erde, was ausbalanciert werden muss. Auch Gebäude Bild: Archiv

Für die einen ist es Hokuspokus, für die anderen ein Muss: Immer mehr Bürohäuser und ganze Wohnquartiere werden nach den Regeln des Feng Shui gebaut – vor allem im konservativen München.

          Eine Pflanze macht noch keine Aura. Und ein Brunnen schafft natürlich kein völlig neues Lebensgefühl. Wenn aber das ganze Gebäude hufeisenförmig angelegt ist und sich nach Osten öffnet, wenn der Springbrunnen das Herzstück vor dem kreisförmigen Eingang bildet und die Pflanzenwelt die Besucher gleich im Inneren empfängt, dann wissen Berater: Hier hat jemand nach Feng Shui gebaut. Das passiert auch in Deutschland viel häufiger, als man denkt. Inzwischen ist ausgerechnet das konservative München so etwas wie die Hauptstadt der Feng-Shui-Bewegung geworden. Hier stehen Bürogebäude, Hotels, sogar Einkaufszentren, Spielplätze und komplette Wohnviertel, die nach den fernöstlichen Prinzipien gestaltet wurden. Immer mehr Bauträger wollen das neuerdings, sagen Berater und Architekten. Denn ganz gleich, ob die Benutzer nun zum Wohnen, Arbeiten oder Einkaufen kommen - „es verändert ihre Energie“, heißt es, und habe auch darüber hinaus so manche ungeahnte Wirkung.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Gerade bei stadtprägenden, sehr kapitalintensiven Projekten in München ist Feng Shui sehr oft mit dabei“, beobachtet Martin Schmidt-Bredow. Er ist gelernter Wirtschaftsgeograph und Feng-Shui-Berater und hat jahrelang Feng-Shui-Kurse angeboten: „Manchmal kamen ganze Bauleitertrupps in meine Kurse und fragten: Was ist das überhaupt? Wir müssen nämlich jetzt danach bauen.“

          Noch viel lieber allerdings reden die Bauträger nicht darüber. Weder zur Wirkung von Feng Shui noch zu den Beweggründen, warum sie die Prinzipien der fernöstlichen Harmonielehre umsetzen, mögen sich die meisten gern äußern. So gibt es zwei Lager in der Architekturszene: Diejenigen, die sich zum Feng Shui bekennen und die Gebäude auch mit diesem Schlagwort vermarkten. Denn mit dem Fernost-Etikett ließen sich Immobilien selbst in der Hochpreisstadt München noch besser verkaufen, sagen manche Berater hinter vorgehaltener Hand. Im Prinzip gehe es dabei also ums Geld. Und es gibt das Lager derjenigen, die zwar Feng-Shui-Prinzipien folgen, aber lieber nicht darüber reden. Denn oft fürchten die Bauherren um ihr Image.

          Jedenfalls erzählen Brancheninsider von stadtbekannten Großprojekten, für die Unternehmen international bekannte Feng-Shui-Experten anheuerten. Doch mussten sowohl die Großmeister als auch die ausführenden Architekten Geheimhaltungserklärungen unterzeichnen, dass sie nicht darüber sprechen. Nach fernöstlichen Harmonieregeln kann man hier vielleicht bauen - aber man redet nicht darüber, was sollen sonst die Leute denken?

          In Deutschland kommt Feng Shui nicht aus der Esoterik

          In Österreich oder der Schweiz, in England oder den Niederlanden lassen sich Planer und Immobilieninvestoren viel offener von den Grundsätzen dieser Gestaltungslehre leiten. Sie möbeln damit europaweit alte Hotels auf, sogar Bankfilialen, in denen sich die Besucher wieder wohl fühlen sollen. Als unbestrittene internationale Feng-Shui-Metropole gilt Hongkong, dort müssen sogar Hochhaustürme nach den Regeln der altchinesischen Baukunst errichtet werden. Selbst Stararchitekt Sir Norman Foster beugte sich dem und plante seinen Entwurf für den Neubau der HSBC Bank so um, wie der Feng-Shui-Meister es wollte.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          „In Deutschland aber kommt Feng Shui nicht aus der esoterischen Ecke heraus“, sagt Martin Schmidt-Bredow. Er hat lange auch geomantische Stadtführungen in München angeboten, in denen er aufzeigte, dass bereits unsere Vorfahren im Mittelalter im Prinzip nach ähnlichen Gestaltungsgrundsätzen bauten: Sie schufen Marktplätze, die wegen ihrer Formen und Brunnen beliebte Treffpunkte und „Energieorte“ waren, bedienten sich mystischer Symbolik und richteten neugegründete Stadtkerne samt der sie durchschneidenden Verkehrsachsen nach Himmelsrichtungen aus. Sie bezogen die Elemente der Natur noch mit ein. Irgendwann im 20. Jahrhundert ging dieses Wissen verloren.

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