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Ungewöhnliches Haus : Kirche? Turnhalle? Wohnloft!

  • -Aktualisiert am

Sakrale Stimmung: Die Fenster zaubern bei Sonnenschein psychedelische Muster auf den Boden. Bild: Bente Stachowske

Ein junges Paar träumt von einem großen Haus in Hamburg – und findet eine Kirche, die zum Verkauf steht. Dem Paar gelingt ein spektakulärer Umbau.

          Es klingelt an der Tür. Stefan Grattolf öffnet einem jungen Paar, das sich erkundigt, ob dies eine Kirche sei und ob man hier beten könne. Es ist sieben Uhr morgens, und Hausherr Grattolf ist über den frühmorgendlichen Besuch genauso überrascht wie die beiden Besucher über die Auskunft, dass es sich hier nicht um eine Kirche, sondern um ein Wohnhaus handele. Doch wer jetzt einen Sakralbau mit Turm und Glocke vor Augen hat, liegt auch falsch. Bis 2012 war das Haus in Alt-Kirchdorf, im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, tatsächlich eine Kirche, aber eine der Nachkriegsmoderne. Von außen hat sie wenig gemein mit traditionellen Sakralbauten - was auch schon für Verwirrung sorgte. Als Stefan Grattolf und seine Partnerin noch mit dem Umbau beschäftigt waren, ließen sie sich Pizza liefern. Der Pizzabote fragte irritiert „Wohnen Sie hier? Ist das keine Turnhalle?“

          In Kirchdorf passt vieles nicht so recht zusammen: Die Hochhaussiedlung Kirchdorf-Süd, in deren Schatten der historische Dorfkern von Alt-Kirchdorf aus dem 17. Jahrhundert liegt - und daneben die einstige „Hermann-Göring-Siedlung“ aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Im ländlich anmutenden Heimatschutzstil wurden hier Fachwerkhäuschen angelegt, mit großen Gärten für die Selbstversorgung der Hafenarbeiter, die ursprünglich hier wohnten.

          Grattolfs Eifer beendete den langjährigen Leerstand

          Mittendrin liegt eines der wenigen etwas moderneren Häuser, die ehemalige Kirche, die gleichzeitig Gemeindezentrum einer christlichen Gemeinschaft war. 1965 erbaut, verließ die Gemeinde ihr Gotteshaus vor drei Jahren. Gebäude und Grundstück sollten verkauft werden. „Abriss möglich“ hieß es ausdrücklich in der Anzeige. Bauträger zeigten Interesse, schlossen Vorverträge und suchten ihrerseits schon Käufer für neue Reihenhäuser. Auch Stefan Grattolf schaute sich Grundstück und Kirche gemeinsam mit seiner Freundin an - und war sofort begeistert. Das Paar lebte zu dem Zeitpunkt in einer kleinen Innenstadtwohnung und war auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus irgendwo in Hamburg oder Umgebung.

          Der Pizzabote hielt den Bau für eine Turnhalle.
          Der Pizzabote hielt den Bau für eine Turnhalle. : Bild: Bente Stachowske

          Weil Grattolf ursprünglich aus Wilhelmsburg stammt, waren beide besonders neugierig auf das angebotene Objekt. Schon bei der ersten Begehung sah der Architekt die vielen Möglichkeiten, die das Gebäude bot: Das Hauptschiff der Kirche ist ein lichtdurchflutetes Fünfeck mit zeltartigem Dach, hoher Holzdecke und bunten Kirchenfenstern. Vorangestellt ein langgezogener Flachbau, in dem die Sakristei, ein Jugendzimmer, Lager, Garderobe, Heizungsraum und Toiletten untergebracht waren, insgesamt 280 Quadratmeter Nutzfläche. An der Grundstücksgrenze alte Bäume und Wassergräben. „Noch am gleichen Abend habe ich mich hingesetzt und erste Skizzen gezeichnet“, erinnert sich Grattolf. Für ihn war klar: Die Kirche darf nicht abgerissen werden! Sie lässt sich umbauen und umnutzen. Und tatsächlich bekam er den Zuschlag - auch weil es der Gemeindevorstand begrüßte, dass die Kirche als Bauwerk erhalten bleiben würde.

          Die Nachbarn sind ebenfalls angetan. „Nach zwei Jahren Leerstand fiel das natürlich auf, dass sich hier etwas tut“, erzählt Stefan Grattolf. „Während des Umbaus schauten immer wieder Nachbarn vorbei und erkundigten sich, was jetzt eigentlich aus der Kirche wird.“ Rund anderthalb Jahre dauerte der Umbau, auch weil Grattolf und seine Freundin, die einen eigenen Kinderladen betreibt, neben ihren Jobs viele Arbeiten in Eigenleistung erledigten. Auch Freunde und die Familien packten mit an. Das ging schon damit los, dass das Paar Kirche und Gemeindezentrum mit Originaleinrichtung gekauft hatte und viele Gegenstände übernehmen wollte, andere aber verkaufte oder entsorgte. Die Heizkörper und Toiletten: verkauft. Der Schaukasten für die Gemeindenachrichten: verkauft. Die schönen Kugelleuchten aus den sechziger Jahren hängen hingegen weiterhin in Gruppen im Hauptschiff, das jetzt als großzügiges Wohnloft dient.

          Das Mosaik erinnert an Kubismus

          „Den Mittelgang und den Fluss des gesamtes Raumes wollte ich in etwa erhalten“, erklärt Architekt Grattolf. Die Stuhlreihen nutzte er dazu allerdings nicht. Stattdessen hat er in der linken Raumhälfte eine frei stehende, große Küchen-Kiste gebaut. Rechts steht die rustikale Essgruppe. Der Weg dazwischen führt - wie zu Zeiten der kirchlichen Nutzung - gewissermaßen zum Altar: Das Podest, auf dem der Altar erhöht vor der Gemeinde stand, haben die Neubewohner als Fundament genutzt, etwas vergrößert und mit Stäbchenparkett ausgelegt. Grattolf, früher auch halbprofessioneller Musiker und DJ, hat auf dem Podest seinen Hausaltar errichtet: ein selbst entworfenes Regalsystem für seine Stereoanlage und die Schallplattensammlung, daneben Couch und Fernseher.

          Stefan Grattolf und seine Freundin Sheila
          Stefan Grattolf und seine Freundin Sheila : Bild: Bente Stachowske

          An der Wand über der Stereoanlage hing früher das Kreuz, das die Gemeinde beim Auszug mitgenommen hat. Optischer Mittelpunkt des 160 Quadratmeter großen, fünfeckigen Raums ist aber die nach zwei Seiten hin offene Küchen-Kiste. Hier hat sich das Paar, das gerne gemeinsam kocht, eine schlicht-elegante Einbauküche samt Induktionsherd hineingesetzt. Die rund sechs mal fünf Meter breite Kiste, eine Holzrahmenkonstruktion, außen mit Gipsplatten beplankt und wie die Einbauküche selbst ganz in Weiß gehalten, ist auch oben begehbar: An der Außenseite hinter der Küche führt eine frei schwebende Treppe aufs Dach der Kiste. Hier hat sich Grattolf, der als freier Architekt häufig von zu Hause aus arbeitet, sein Büro eingerichtet. Von hier blickt er wie von einer Galerie auf den Wohnraum und durch die Kirchenfenster ins Freie. Der Ausblick ist schemenhaft, durch das bunte Fenstermosaik gebrochen.

          Den Putz gab's in Norddeutschland gar nicht

          Sakrale oder naturalistische Motive sind im Mosaik nicht auszumachen. Eher erinnert das Fenster an ein kubistisches Gemälde. „Mit Gästen rätseln wir immer gemeinsam. Jeder sieht etwas anderes“, sagt Stefan Grattolf. Bei Sonnenschein bricht sich das Licht und zaubert psychedelisch wirkende Effekte auf Boden und Wände. Es sind fast die einzigen Farben hier im Hauptraum, sonst dominiert das Weiß der Wände und der Küche, das Holz im Wohn- und im Essbereich und das Grau des Fußbodens. Die Einrichtung ist minimalistisch mit ein paar spielerischen Details. Afrikanische Figuren, ein paar kleine Bilder und Urlaubserinnerungen stehen in Mauernischen, lässig lehnen Surfboard und Gitarre an der Wand. „Das ist besonders grober Außenputz, den wir hier so vorgefunden hatten. Für Innenwände ist das unüblich, aber uns hat es gefallen“, erklärt Grattolf. Die schmalen Mauernischen, die jetzt als Regale dienen, sind entstanden, als die alte Heizungsanlage modernisiert wurde, die Heizkörper aus den Wandnischen herausgerissen und diese danach nur teilweise zugemauert wurden. „Um den gleichen Putz zu bekommen wie beim Rest der Wände, mussten wir ihn in Bayern bestellen. Hier in Norddeutschland gibt’s den gar nicht.“

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          Geheizt wird jetzt mit einer neuen Fußbodenheizung. Der Boden selbst ist einfach Estrich. Eigentlich sollte dieser wie üblich nur als Untergrund dienen. „Dann kamen wir aber auf die Idee, an einer kleinen Stelle einfach mal auszuprobieren, wie das aussieht, wenn man den Grund abschleift und versiegelt.“ Das Ergebnis war überzeugend, und so entschieden sich die Hausbesitzer, im ganzen Kirchenschiff den Estrich offen zu lassen. Diese Lösung war auch preisgünstiger als Parkett und vermeidet dessen dämmende Wirkung - spart also Heizkosten.

          Der Garten ist das nächste Projekt

          Die einzige bauliche Veränderung an der Außenhülle sind das große Fenster und die Tür zum Garten. Beide Öffnungen mussten aus dem dreilagigen Kalksandsteinmauerwerk herausgeschnitten werden. „Ich habe zuerst normale rechteckige Fenster eingezeichnet. Das sah aber wegen der Dachschräge nicht gut aus. Deshalb haben wir uns für schräge Fenster entschieden,“ so Grattolf. Ein Fensterbauer hat sie individuell angefertigt.

          Vor wenigen Wochen ist das Paar in seine Hauskirche eingezogen. Größte Baustellen sind jetzt noch der Garten und das Gästezimmer. Letzteres kommt in die ehemalige Sakristei im flachen Vorbau der Kirche. Auch Schlaf- und Badezimmer befinden sich dort. Dazu musste eine Wand herausgenommen und ein Stahlträger neu eingesetzt werden. Als Nächstes kommt nun der Garten dran. Der ist derzeit noch überwiegend gepflastert, weil er der Gemeinde als Parkplatz diente oder für Feiern genutzt wurde. Hier möchten die neuen Nutzer einen Rasen anlegen, vielleicht auch einen Gemüsegarten. „Unsere Nachbarn haben uns schon einen Fliederbaum und ganz viele Tomatenstöcke vorbeigebracht“, so Grattolf. Nicht jeder, der heute an der Haustür klingelt, ist also noch ein Gottesdienstbesucher.

          Quelle: F.A.S.

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