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Urban Art : Auf Kuschelkurs mit der Öffentlichkeit

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Menschen fühlen sich eingeladen, die Stadt zu gestalten – nicht alle setzen auf temporäre Kunstwerke wie der Kreidezeichner David Zinn. Bild: David Zinn

Früher ging es bei der Street Art meist um Protest. Heute nehmen Künstler den öffentlichen Raum oft fröhlich und freundlich in Beschlag. Und werden dafür toleriert oder gar geschätzt.

          Ist das Kunst, oder kann das weg? Hätte man die Frage beim Anblick so manchen Stücks Urban Art vor ein paar Jahren gestellt, wäre die Antwort klar gewesen: „Weg natürlich! Und bitte auch noch mal dick mit Anti-Graffiti-Lack überpinseln!“ Heute hingegen ist die Sache mit der Kunst im öffentlichen Raum keineswegs mehr so einfach zu klären.

          Besonders in Metropolen gehört sie mittlerweile selbstverständlich zum Stadtbild. Hier werden Schlaglöcher begärtnert, Bänke und Laternen mit bunten Häkelpullovern überzogen oder meterhohe, beeindruckende Murals an Fassaden gemalt. Klar, auch das findet nicht jedermann schön, aber scheinbar wird Urban Art nicht nur immer mehr toleriert, sondern sogar geschätzt.

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          Warum aber dieser Wandel? Hat sich die Kunst geändert oder die Wahrnehmung? „Beides“, sagt Christiane Varga, Autorin der Studie „50 Insights – Die Zukunft des Wohnens“, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Hatte man früher noch häufig das Gefühl, dass diese Kunst durch Protest befeuert werden würde, nähmen Street-Artists ihre Umgebung heute deutlich freundlicher in Beschlag, fügt sie hinzu.

          Ein gutes Beispiel dafür sind die Arbeiten von Anonymouse MMX. Das Künstlerkollektiv erregte mit der Installation des winzigen Mäusecafés „Il Topolino“ Aufmerksamkeit, das es in einer Nacht- und-Nebel-Aktion im Malmöer Stadtteil Möllan in eine Hauswand einziehen ließ. Binnen weniger Stunden wurde die Aktion zum Social-Media-Hit, was auch die Macher selbst überraschte.

          Freundliche Aneignung: Das schwedische Künstlerkollektiv Anonymouse MMX hat in Malmö ein „Mäusecafé“ eingerichtet.

          „Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich irgendwer außerhalb eines Radius von vier Blocks für unsere Arbeit interessieren würde“, sagt Yasha Mousekewitz, die schon zu Beginn des E-Mail-Interviews klarmacht, dass Fragen zur Identität der Mitglieder nicht beantwortet werden. Schließlich ist Anonymität ein wichtiges Gut, wenn man einerseits an der Grenze zur Legalität arbeitet und sich andererseits auch zukünftig künstlerisch nicht einschränken lassen will.

          Der öffentliche Raum werde heute viel stärker genutzt

          Dabei verfolgen Anonymouse mit ihrem Werk kein gesellschaftskritisches Ziel. „Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt eins haben“, gesteht die Sprecherin der Kunst-Nager. „Unsere Hauptmotivation ist es in erster Linie, Dinge zu kreieren, die wir selbst witzig finden, und damit unseren Beitrag zu den ansonsten langweiligen europäischen Innenstädten zu leisten.“

          Ein wichtiger Punkt, bestätigt Christiane Varga. „Die neue urbane Kunst geht eng mit der Aneignung des öffentlichen Raums, der Rückeroberung der Stadt einher“, sagt sie. Das läge auch daran, dass sich das Thema Wohnen an sich ausgeweitet hätte. Bis in die 1980er- Jahre war es auf die eigenen vier Wände bezogen, wobei auch der Begriff der Privatheit eine andere Rolle gespielt habe.

          Noch Urban Gardening oder schon Street Art? Ein bepflanztes Klo an einem Baum in Berlin-Neukölln.

          „In der Soziologie unterscheidet man drei verschiedene Orte: das Zuhause, die Arbeit und den öffentlichen Raum. Diese waren vor einiger Zeit noch strikt voneinander getrennt“, erklärt die Autorin. „Heute löst sich dieses Konstrukt aber immer mehr auf, weswegen der öffentliche Raum viel stärker genutzt wird.“ Meint: Draußen ist das neue Drinnen, weshalb sich immer mehr Menschen dazu eingeladen fühlen, diesen Bereich individuell zu gestalten oder ihn anderweitig zu gebrauchen.

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